Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 46
 

Mittelalterliche Steine im Kocher?

Durch einen Hinweis von Herrn Josef Bauer wurde ich darauf aufmerksam, daß im Kocher etwa auf Höhe der Kläranlage einige große behauene Steine liegen, die möglicherweise zu einer Mauer gehören, die sich ins Ufer hineinzieht.

Im Bereich der Fundstelle wurde in der ersten Hälfte der 60-er Jahre viel aufgefüllt; - die uns 1971 von der Firma Carl Zeiss zur Verfügung gestellte Luftaufnahme aus dem Jahr 1964 zeigt durch den hellen Rand bei Pfeil (1) die seinerzeitige Grenze des aufgefüllten Geländes. Zuvor war ein Kochermäander unmittelbar vor der Fundstelle (1) begradigt worden. Die durch die Kocherbegradigung später überschwemmte Fläche war ursprünglich eine Wiese gewesen. Von den behauenen Steinen war vor 1964 nichts zu sehen, - sie waren überwachsen.

Anläßlich der erwähnten Begradigung an dieser Stelle wurde das ursprüngliche Kocherbett am Beginn des Mäanders zugeschüttet. An der Stelle, von der aus der Kocher, den Mäanderbogen in gerader Linie abkürzend, über das Wiesengelände laufen sollte, wurde lediglich die Grasschicht abgehoben. Den Rest besorgte der Kocher im Lauf der Zeit selbst.

Anfänglich war Herrn Bauer aufgefallen, daß hinter der Stelle, an der dann im Lauf der Jahre die Steine vom Kocher freigespült wurden, vom Wasser ein tiefer »Gumpen« ausgehölt wurde. Seine erstaunliche Tiefe gibt Herr Bauer mit 2 bis 3 Meter an. Kleine schotterähnliche Steine seien in diesem Gumpen gelegen, - kein Material, das hierher passte. Irgendwann haben dann im Kocher oberhalb des ausgespülten Gumpen die großen Steine herausgeschaut. Sie seien ursprünglich waagrecht im Wasser gelegen. Mit der Zeit habe sie der Kocher unterspült, sodaß sie kocherabwärts gekippt sind. Heute wirken sie, bei hohem Wasserstand, (wie am 9.10.88 und am 1.12.88) wie ein kleines Wehr.

Es sieht so aus, als ob im Kocherbett drei dieser großen Steine, die einen Querschnitt von ungefähr 55 cm und die beachtliche Länge von 73, 80 und 90 cm (!) aufweisen, liegen. Im rechten Kocherufer ist ein vierter Stein vom Ufer her betretbar. Unter ihm liegt ein fünfter teilweise im Wasser. Der vierte und der fünfte Stein befinden sich in Originalposition und im Originalverbund. Es ist nicht auszuschließen, daß die »Mauer« sich vom rechten Kocherufer weg ins Gelände fortsetzt.

Am gegenüberliegenden Kocherufer liegen ebenfalls größere Steine. Die beschriebenen im Wasser und im rechten Ufer liegenden Steine weisen allesamt 5 eben behauene Seiten, kocherabwärts jedoch eine sechste nur außerordentlich grob behauene Seite auf. Solcherart behauene Steinquader nennt man »Buckelquader«; sie sind für die Zeit des hohen und späten Mittelalters typisch. Vor allem zur Zeit der Staufer (12. und 13. Jahrhundert) wurden sie gerne verwendet (staufische Buckelquader).

Am 1.12.1988 stattete Frau Dr. Arnold, beim Landesdenkmalamt Stuttgart für das Mittelalter zuständig, der Fundstelle einen Besuch ab, konnte sich jedoch, wie erwartet, nicht weiter äußern, da, um die Quader zeitlich einzuordnen, eine Grabung notwendig wäre. Eine Grabung jedoch ist aus später angeführten Gründen zur Zeit nicht möglich. Frau Dr. Arnold wollte aber keinesfalls ausschließen, daß die Quader tatsächlich mittelalterlichen Ursprungs sind. Es wird ein Fundvermerk beim LDA aufgenommen.

