Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 475
 

Bahnhof Oberkochen 1945

Schäden durch Luftangriffe und Artilleriebeschuss. Das wachsame Auge des Oberkochener Bürgers Klaus Wiesenfarth befand sich wieder einmal im richtigen Moment am richtigen Ort. So gelangte kürzlich anlässlich der Auflösung der Oberkochener Dienststelle im Bahnhofsgebäude unter anderem der Durchschlag eines Schreibens, das mit Datum vom 27. Juli 1949 vom Bahnhof Oberkochen an die Deutsche Reichsbahn, Reichsbahndirektion Stuttgart gegangen ist, in dessen Besitz, ehe es endgültig »entsorgt« worden wäre. Freundlicherweise stellte Herr Wiesenfarth dem Heimatverein eine Kopie dieses 3-seitigen Durchschlags zur Verfügung.

Das vom damaligen und inzwischen verstorbenen Bahnhofsvorstand Anton Feil unterzeichnete Schreiben ist die Antwort des Bahnhofs Oberkochen auf eine Rundfrage der Deutschen Reichsbahn, Reichsbahndirektion Stuttgart vom 27. April 1949 an alle Ämter (usw,- s.u.) bezüglich Schäden, die im Zusammenhang mit Kriegshandlungen im Bezirk der Direktion Stuttgarts, entstanden sind. In dem 2-seitgen Fragebogen werden auch dem Bahnhof Oberkochen acht Fragen und Unterfragen zum Betreff »Auswirkungen des 2. Weltkriegs auf die Reichsbahn« zur Beantwortung gestellt.

Die angeschriebenen Stellen sind:
»An alle Ämter, RAW und Dirb, an die Ozl, an das Pa bei der BRD sowie an alle Haupt- und selbständigen Nebendienststellen - je bes –«

Wir haben die auf dem dritten Blatt dieses Vorgangs aufgeführten Antworten vom Bahnhof Oberkochen vom 27.Juli 1949 der besseren Übersicht halber im¬mer gleich im Anschluss an die betreffende Frage eingefügt.
Ansonsten ist der Wortlaut der beiden schreibmaschinengeschriebenen Schreiben übernommen.
Hier die beiden zusammengefassten Schreiben.
S = Stuttgart
0 = Oberkochen

Stuttgart, den 27.April 1949

S.

Der zweite Weltkrieg hat die Reichsbahn in besonderer Weise in Mitleidenschaft gezogen. So wurden durch Luftangriffe der Dienstbetrieb gestört oder unterbrochen, Bahnanlagen und Fahrzeuge geschädigt oder zerstört, sowie Reisende und Verwaltungsangehörige verwundet oder getötet.
Ähnlich wirkten sich mancherorts Landkriegshandlungen aus Anlass der Besetzung aus. Auch kam es im Zuge der Besetzung zu Plünderungen. Es ist wichtig, die Auswirkungen dieser Ereignisse auf die Reichsbahn im einzelnen zu erfassen, solange man dem Kriegsgeschehen noch näher steht und noch Verwaltungsangehörige da sind, die es an Ort und Stelle miterlebt haben. Zu diesem Zweck werden die in der Anschrift genannten Stellen gebeten, in einem Bericht folgende Fragen zu beantworten:

1. Frage S. Wurde die Reichsbahnstelle bei Bombenangriffen getroffen?
a) Wann?
b) Welche Schäden wurden bei den einzelnen Angriffen angerichtet?
c) Wie wirkten sich die Schäden auf den Dienstbetrieb aus?
d) Wer wurde verwundet oder getötet?
0. zu 1. nein

2. Frage S. Wurde die Reichsbahnstelle von Flugzeugen mit Bordwaffen angegriffen?
a) - d) wie Ziff 1.
0. zu 2. ja
a) Am Ostersonntag den 1. April 1945.
b) Mehrere Einschüsse im Empfangsgebäude, Wohnungen, Wartesaal sowie in dem nebenstehenden Abortgebäude.
c) eine Abortanlage ist seitdem nicht benützbar.
d) 9 Tote und mehrere Verwundete beim Angriff auf einen Zug

3. Frage S. Wurde die Reichsbahnstelle bei der Besetzung mit Waffen des Landkrieges angegriffen?
a) - d) wie Ziff 1
0. zu 3. ja
a) Vor Einmarsch der amerik. Truppen in Oberkochen am 24.4.45.
b) Durch Granatbeschuss wurden die Eingangsdoppeltür zum Empfangsgebäude sowie der Treppenaufgang zu den Wohnungen und Rissschäden in den Wohnungen verursacht. Außerdem wurde der Güterschuppen an den Seitenwänden beschädigt.
c) Die Schäden wurden durch das Bahnhofspersonal notdürftig behoben.
d) niemand

