Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 458
 

PRESSESCHAU (21):
OBERKOCHEN IN DER LOKALZEITUNG 1865/66

UNGLÜCK
Wie Dietrich Bantel in einem früheren BuG Bericht erzählte (Bericht 8 vom 11.3.1988), besaß Kronenwirt Josef Elmer (1893 - 1969) ein sog. »Lokomobil«, das zusammen mit einer Dreschmaschine von Oberkochener Landwirten zum Korndreschen benutzt wurde. Nun muss es aber in Oberkochen schon zuvor »eine große Dreschmaschine« gegeben haben, die »vielfache Benützung« erfuhr, die aber 1865 durch ein Unglück ins Licht der Öffentlichkeit geriet: Der Eigentümer der Maschine wurde von ihr erfasst und »von derselben so zusammengedrückt, dass er unter großen Schmerzen bald verstarb«.

»SOTTE UND SOTTE« OBERKOCHENER
Regelmäßig erschienen im Aalener »Amts und Intelligenz Blatt« Angebote von Agenturen, die Reisemöglichkeiten zur AUSWANDERUNG offerierten und Reisen »über alle Seehäfen, sowohl per Dampf als auch per Segelschiff zu billigsten Preisen und reeller Behandlung« anboten. Doch durften Auswanderungswillige nicht klammheimlich verschwinden, sondern mussten zuvor »verfassungsgemäße Auflagen« erfüllt, z.B. bei Schulden einen Bürgen bestellt haben. Erst dann gab das Oberamt die Erlaubnis zum Aufbruch ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten und veröffentlichte von Zeit zu Zeit Listen mit den Namen von Auswanderern im »Blatt«. Unter rund 70 Wagemutigen aus dem Oberamt finden sich im Jahr 1866 auch vier Oberkochener Familien: Georg Jakob Meißner mit Familie, Matthias Wiedenhöfer mit Familie, Josef Weber mit Frau und Johann Georg Späth.

Nun soll es in Oberkochen gelegentlich auch Schwindler gegeben haben. Im April 1866 klagte ein Aalener Metzgermeister im Blatt, am Ostermontag habe sich Michael G. von Oberkochen im Gasthaus »Rößle« als sein Sohn ausgegeben und einen Bürger um ein Glas Bier angepumpt. Als dieser vom vermeintlichen Vater das Geld wieder zurückhaben wollte, flog der Schwindel auf. Der Metzgermeister setzte daraufhin »das Publikum hierüber in Kenntnis, damit es sich in Zukunft nicht mehr von derartigen Schwindlern täuschen lasse«.

Obwohl in jenen Jahren Gründerzeit für Gewerbebetriebe war und Christoph Jakob Bäuerle damit 1860 in Oberkochen begonnen hatte, spielte die Landwirtschaft und mit ihr der LANDWIRTSCHAFTLICHE VEREIN des Bezirks auch in Oberkochen eine dominierende Rolle. Wer etwas im Dorf zu sagen hatte, war Mitglied des Vereins, der am 17. Juni 1866 seine Jahresversammlung abhielt, zu der auch folgende Oberkochener Mitglieder eingeladen waren:
»Schultheiß Wingert, Gemeindepfleger Balle, Gemeinderat Gold, Gemeinderat Wiedmann, Ochsenwirt Braun, Hirschwirt Fuchs, Müller Stadelmeier, Joseph Lindner, Lammwirt Schaupp, Josef Grupp, Seiler Koch, Jakob Sapper, Jakob Wiedenhöfer, Franz Wingert, Joseph Seitz, Joseph Schiebel, Melchior Maier, Joseph Veihl (Karlesbauer), Joseph Maier (Schmied), Xaver Geißinger, Jung Johannes Grupp, Ziegler Gold, Michael Schmid, Christian Schneider (Metzger), Christoph Schneider, Konrad Kolb«.

KRIEG IM LAND
Noch im April hatten Oberkochener Leser im Aalener »Blatt« vernommen: »Der Friede wird vorerst nicht gestört werden, Diplomaten haben das Wort«. Da aber bekanntlich Krieg Fortsetzung von Diplomatie mit anderen Mitteln ist, wurde im Frühsommer 1866 auch Württemberg in den sog. »Deutschen Krieg« verwickelt, bei dem es zwischen Preußen und den süddeutschen Staaten wie Bayern, Württemberg, Baden, Hessen (um nur einige der insgesamt 12 Verbündeten zu nennen) um die Vorherrschaft in Deutschland ging. Obwohl schon am 3. Juli 1866 die eigentlich kriegsentscheidende Schlacht bei Königgrätz mit einem Sieg der Preußen geendet hatte, drängten preußische Truppen nach Süddeutschland vor. Weil württembergische Soldaten den Befehl hatten, dies zu verhindern, kam es nicht allzu weit von Aalen und Oberkochen entfernt am 24. Juli 1866 bei Tauberbischofsheim zu einem Gefecht, durch welches zwar das weitere Vorrücken der Preußen verhindert wurde, die Württemberger aber viele Tote und Verwundete zu beklagen hatten.

Die Zeitung berichtet öfters von Truppenbewegungen per Bahn, die aber Oberkochen nicht berührten, weil es »nur« an der Stichbahn nach Heidenheim lag. Dagegen wurde in Oberkochen der Zeitungsappell gelesen, mit dem 12 Aalener Frauen und Männer zur Bildung eines lokalen Unterstützungs und Sanitätsvereins für Kriegsopfer aufriefen und um Geld und Sachspenden baten. Deshalb veranstaltete der evangelische Oberkochener Pfarrer Wilhelm Friedrich Dürr, der uns durch seine Zeichnung der evangelischen Kirche bekannt ist, eine Geldsammlung, die laut Zeitungsbericht 28 Golden erbrachte.

Als im August der Pulverdampf auf dem Schlachtfeld verflogen war, fanden sich in der Zeitung Verlustlisten mit den Namen gefallener und verwundeter württembergischer Soldaten, die namentlich genannt wurden. Unter diesen war auch »Soldat Anton Schmid aus Oberkochen« vom »5. Infanterieregiment König Karl«, der einen Schuss ins Bein im Spital zu Bad Mergentheim auskurierte.

Jedoch scheint das Leben vom Krieg unberührt weiter gegangen zu sein. Man kaufte und verkaufte, freite Lind ließ sich freien, man handelte und spekulierte ganz normal, was sich am Anzeigenteil des Aalener »Amts und Intelligenz Blatts« leicht erkennen lässt: Schafweiden wurden verpachtet (auch die von Oberkochen für 800 bis 900 Schafe), Märkte abgehalten, Kirschgeist, Arrak und Zwetschgenwasser angeboten, und auch Oberkochener waren eingeladen, im Aalener »Stadttheater« das Stück »Karl XII. Auf Rügen« anzuschauen. Wem dies zu ernst war, konnte sich beim Singspiel »Die Heirat vor der Trommel« vergnügen.

Vermutlich trügt aber dieser durch die Zeitung vermittelte Eindruck, denn wie Pfarrer Desaller schrieb, war 1866 insgesamt ein Jahr »mit heillosem Bruderkrieg und seinen Folgen, Geschäftslosigkeit, Armut, Krankheit und Teuerung«.

Volkmar Schrenk

 
 
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