Nun stellt sich die Frage, wie in aller Welt jene behauenen Riesenklötze an diese Stelle gekommen sind, - um was für eine Sorte von Gebäude es sich gehandelt haben mag, wann es errichtet, welchem Zweck es gedient, und wann es zur Ruine, weitestgehend abgetragen und dann vergessen wurde.

Im Jahre 1971 habe ich mir anläßlich meiner Nachforschungen zum Weilfeld - Römerkeller, und zu dem im 30-jährigen Krieg abgegangenen Weiler »Stephansweiler« eine Reihe von Notizen gemacht, die ich aus älteren Unterlagen zusammengetragen hatte, und die nun möglicherweise einen Sinn ergeben.

In einer Urkunde Kaiser Sigismunds vom 14.8.1419 über die Grenzen und das öttingische Geleitrecht ist in oder bei Oberkochen »das glogghaus« erwähnt. Ebendieses »glogghaus« taucht in einer Urkunde, die genau 240 Jahre später, nämlich im Jahre 1659 erstellt ist, wieder auf:

Anläßlich eines Rechtsstreits über ein Glaid (Geleitrecht) kamen 1659 zwei Abgeordnete von Kirchheim nach Oberkochen, um sich an Ort und Stelle ein Bild zu verschaffen. In der Beschreibung heißt es:

». . . .seind also von Ahlen den geraden Weg den Kocher zu rechten hand liegend lassend durch underkochen zu denen Ruderibus (»rudera« ist ein veraltetes Wort für »Schutthaufen« oder »Trümmerhaufen« (D.B.)), da vor allten das gloggenhaus oder ein Capel gestanden haben solle, geritten, und befinden sich viel grosse stein an einem Acker, aber daraus nit zu erkennen, ob sie von einem gebau gewesen, den die Zeit solche mutiert (verändert (D.B.)), verderbt und zernichtet. Von diesem steinhauffen eine große ackerlänge liget ein stuck von einer bildsäul, dabey ein grosser markstein; ob es nun den glaid oder anderes bedeutet, hat uns in nachfrag niemand sagen können. Nechst bey dem stein ist die Furt, dadurch wir geritten und zu oberkochen übernacht geblieben . . . .«

Diese von Pfarrer Trittler getätigten Auszüge aus der Urkunde von 1659 hatte ich 1971 von Fräulein Martha Gold, auf dem Rathaus Oberkochen beschäftigt, erhalten.

Die von Herrn Bauer entdeckten großen behauenen Steine kannte bis 1964 in Oberkochen niemand, - sie befanden sich bis dahin unter dem damaligen Geländeniveau.

Es mag kühn klingen, - jedoch scheint es mir zumindest nicht abwegig, diese Steine mit dem bereits 1419 erwähnten »glogghaus«, von dem im Jahr 1659 offenbar nur noch die »rudera« (»denen Ruderibus«) übrig geblieben waren, in Verbindung zu bringen. Das Gebäude mag im Zusammenhang mit der möglicherweise im 30-jährigen Krieg erfolgten Zerstörung oder Auflösung des Ortes »Stephansweiler« in Trümmer gegangen sein.

(In dem Werk »Das Königreich Württemberg« von 1906 heißt es klar, daß der Stefansweiler im 30-jährigen Krieg abgegangen ist).

Nun ist es nicht Aufgabe eines Heimatvereins, ausschließlich ins eigene Haus zu denken. So sehr es vielen Oberkochenern unter den Nägeln brennt, herauszufinden, wie es sich nun mit dem Römerkeller, mit dem Weilfeld, mit dem Stefansweiler, mit dem »glogghaus«, und mit den »Steinen im Kocher« genau verhält, so sehr müssen wir aus übergeordneter Sicht verstehen, daß es gute Gründe dafür gibt, daß es derzeit nicht möglich ist, hier einfach zu sagen: das Landesdenkmalamt soll eine Grabung durchführen, daß wir unserer Geschichte etwas näher kommen, - noch viel weniger zu sagen: Ärmel rauf, - wir buddeln nun. - selbst ist der Mann.

