Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 465
 

PRESSESCHAU (23):
OBERKOCHEN IN DER LOKALZEITUNG 1867 (2)

Am 21. Februar 1867 war wie berichtet der Oberkochener katholische Pfarrer Carl Wilhelm Desaller überraschend gestorben. Er war seiner Gemeinde nicht nur ein allseits beliebter Priester und Seelsorger gewesen, sondern hatte sich nach den revolutionären Ereignissen der Jahre 1848/49 als Politiker profiliert und war weit über Oberkochen hinaus geschätzter Publizist gewesen.
Zu diesen drei »P« nun einige Einzelheiten.

DER PRIESTER DESALLER
Aus dem württembergischen Heer in Ehren verabschiedet hatten die Eltern Desallers ca. 1817 die Mesnerstelle an der Wallfahrtskirche Kloster Weggental bei Rottenburg angenommen. Hier wurde der junge Desaller als Ministrant in gottesdienstliche Praktiken eingeführt, was dazu beigetragen haben mag, später den Beruf eines Geistlichen zu ergreifen. Mit 16 Jahren fand Carl Wilhelm Aufnahme im Ehinger Konvikt und wurde nach der Schulzeit Student der Theologie in Tübingen. 1838 in Rottenburg zum Priester geweiht, wurden ihm persönlich zugesprochene Worte des Domkapitulars Leitspruch für sein weiteres Leben: »Betrachten Sie sich als Vorsteher einer Gemeinde als Diener aller, verweilen Sie gerne in der Mitte der Kinder, nehmen Sie sich der Verlassenen, Bedrängten und Armen an«.

Als Jugendlicher und Student war Desaller körperlich schwach und konnte kaum aufrecht gehen. Dennoch nahm er als Vikar seinen Dienst ernst und erhielt die Beurteilung, »nicht nur zum Kirchen und Schuldienst sehr eifrig zu sein, sondern auch im Umgang bescheiden und standesgemäß«. Im Jahr 1842 wurde ihm seine erste eigene Pfarrstelle in Kolbingen übertragen. Und hier ereignete sich, wie er selbst berichtet, ein Wunder: »Mein Körper kräftigte sich, ich konnte plötzlich aufrecht gehen«. Anfangs 1846 bewarb sich Carl Wilhelm Desaller um die Oberkochener Pfarrstelle. Warum er dies tat, ist nicht berichtet. Mag sein, dass er die oberschwäbischn Patronatsstellen unter steter Aufsicht der Standesherren gegen eine tatsächlich selbstständige Pfarrei eintauschen wollte, vielleicht reizte ihn aber auch die Oberkochener konfessionelle Situation, als direktes Gegenüber einen evangelischen Pfarrei und dessen Gemeinde zu haben.

Desallers Investitur in Oberkochen fand am 6. Juni 1846 statt, ohne dass darüber in der Presse berichtet worden wäre. Evangelischer Kollege war bei seinem Amtsantritt auch ein Carl Wilhelm mit Nachnamen Valet, dem 1848 Friedrich Römer und 1851 Friedrich Wilhelm Dürr folgten. Die Pfarrer scheinen sich gegenseitig geachtet zu haben. Bemerkt doch Pfarrer Römer in seiner Chronik: »Das Verhältnis beider Konfessionen ist seit einer Reihe von Jahren ein äußerlich friedliches«.

Als Pfarrer oblag Desaller auch Sorge und Aufsicht über die katholische Schule, deren baulicher Zustand ihm Sorge bereitete, deren generelle Erneuerung an den Finanzen scheiterte. Dagegen konnte er im Jahr 1856 den neuen katholischen Friedhof an der Bahnlinie seiner Bestimmung übergeben. Leider sind von Pfarrer Desaller keine Predigten erhalten. Jedoch wird er als geistvoller Prediger und guter, verständnisvoller Seelsorger beschrieben, der von seinen Gemeindegliedern geachtet wurde, dem sie als ihrem beliebten Pfarrer auch seinen Abstecher in die Politik und den damit verbundenen Zeit und Kraftaufwand mit Geduld nachsahen.

Ehe nun Carl Wilhelm Desaller als Politiker gewürdigt wird, muss auf die damalige Stellung eines Pfarrers zum Staat eingegangen werden. Pfarrer mussten wie alle anderen Beamten den Diensteid auf den König ablegen. Als Vikar in Wolpertswende musste er deshalb am 18. Oktober 1839 vor dem Dekan in Ravensburg erscheinen und »bei seiner Priesterwürde Kraft eines Eides« geloben: »Ich Endesunterzeichneter gelobe, dem allerdurchlauchtigsten Könige Wilhelm von Württemberg, ineinem allergnädigsten Herrn, getreu und hold zu seyn... an keinen Zusammenkünften, Anschlägen oder Handlungen Theil zu nehmen, die zum Schaden gereichen und die öffentliche Ordnung und Ruhe stören könnten; vielmehr, wofern mir etwas von dieser Art zur Kenntnis gelangen wurde, hiervon ungesäumt Anzeige zu machen... die Staatsgesetze und Verordnungen auf das Pünktlichste zu befolgen, zugleich der Pfarrgemeinde Ehrfurcht und Gehorsam gegen dieselben einzuflößen... «

DER POLITIKER DESALLER
Carl Wilhelm Desaller hatte zwar nicht eines Tages beschlossen, Politiker zu werden, sondern die politischen Ereignisse als Folge der auch nach Deutschland überschwappenden französischen Revolution von 1848 sprachen seine historischen Interessen besonders an, und so engagierte er sich auch politisch:

Neben Kirche und Religion galt Desallers Interesse schon als Schüler und Student der Geschichte und historischen Zusammenhängen. Mitstudenten nannten ihn »Beobachter«, weil er meist eine Zeitung bei sich führte, um seine Umgebung mit politischer Kost zu informieren. Als junger Pfarrer beeindruckte ihn »ein berühmter Flüchtling«, dessen Bekanntschaft er auf dem über dem Bodensee gelegenen Schlösschen Arenenberg machte, und der kein geringerer als der spätere Napoleon III. war.

Desaller sah in seinen Gemeindegliedern nicht nur »Schäfchen«, die er auf den rechten Weg zu bringen hatte, sondern Menschen, die oft hart nur ihre Existenz zu ringen hatten. Denn Oberkochen war nicht mit natürlichen Gütern, guten Boden und Klimaverhältnissen gesegnet. Doch war der Oberkochener Pfarrer durchaus der Meinung, »dass sich die Menschen dort durch Betriebsamkeit und Fleiß auszeichneten«, weshalb er ihnen auch mit »weltlichem« Rat beistehen wollte.

Volkmar Schrenk

 
 
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