4. Frage S. Wurden von deutscher Seite Sprengungen oder Lähmungen vorgenommen?
a) Wann?
b) Was wurde gesprengt oder gelähmt?
c) Wer hat gesprengt oder gelähmt? (Angehörige der Wehrmacht oder Reichsbahnbedienstete?)
d) Wie wirkten sich die Sprengungen oder Lähmungen nach Kriegsende auf die Wiederaufnahme des Reichsbahnbetriebs aus?
0. zu 4. nein

5. Frage S. Wurde die Reichsbahnstelle von Plünderern heimgesucht?
a) Wann?
b) Waren die Plünderer Deutsche oder Ausländer?
c) Welche Schäden wurden angerichtet und was wurde entwendet?
0. zu 5) nein

DB: Zum Stichwort »Plündern« ist zu vermerken, dass laut Berichten von Alt-Oberkochenern, die im Heimatbuch auf den Seiten 201 und 202 wiedergegeben sind, gegen Kriegsende ein im Bahnhof stehender Güterwagen voll Kaffee stark erleichtert wurde.

6. Frage S. War die Reichsbahnstelle von Truppen der Besatzungsmacht besetzt?
Haben die Truppen Zerstörungen oder Beschädigungen angerichtet, gegebenenfalls welche? Haben sie Reichsbahnbediensteten den Zutritt zu den Räumen versagt?
0. zu 6) ja
Die Räume der Güterabfertigung waren erstmalig im Mai 1945 und das zweitemal einschließlich der Ladestraße von Mitte Juli bis Ende August 1945 durch amerikanische Besatzungstruppen belegt.

7. Frage S: Wurde die Reichsbahnstelle vor der Besetzung geräumt?
Wann und wohin setzten sich die Bediensteten ab? Wieviele setzten sich ab und wieviele blieben zurück? Wann kamen die Bediensteten, die sich abgesetzt hatten, wieder zurück? Wann wurde bei der Reichsbahnstelle der Dienst wieder aufgenommen?
0. zu 7)
Die Dienststelle blieb von sämtlichen hier wohnhaften Bediensteten besetzt. Der Dienst wurde Ende April mit Aufräumungsarbeiten wieder aufgenommen.

8. Frage S: Welche sonstigen besonderen Auswirkungen auf die Reichsbahn sind zu erwähnen?
0. zu 8)
Durch Sprengung einer Brücke der Landstraße durch deutsche Truppen wurde beim Einmarsch der amerk. Truppen der Bahnkörper zum Vormarsch benutzt, wobei von diesen der Weichenbock der Weiche 5 gesprengt und 6 Lichtmasten auf Bahnsteig 2 umgesägt wurden.
S: Schäden auf der freien Strecke erfassen die Bm, andere Schäden berichten die Reichsbahnstellen, bei denen sie entstanden sind.

Die einem Amt unterstehenden Stellen berichten zum 1. August 1949 dem vorgesetzten Amt. Das Amt sieht die Berichte durch und legt sie mit dem eigenen Bericht zum 1. September 1949 als Sammelsache der BRD vor. Dem eigenen Bericht fügt das Amt am Schluss einen kurzen Gesamtüberblick über die Störungen des Dienstbetriebs innerhalb des Amtsbezirks durch gewöhnliche Fliegeralarme an.

Die übrigen Reichsbahnstellen legen die Berichte als Sammelsache bis 1. September 1949 der RBD vor. Fehlanzeige ist nötig.
Beglaubigt. Knoeller, - (gez) Eißler - Stempel Reichsbahndirektion Stuttgart.
Ende des Schreibens.

Zu den Fotos:
Das Foto vom Abstellgleis zum Prellbock wurde 6. 7. 1988 von Klaus Wiesenfahrt aufgenommen. Auf dem Güterwagen befindet sich ein Trafo, der für das 1979 errichtete und 1988 erweiterte Umspannwerk in der »Schwärz« geliefert wurde.

Die beiden Fotos vom Bahnhof und vom Güterschuppen sind am 19.10.1998 vom Verfasser während des Abbruchs des damals über 130 Jahre alten Güterschuppens gefertigt.

Dietrich Bantel

 
 
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