Abgesehen davon, daß das LDA bei weitem nicht die Mittel zur Verfügung hat, wenigstens alle Notgrabungen, das sind Grabungen, die durch aktuelle Veränderungen wie Neubauten, Straßenbau u.ä. notwendig werden, bis ins Letzte korrekt durchzuführen, gibt es eine Reihe von anderen Gründen, die dafür sprechen, daß nicht jeder Fundmeldung umgehend nachgegangen werden muß und kann.

1) Das LDA stellt sich - und das ist nicht zu widerlegen - auf den Standpunkt: Was im Boden drin ist, ist dort am besten konserviert. Beispiel: Wären die Mauern des Römerkellers noch heute im Boden, so könnten noch heute Verputz, künstliches Fugenwerk u.a. unversehrt vorgefunden werden. Beides ist inzwischen abverwittert und nur noch fotografisch belegbar. Auch käme es nicht vor, daß Vandalen Steine aus dem Mauerverbund herauslösen. Touristen schrecken bekanntlich nicht davor zurück, Pflastersteine aus der Via Appia auszubuddeln, in Nacht- und Nebelaktionen, um sie als »Souvenier« mit nach Hause zu nehmen.

Auch die Witterung tut weiteres dazu, um Ausgegrabenes mit der Zeit zu zerstören. D.h.: Freigelegtes muß gepflegt werden. Pflege verursacht Kosten, an denen meist gespart wird.

2) Die Grabungsmethoden verbessern sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Was heute nicht ausgegraben wird, kann in beispielsweise 20 Jahren mit wesentlich besseren wissenschaftlichen Resultaten ausgegraben werden, - zum Nutzen auch der Betroffenen. Hier heißt es »Geduld« zu haben im Interesse unserer Nachfahren.

3) Das LDA ist mit Notgrabungen dermaßen eingedeckt, daß es nichteinmal die laufenden Not-Grabungen intensiv durchführen kann. Auch fehlen wie gesagt die Mittel. Die 1980 in Oberkochen anläßlich der Alamannengrabung geborgenen Funde ruhen bis auf den heutigen Tag in den Kühlschränken des LDA und warten auf ihre Auswertung und Präparierung.

Frau Dr. Arnold erklärte sehr bildhaft, daß d. LDA darauf angewiesen ist, die Kühlräume ständig zu erweitern, weil das billiger und möglicher ist, als die Funde aufzuarbeiten. So werden die gelagerten Rückstände aufgrund einer schwer einsehbaren Finanzideologie des Landes immer größer. Leider.

4) Unseren Nachfahren sollen wir schließlich auch noch was zum Graben übrig lassen. Nicht alles schnell schnell, und halb, und oftmals auch schlecht ergraben, - sondern gelegentlich auch geduldig in die Zukunft schauen. Mit anderen Worten: Die »Steine im Kocher« schwimmen nicht davon, und was im Boden versteckt liegt, liegt dort am besten.

So »bitter« das für uns im Moment klingen mag: es bleibt bei Spekulationen. Auch schön. Vielleicht heißt es eines Tages: »Die Steine im Kocher« von 1964/1988 stammen von irgend einer unbedeutenden neueren Brücke . . . . Unwahrscheinlich, - aber so können wir uns jetzt doch immerhin vorstellen, daß wir das 1419 erwähnte »glogghaus« gefunden haben.

Zu einer echten Information gehört noch der Hinweis, daß jeglicher Fund meldepflichtig ist, und, daß auf eigenmächtiges Graben sehr hohe Strafen, bis zu 5-stellige Geldbeträge, stehen. Mit Recht.

