Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 459
 

Mahlbuch der Scheerermühle

Wie bereits berichtet, hat der Heimatverein von Anni Borst außer dem bereits vorgestellten Mühlenbuch von 1751 eine Reihe weiterer Bücher von der Scheerermühle erhalten. Es handelt sich um Buchführungs-Dokumente aus der Zeit um die Mitte des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Diese befinden sich inzwischen in einer Vitrine im Raum 4 des Heimatmuseums.

Das Buch, von dem heute die Rede ist, nennt sich »Mahlbuch« (nicht zu verwechseln mit »Mühlenbuch«) und läuft von 1936 bis 1950. Es ist außerordentlich groß (43 cm breit, 33 cm hoch) und hat 200 bis zum letzten Blatt voll beschriebene Seiten.

Akribisch wird, jeweils mit Datum, Buch geführt über die zum Mahlen eingelieferten Weizenmengen und die jeweils daraus gewonnenen Weizenmehlmengen. Die Kundschaft kommt vorwiegend aus Oberkochen, jedoch auch aus allen umgebenden Orten wie Königsbronn, Zang, Ochsenberg, Stürzelhof, Zahnberg, Ziegelhütte, Itzelberg; auch Aalen taucht immer wieder auf.
Der Lohn für einen Mahlvorgang liegt zwischen 1,-- RM und 10,-- RM je nach Menge im Durchschnitt bei 5,-- RM.

Die Angabe für die Menge des angelieferten Weizens wird im Buchvordruck auf jeder Seite angegeben mit: »Mahlgetreide abzügl. Milter in Pfund«. Wenn einer unserer Leser weiß, was mit »Milter« gemeint ist, so erbitten wir Auskunft (Tel. Bantel 7377).

Eine Statistik (DB) über die Zeit von 14 Jahren zeigt, dass sich die Zahl der Mahlvorgänge ab 1936 stetig und dramatisch reduzierte.

Wurden für das Jahr 1936 noch 488 Mahlvorgänge registriert, so waren es bereits 1940 nur noch 358 und 1945 gar nur noch 173. Nach einem kurzen Anstieg am Anfang der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre wurde dann 1949 der absolute Tiefstand mit nur noch 92 Mahlvorgängen über das ganze Jahr registriert. Hierbei ist interessant, dass der Tiefststand nicht im Jahr 1945 bei Kriegsende, sondern für das Jahr 1949 ausgewiesen wird.

Leider ist kein Folge Mahlbuch auf den Heimatverein Überkommen, das belegt, bis in welches Jahr genau in der Scheerermühle gemahlen wurde. Hier sind wir auf wissende Alt Oberkochener angewiesen und bitten dringend um Mitteilung.

Eine weitere Statistik (DB) gibt Aufschluss darüber, welches die Monate waren, in denen über die Jahre am meisten Mahlvorgänge angefallen sind: Es handelt sich um den November mit 372 Mahlvorgängen in 14 Jahren. Ab November sinkt die Zahl der Mahlvorgänge gleichmäßig bis zum Juni, in welchem nur die Zahl von 248 Mahlvorgängen erreicht wird. Von Juni bis August schwankt die Zahl über dem unteren Bereich. Ab August steigt die Zahl dann wieder gleichmäßig an bis zum November.

Ergänzung zum Bericht 459 - Erschienen in BuG am 08.04.2004

Was ist »Milter«?

Auf unsere Frage nach dem Begriff »Milter« im Zusammenhang mit dem Mahlbuch der Scheerermühle erhielten wir zwei Antworten.

Eine Frau, die ihren Namen nicht nannte, glaubte sich zu erinnern, dass »Milter« der vom Müller einbehaltene Mahllohn in Form von einem Mehlanteil des gemahlenen Weizens sei. Die Antwort ging exakt in die richtige Richtung.

Ein weiterer Anrufer, Gerhard Geiger, hatte das Internet bemüht und die klare Antwort parat, dass »Milter« der Lohn des Müllers in Form von Getreide sei, das ihm zum Mahlen gebracht wurde. (1/16 oder 1/32 der Gesamtmenge).

In einer Beschreibung der Brettacher Mühle im Internet ist ein Sprichwort des Müllers aufgeführt: »Milter und kehren muß den Müller ernähren«.

In einem Kaufvertrag derselben Mühle aus dem Jahr 1837 wird unter Punkt 8, das »Milter« betreffend, erwähnt:
.... »so darf er (der Müller) von allen rauhen Früchten, als von Dinkel und Einkorn etc. den 16. Teil oder das 16. Simre *) fordern und nehmen, und ist er von allen glatten Früchten, ohne Ausnahme, wann sie auf die Mühle geschüttet und gegerbt **) werden, den 16. Teil zu nehmen berechtigt; ebenso ist er berechtigt, von allem in die Mühlen gebrachten Weizen der zu Mehl gemahlen wird, er mag gegerbt werden oder nicht, den 16. Teil als Milter zu nehmen. Von allen glatten Früchten hingegen, mit Ausnahme des Weizens, die in die Mühle gebracht, aber nicht gegerbt, sondern nur gemahlen und geschroten werden als von Roggen, Kernen, Gersten, Haber, Ackerbohnen, Wicken, Welschkorn und dergleichen darf er nur die Hälfte, also den 32. Teil nehmen. Jedoch ist die Bestimmung nur für die hiesigen Ortsangehörigen, welch ihren gesetzlichen Wohnsitz hier haben, anwendbar. Die Behandlung von Auswärtigen bezüglich des Milters ist dem Müller überlassen, der denselben in seinem eigenen Interesse, um eine Kundschaft zu erhalten, nicht zu viel Milter abnehmen wird.«

*) Im gleichen Bericht ist der Begriff »Simre« erklärt: »Simre oder Simmere« hölzernes Messgefäß für Getreide mit einem eisernen Querbügel.
Im Heimatmuseum finden Sie solche Messgefäße.

**) Der Begriff »gerben« wird dort so erklärt: »Gerbgang = Mühlengang, bei dem die noch nicht »nackten« Getreidesorten wie Dinkel und Hafer geschält wurden.«

Die Oberkochener Scheerermühle hat einen Gerbgang. Hans Scheerer erneuerte in Oberkochen die Tradition des im Land im Aussterben begriffenen Dinkelanbaus er baute Dinkel auf seinem Dinkel-Acker im »Bühl« an.

Im Heimatmuseum steht eine »Putzmühle«, mit der das gedroschene Getreide, d.h. (also die noch nicht »nackten« Körner), vermittelst eines Windrads von den Schalen (Spelzen/Spreu) getrennt wurde. Sprichwort: Die Spreu vom Weizen trennen.

Dietrich Bantel

 
 
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