Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 466
 

»So Dich ein Wind plaget« - Sonderausstellung des Heimatvereins
»Alte Bücher aus Oberkochener Häusern«

Am 26. Juni wurde im Heimatmuseum im »Schillerhaus« anlässlich der Stadtfestwoche die 10. Sonderausstellung des Heimatvereins Oberkochen eröffnet.

Der Aufruf an die Oberkochener Bürger war wiederum sehr erfolgreich. Von elf Leihgebern kamen insgesamt 52 Bücher zusammen, die in den Jahren zwischen 1518 und 1850 gedruckt wurden, und allesamt aus Oberkochener Besitz stammen. Die Sonderausstellung befindet sich im Raum 8 des Heimatmuseums und ist dort bis zum Stadtfest 2005 zu sehen. Beim ältesten Buch, das fast ein halbes Jahrtausend alt ist, handelt es sich um ein kleines in samtiges Rindsleder gebundenes Büchlein mit den 1518 in Paris in lateinischer Sprache gedruckten »Salomonischen Sprüchen« (Proverbia Salomonis Impressum Parrhisiy Anno Dni. millesimo quinqentesimo dechtim octavo).

Auf einige besonders interessante dieser alten Oberkochener Bücher soll hier in verschiedenen Beiträgen eingegangen werden.

Zum vorliegenden Buch
Hand- und Reisebuch aus dem Jahre 1775

Das Buch, von dem heute die Rede ist, wurde im Jahr 1775 gedruckt. Es handelt sich um ein »Hand- und Reisebuch«, das für »für alle und jede in die Fremde ziehende Junge Personen ... (u.a.)« geschrieben wurde. Das Buch weist ein bemerkenswertes »Taschenformat« auf, es ist 18 cm hoch und nur 8 cm breit, dabei ist es aber 6 cm dick.
Es besteht aus zwei Hauptteilen, nämlich einem »geistlichen« Teil über 567 Seiten und einem »politischen« Teil über 391 Seiten. Zusammen mit einem Landkarten Anhang und Registern hat das Buch also an die 1000 Seiten.

Zum Inhalt des Buchs (gekürzt):
Unterabteilungen zum »geistlichen« Teil sind:

1.) Pflichten, wie man sich gegen GOtt verhalten soll
2.) Tafel der Erkänntniß eines wahren Christen
3.) Episteln und Evangelia
4.) christliche Feste
5.) vom Gebet
6.) Lieder
7.) Reformations Historie
8.) Von den fürnehmsten Irrlehren..,

Unterabteilungen zum »politischen« Teil sind:

1.) Unterweisung, wie man sich mit den äußeren Gliedern des Körpers verhalten soll
2.) Unterweisung, wie man sich gegen Hohe und Niedere verhalten soll
3.) Wie sich ein junger Mensch gegen Frauenzimmer verhalten soll
4.) Nöthige Regeln, die ein junger Mensch zu beobachten hat
5.) Unterweisung zur Höflichkeit bey Tische
6.) Vom Verhalten auf der Reise
7.) Vom Schreiben, Rechnen und von der Buchhaltung
8.) Die europäischen Länder
9.) Arzeney.Büchlein

Übertragung der Titelseite:

Ernst Friderich Zobels,
Notar. Caesar. Publ. &c
neu angerichtetes
Hand und Reisebuch,
Für alle und jede in die Fremde ziehende
Junge Personen,
Sowol Kaufmanns Bediente, als auch andere
Künstler und Handwerks Gesellen;
Darinnen getreulich gewiesen wird,
Wie ein dergleichen junger Mensch seine
Wanderschaft nützlich antretten und
verrichten soll, dabey sich gegen GOtt, gegen alle
Menschen, auch gegen sich selbst, sowohl in als
ausser seiner Officin oder Werkstatt, und auf der
Reise, bis zu dessen Wiederkunft und Verheyrathung
aufführen und verhalten soll, daß er hie zeitlich und
dort ewig glückseelig seyn möge.

