Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 473
 

PRESSESCHAU (24):
OBERKOCHEN IN DER LOKALZEITUNG 1867 (3)

Im Februar 1867 war in Oberkochen der katholische Pfarrer Carl Wilhelm Desaller gestorben, ein vielseitiger Mann, der sich durch drei »P«: Priester, Politiker und Publizist einen Namen gemacht hatte. Nachdem schon über den Priester Desaller gesprochen wurde, wendet sich der heutige Bericht Carl Wilhelm Desaller als Politiker zu.

»...GEHÖRT ZUR LINKEN«, so definiert Carl Wilhelm Desaller in der Oberkochener Pfarrchronik seinen politischen Standort, und als »Links« zu gelten war damals für einen Pfarrer etwas ungewöhnlich. Bei politischen Auseinandersetzungen wurde ihm gelegentlich von Gegnern angedroht, »öffentlich zu sagen, zu welcher Sekte er sich bekenne«. Andererseits waren »links« und »rechts« eigentlich nichts anderes als Angabe der Sitzplätze im Parlament. So saßen die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung in drei Blöcken, dem »Linken« (er nannte sich »demokratisch«), der »Mitte« (im ihr hatten sich die »Liberalen« gesammelt) und dem »Rechten« (mit dem Zusatz »konservativ«). Aber nun wurde die Sitzplatzbezeichnung rasch zur Kurzdefinition für die politischen Ziele der Gruppe. Die »demokratische Linke« machte sich für eine parlamentarisch demokratische Republik stark und die »liberale Mitte« spaltete sich auf in ein »linkes Zentrum«, das parlamentarische Monarchie anstrebte, und ein »rechtes Zentrum«, dem eine fürstliche Zentralgewalt mit beschränkter Volksvertretung vorschwebte. Da Desaller, wie berichtet, den Diensteid auf den württembergischen König abgelegt hatte, dürfte er bei seiner Selbsteinschätzung als »Linker« sich dem »linken Zentrum« zugeordnet haben, das eine parlamentarische Monarchie anstrebte.

SCHRITTWEISE IN DIE POLITIK
Vermutlich hat Pfarrer Desaller nicht eines Tages den Entschluss gefasst, Politiker zu werden, sondern er geriet durch die revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49 schrittweise ins politische Fahrwasser.

Zuerst machte Desaller bei einer politischen Debatte mit kirchlichem Hintergrund auf sich aufmerksam. Als im April 1848 Kandidaten für die Frankfurter Nationalversammlung gesucht wurden und im Wahlkreis Heidenheim Aalen ein Mitglied der »Deutsch Katholiken« gewählt werden sollte, wandte er sich scharf gegen die von der römisch katholischen Kirche abgespaltene Richtung mit der Bemerkung, »Lieber einen Juden nach Frankfurt entsenden zu wollen, als einen Deutsch Katholiken«. Damit verhinderte er die vorgesehene Nominierung und trug zur Entsendung von Moriz Mohl nach Frankfurt bei.

ABGEORDNETER
Das Leben des Oberkochener Pfarrers war fortan dreigeteilt in Besuche im Neresheimer Wahlkreis, Sitzungen im Stuttgarter Verfassungsparlament, Dienst in der Pfarrgemeinde Oberkochen. Vor allem die auswärtige Tätigkeit nahm viel Zeit in Anspruch. Wollte der Abgeordnete seinen Wahlkreis besuchen, musste er über eine Stunde mit der Kutsche, im Winter gar mit dem Pferdeschlitten fahren. Bei der Reise nach Stuttgart fuhr er mit dem Pferdeomnibus nach Süßen, von wo er den Zug nach Stuttgart benutzen konnte.

Zunächst war aber dem Neugewählten eine Verschnaufpause gegönnt, denn die Verfassungsversammlung wurde erst auf 30. November 1849 nach Stuttgart einberufen. Da bei der Wahl die politisch links stehende Volkspartei eine »Zweidrittelmehrheit« errungen hatte, reichten im Stuttgarter »Halbmondsaal«, dem Tagungsort württembergischer Volksvertreter, die links liegenden Plätze nicht aus, weshalb sich der Abgeordnete Desaller »im Zentrum sitzend« fand, obwohl er als politisch »Linker« dort nicht hingehörte.

Über Desallers parlamentarische Aktivitäten ist nicht allzu viel berichtet, denn er gehörte nicht wie Moriz Mohl, der nahezu in jedem Sitzungsbericht genannt war, zur »Creme« des hohen Hauses. Doch berichtet der »Bote von Aalen« über die Sitzung am 19. Dezember 1849: »..nachdem der Abgeordnete Desaller geredet hatte, wurde der Antrag zur Verfassungsänderung mit 54 : 6 Stimmen angenommen«.

Nun aber musste dieser Beschluss dem König von der sog. »Adress Kommssion« überbracht werden. Um dieser Kommission, der auch Moriz Mohl angehörte, mehr Gewicht zu verleihen, wurde sie durch vier Abgeordnete erweitert, und einer dieser vier war Carl Wilhelm Desaller, dem damit die große Ehre widerfuhr, beim König persönlich versprechen zu dürfen. Jedoch der König ließ sich in der Sache weder vom Juristen Mohl, noch vom Theologen Desaller, noch von anderen Parlamentariern beeindrucken und verweigerte die offizielle Annahme der »Parlamentsadresse«. Desallers Mission endete mit einer Niederlage, die zur Folge hatte, dass der König die Landesversammlung am 26. Dezember 1849 auflöste und eine Neuwahl ausschrieb. Dazu schreibt Desallers evangelischer Amtskollege in seinem Pfarrbericht: »Einige Bewegung brachte in die Einförmigkeit bürgerlichen Lebens die Wahl eines Abgeordneten zum verfassungsrevidierenden Landtag. Die Abstimmung fand für die hiesigen Wahlmänner in Unterkochen statt, Trotz der den Gang begünstigenden Witterung machten von 100 Wahlberechtigten nur 64 von Ihrem Wahlrecht Gebrauch. Am selben Tag wurde der hiesige katholische Pfarrer Desaller zum Abgeordneten in Neresheim gewählt mit der Mehrheit von 70 Stimmen.

Nun begann wieder eine arbeitsreiche Zeit für den Abgeordneten. Er hatte zu 36 Sitzungen nach Stuttgart zu fahren, hielt im Plenum auch die eine oder andere Rede, wobei es nicht nur um innenpolitische Fragen ging, sondern auch darum, ob Württemberg sich Österreich oder Preußen anschließen sollte. Allerdings war Desallers Meinung, eine Wahl zwischen beiden ist eine traurige, am liebsten würde man sich an ein einiges Deutschland anschließen.

Doch wiederum war den Verfassungsberatungen ein Ende gesetzt. Im Sommer 1850 schnappte die »Mausefalle« des Parlaments (siehe Abbildung) ein weiteres Mal zu: Die Abgeordneten wurden wegen nicht auszuräumenden Meinungsverschiedenheiten wiederum nach Hause geschickt.

Fortsetzung folgt

Volkmar Schrenk

 
 
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