Dietrich Bantel

Foto: Carl Zeiss
Fotogrammetrisches Laboratorium
vom 28.8.1964, 11.35 Uhr
Freigegeben durch das Innenministerium Baden-Württemberg 31/106 vom 1.10.1964

Legende zu der Luftaufnahme, die aus ca. 3000 m Höhe gemacht wurde:

0) Fußweg Kreuzmühle, Kläranlage, Unterkochen - im Zuge der alten Römerstraße, die vom Römerkastell Aquileja (Heidenheim) durch Oberkochen zum Reiterkastell Ala Secunda Flavia (Aalen) führte.

1) Fundstelle »Steine im Kocher«. Die durch die im Wasser liegenden Steine entstandene Engstelle und die damals große gumpenartige Auswaschung kocherabwärts unmittelbar dahinter sind im Foto erkennbar, - außerdem der helle Rand der frischen Auffüllungen.

2) Pfeil 2 zeigt in der Richtung, auf der im Originalfoto eine nach rechts im Bogen auf das Weilfeld zuziehende Spur erkennbar ist, die als altes Bachbett des Erlen- oder Edlenbachs, oder, wahrscheinlicher, als überwirtschaftete Verbindungsstraße von der Römerstraße übers Tal zum Römerkeller (sprich römischer Gutshof?) gedeutet werden kann. Kein Beleg. Das Gelände ist zwischenzeitlich aufgefüllt, - die Spur verwischt.

3) Hartplatz und Stadion; links davon Neubau Lebzelter sen.

4) Alte B 19, - heute Kreisstraße K 3292

5) Eselsweg. Die Bezeichnung deutet darauf hin, daß auf diesem Weg zu Zeiten des Oberkochener Hochofenbetriebs an der Kocherquelle, und später, Holzkohle auch vom Zwerenberg, auf dem eine kleine Siedlung nachgewiesen ist, nach Oberkochen gebracht wurde.

6) Die helle Verfärbung, auf die Pfeil 6 zuweist, zeigt in der Luftaufnahme von 1964 deutlich die Position des Römerkellers, der erst 7 Jahre später freigelegt wurde. Entdeckt wurde er 1964 nicht, weil die Aufnahme nicht luftarchäologisch ausgewertet wurde.

7) Baustelle für das Überführungsbauwerk der neuen über die alte B 19

8) Ebnater Steige. Gegenüber heute die Gärtnerei Vollmer. In diesem Bereich befindet sich die Quelle des Erlen- oder Edlenbach, der schon in vorrömischer Zeit zum Siedeln einlud: unter den keramischen Scherben, die 1971 im Bereich des Römerkellers gefunden wurden, befand sie auch sogenannte »la Téne«-zeitliche, also vorrömische Ware.

9) Firma Petershans und Betzler

10) Gartengrundstück Muckenhaupt.

Der gesamte Bereich zwischen Eselsweg (5) und Ebnater Steige (8) weist im Foto helle Verfärbungen und Flecken auf, die nach Aussage von Dr. Planck vom Landesdenkmalamt in Stuttgart, der die Aufnahme im Jahr 1971 sah, darauf hinweisen, daß hier tatsächlich mit größter Wahrscheinlichkeit eine abgegangene Siedlung vermutet werden darf, - allem nach der »verloren« gegangene Weiler »Stephansweiler«, auf den heute noch der Flurname »Stephansweiler Feld«, und die »Stephansweiler Mühle« kocherabwärts auf Unterkochener Gemarkung gelegen, hinweisen.

Das gesamte Gebiet liegt in der Wasserschutzzone der Stadt Aalen. Außerdem werden seitens des Landesdenkmalamtes gegen weitere Untersuchungen auch hier dieselben Argumente geltend gemacht, die im Zusammenhang mit den »Steinen im Kocher« angeführt werden.

Wir werden hierüber in unserem nächsten Bericht (BuG v. 16.12.1988, - Bericht Nr. 47) berichten Der Bericht 47 wird sich im übrigen mit einer Reihe von abgegangenen und vergessenen Orten, Weilern, Höfen und Kleinstsiedlungen auf Oberkochener Gemarkung beschäftigen.

Dietrich Bantel

 
 
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