In zwey Hauptteile verfasset,
Davon in dem ersten Theil von Geistlicher,
in dem anderen

aber von Politischer Aufführung gehandelt wird,
Deren Innhalt bey jedem Theil besonders voran
gedruckt zu finden ist.
Samt einer Vorrede
Tit. Herrn Doct. Joh. Balthasar Bernholds,
s. Theol. & Graecae Linguae Prof. Publ. und der
Altdorfischen Kirchen Gerneine Pastoris,
Mit Röm. Kaiserl. und Churfürstl. Sächsischen
allergnädigste Privilegiis
Neueste und vermehrte Auflage
Nürnberg, in Verlegung
Joh. Andr. Enderis. Handlung 1775

Einige Textauszüge aus dem »geistlichen« Teil:

Aus: Unterricht, wer GOtt sey, nernlich ein Geist
Wilt Du dich gegen GOTT wohlgefaellig verhalten, und an Seel und Leib gluecklich seyn, so mußt du zuvor erkennen lernen, wer Gott seye, damit du an ihn glauben moegest. Er ist nemlich ein Geist, welcher von Ewigkeit her, aus sich selbst entsprossen, der alleine allmaechtig, allwissend, gerecht, guetig, barmherzig, allgegenwaertig, unermeßlich ist

Aus: Tafel der Erkaenntniß eines falschen Christen (1-13)
Zum Dreyzehenden:
Den sündlichen und fleischlichen boesen Lüsten widerstrebt er nicht, wehret auch den boesen Gedanken nicht, laesset sich seines Naechsten Gut geluesten, und trachtet darnach. Des Naechsten Weib sicher er mit luesternen Augen, aus einem ehebrecherischen Herzen; ist mißguenstig, neidisch, und goennet niemandem sein Wohlergehen, Nach dem Himmel sehnet er sich wenig, oder wohl gar nicht, hat kein Verlangen nach dem ewigen Leben, und liebet die Eitelkeit der Welt, samt ihrer Wollust weit mehr als seinen Schoepfer, der im Himmel wohnet.

Aus: Register der Gebeter

Taegliche Morgen und Abend Gebeter wie auch Gebeter zu Anfang und Ende der Wochen und Arbeit. Kirchen Gebeter. Gebeter auf die vornehmsten Festtage, Buß und Beichtgebeter. Communion Gebeter. Gebeter, welche ein junger Putsch, Kuenstler und Handwerksgesell in geistl. u. leibl. Angelegenheiten gebrauchen kann. Gebeter fuer Profeßion. Gebeter für Anliegen auf der Reise zu Wasser und Land, bey Krankheit und Todes Noth. Gebeter nach vollbrachter Wanderschaft, wann ein Geselle sein Meisterstueck zu machen antritt. Gebeter zur Erwaehlung eines Ehegemahls ... u.a..

Einige Auszüge aus dem »politischen« Teil:

Unterweisung, wie man sich mit den aeussern Gliedern des Körpers verhalten soll.
Von den Ohren.
Deine Ohren reinige zuweilen mit einem Ohr Loeffelein, welches du nebst einem Zahlstierer stets bey dir haben sollst, nicht aber mit dem Finger oder sonst einem Werkzeug. Ohrringe tragen will sich für einen modesten Menschen nicht wohl schicken.

Von der Nase.
Die Nase halte immerzu reinlich und butze dieselbe zum oefteren, vermittelst eines Schnupftuchs, und ja nicht mit den Fingern, damit der Unrath auf die Erde falle, woran alsobalden ungeschliffene grobe Leute zu erkennen sind. Nimm auch hiezu nicht dein Kleid oder Ermel, wie viel saeuische Leute gewohnet sind. ... Grable nicht mit den Fingern in den Nasenloechern, noch weniger ziehe damit einen Unrath heraus, womit den Leuten ein grosser Eckel verursachet wuerde...

Vom Abschlagen des Wassers und anderen Leibesnothduerftigkeiten.
Die Hollaender, auch sonst verschiedene Leute, machen sich zwar nichts draus, wann sie ein Wind plaget, solchen laut in Gegenwart anderer Leute streichen zu lassen, welche das Sprichwort haben: »Es ist baeter in de wiete Welt as in de enge Bueyck.«

Es lobe aber solches wer da will, oder defendire es so ist es nicht schoen... obzwar nicht zu laeugnen, daß das Verbergen ungesund ist, so wird doch ein hoeflicher Mensch Abwege finden koennen, dergleichen Gefangene heimlich zu entledigen. So dir unversehens ein solcher Gast ankäme, den du nimmer abweisen könntest, so blase nur die stinkende Luft über sich in die Höhe, so wird es niemand von den Anwesenden gewahr werden.

Auszüge aus einer langen Abhandlung, wie sich junge Purschen, Künstler oder Handwerksgesellen gegen Frauenzimmer verhalten sollen

Kurzes Compliment, wenn man neben ein Frauenzimmer zu sitzen kommt:
Mademoiselle, ich schaetze mich gluecklich, daß ich von jetzo die Ehre geniesse, Sie hier vergnuegt zu sehen, und aus dero angenehmen Discoursen zu profitiren. Ich will mich also in Dero gütiges Wohlwollen fernerhin empfehlen...

Ferner gibt es ausführliche Tips zu:
• Dem Frauenzimmer soll man die Zeit verkürzen,
• Was man mit Frauenzimmern discouriren soll.
• Von was man mit ledigen Frauenspersonen reden koennte.
• Was bey verehelichten Frauenspersonen sich zu reden schicker.
• Was man bey betagten Matronen reden moege.
• Grobe und zweydeutige Reden soll man meiden.
• Wie man das Frauenzimmer bey der Hand führen soll.
• Wie ein Frauenzimmer in eine Stube oder Gemach zu führen.
• Vielerley Taenze zu lernen ist überfluessig.

Wie man den Herrn eines Frauenzimmers um Erlaubnis bittet, wenn man dessen Frauenzimmer zum Tanze bitten moechte:
»Mein Herr! Ich nehme mir die Freyheit, Sie um Erlaubniß zu bitten, daß ich mit dero werthesten Jungfer (Mademoiselle) N einen Tanz thun doerfe. Sollte ich Sie aber dadurch an ihrem Discours stören, so bitte ich, meine Freyheit guetig zu excusiren.

Vom Verhalten eines jungen Mannes, wann er heyraten will.
Wie man den Braut Vatter anreden soll:
Hochgeehrter Herr! Demselben kann nicht laenger verhalten, daß ich meinen jetzigen Stand zu veraendern gedenke, und mit GOtt entschlossen bin, meine eigene Haushaltung anzustellen, worzu ich vornemlieb eine getreue Gattin noethig habe. Da ich nun zu dero Jungfer Tocher N. wegen ihrer besonderen Tugenden, eine herzliche Neigung trage, und mich gluecklich schaetzen wuerde, wenn ich selbige zu meiner kuenftigen Genossin bekommen koennte: So habe mir die Freyheit genommen, meinen Hochgeehrten Herrn um guetige Einwilligung zu dieser Heyrath gehorsamt zu ersuchen; wobey ich versichere, daß ich mich gegen die Jungfer Tochter so verhalten werde, wie einem getreuen Ehe Gatten zustehet, und mein Hochgeehrter Herr jederzeit ein sattsames Vergnügen daran haben können...

Aus dem Arzeney Buechlein

Noch ein bewährtes Mittel für die Schwindsucht
Siede in des Patienten Urin ein Ey und lege es geschält in einen Ameisenhaufen, die Schalen auch darzu: Wann die Ameisen das Ey gefressen, so wird der Patient wieder gesund.

Mittel wider unnatürliche Liebe, so einem zu Zeiten von losen Huren gemacht wird:
Ziehe ein paar neue Schuh an die blossen Fuesse, laufe damit eine Meile des Wegs oder weiter, daß die Fuesse wohl schwitzen. Hernach ziehe den rechten Schuh aus, geuß Wein oder Bier darein, thue daraus einen Trunk, so wirst du der unnatürlich geliebten Person von Stund an gram.
Solches geschiehet auch, wenn man sich mit einem Todtenzahn beräuchert.

Für die Warzen:
In der Stunde da der Mond neu wird, reibe eine jede Warze mit einer besonderen Erbse; thue hernach dieselben Erbsen in ein Tuechlein binden, und wirf sie hinter sich zurück hinweg, so vergehen sie und fallen ab. Solches geschiehet auch wenn man bey abnehmendem Mond die Warzen mit ungesalzenem Speck reibet, und solchen hernach in Mist, oder unter einer Dachtripf vergraebet, daß er bald verfaulet. Desgleichen vergehen sie, wenn jede Warze mit einem besonderen Knopf eines Strohhalms, so man ohngefehr auf der Misten findet, reibet, und wirft das Stroh wieder auf den Mist, daß es verfault, welches an viel 100 Menschen probiret worden.

Zusammengestellt und übertragen von Dietrich Bantel

 
 
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