Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 447
 

PRESSESCHAU (15):
OBERKOCHEN IN DER LOKALZEITUNG 1859

Im Gegensatz zu heute stehen in alten Zeitungsausgaben nicht politische Nachrichten und Meldungen auf der ersten Seite, sondern Bekanntmachungen der Obrigkeit und private Mitteilungen. Wenden wir uns heute solchen zu, die im Aalener »Intelligenz und Amts Blatt« während des Jahres 1859 aus Oberkochen erschienen sind und die interessante Fingerzeige zum Leben im kleinen Dorf am Kocherursprung geben können.

Bekanntmachungen und Mitteilungen

Sommerschafweide
Ende Juni 1858 wurde die Oberkochener »Sommerschafweide« für das folgende Jahr ausgeschrieben. Sie dauerte von Ambrosi (im April) bis Martini (im November). Während heutzutage Herden mit 200 Tieren als groß gelten, konnten damals auf Oberkochener Gemarkung »700 bis 800 Tiere« ihr Futter finden. Die Verpachtung geschah »auf ein oder drei Jahre, je nachdem sich Liebhaber zeigen«.

Mühlenerweiterung
Am 8. Februar gibt der Königl. Oberamtmann Bohnenberger bekannt:
»Müller Anton Linders Witwe in Oberkochen will in ihrer Mahlmühle eine Malzschrotmühle ohne Veränderung des Bestehenden einrichten« und fügte an, die Einspruchsfrist gegen dieses Vorhaben betrage 15 Tage.

Bei der genannten »Mahlmühle« handelte es sich um die »Obere Mühle«, vermutlich eine der ältesten Oberkochener Mühlen, die im Jahr 1953 abgebrochen bis dahin hinter dem jetzigen Geschäft »Norma« zwischen Kocher und den Fabrikationsgebäuden Adolf Bäuerle jenseits des Kocherkanals stand.

Müller Franz Anton Linder hatte ca. 1843 die Mühle übernommen. Ob er zur Zeit des Neubaus der Mühle im Jahr 1853 noch lebte, ist unbekannt. Jedenfalls führte seine Witwe den Betrieb weiter und wollte ihn durch eine Malzschrotmühle erweitern. (Weitere Einzelheiten zur Geschichte der Oberen Mühle finden Sie in den BuG-Berichten 14, 23, 167, 168).

Baumfrevel
Auf der Gemarkung Oberkochen säumten vielfach Obstbäume die Staatsstraße von Aalen nach Heidenheim. Wie der von 1849 bis 1889 in Oberkochen amtierende Schultheiß Michael Wingert am 28. April 1859 verlauten ließ, wurden diese Bäume »häufig ruiniert und zugrunde gerichtet«, ohne dass die Täter dingfest gemacht werden konnten. Im Frühjahr 1859 hatte die Gemeindeverwaltung den Baumbestand an der Straße ergänzt und teilweise neu gepflanzt. Zur Abwendung neuerlichen Baumfrevels beschloss der Gemeinderat »Jedem Anbringer eines Baumverderbers eine Prämie von 4 Kronentalern aus der Gemeindekasse« auszubezahlen. Nun hört sich »Kronentaler« recht splendid an, denn die eigentliche Währung bestand aus »Gulden« (= fl. Als Abkürzung für »Florentiner Gulden«) und »Kreuzer« (= kr., wobei 60 kr. = 1 fl. waren). Mit Talern wurde eigentlich gar nicht mehr gerechnet, ein Taler stand für 30 Groschen und ein Groschen war 12 Pfennige wert.

Geld zu verleihen
Obwohl die Oberkochener Hafner nach Feierabend oft sangen:
»Was kümmert mich die Welt, aus Dreck mach ich mein Geld«
und die Köhler ins selbe Horn stießen, allerdings nicht von »Dreck«, sondern von »Holz« sangen, waren die Oberkochener nicht eben mit irdischem Reichtum gesegnet. Auch konnten in einer Zeit ohne den heute üblichen Versicherungsschutz Missernten, Unfälle, Schadenfeuer die Betroffenen leicht in die Armut führen. Um so bemerkenswerter sind Angebote in der Zeitung, durch die 1859 sog. »Pflegschaften« die Vermögen aus Hinterlassenschaften verwalteten, teilweise größere Beträge zum Ausleihen anboten. So offeriert Gemeinderat Wiedenhöfer als »Pfleger« der Nachkommen eines Bäckers »200 fl. gegen gesetzliche Sicherheit zum Ausleihen«. Wenig später liegen bei der »Evangelischen Stiftungspflege« 250 fl. zum Ausleihen parat. Dann bietet Michael Hug aus einer Pflegschaft »900 fl. gegen 4 1/2 % Zins« zum Ausleihen an.

Schuldenliquidation
Als Gegenstück zum Ausleihen erscheinen aber im »Amts und Intelligenz Blatt« immer wieder Gläubigeraufrufe und Mitteilungen über Schuldenliquidation. Sie sind jedoch stets nur sozusagen Spitze des Eisbergs sozialer Tragödien, die sich meist im Verborgenen abspielten. So werden z. B. Gläubiger des Oberkochener A. K., »derzeit im Zuchtpolizeihaus in Hall«, aufgefordert, ihre Ansprüche beim Oberkochener Gemeinderat anzumelden. Oder in der »Gantsache des A.W. Weber von Oberkochen, gegenwärtig Torwächter in Wasseralfingen«, werden Gläubiger ersucht, beim Rathaus Oberkochen ihre Forderungen anzumelden und sich zur Besichtigung der vorhandenen Werte an einer »Liquidations-Tagfahrt« zu beteiligen.

Auswanderungen
Auswanderungswillige durften nicht klammheimlich »französischen Abschied« nehmen, sie hatten sich beim Oberamt zu melden und die verschiedensten Auflagen zu erfüllen. So waren die Vermögensverhältnisse offen zu legen. Wenn notwendig erließ das Oberamt einen Gläubigeraufruf, nachdem 30 Tage zu warten waren, ob Ansprüche angemeldet würden. Waren Schulden oder Hypotheken vorhanden, musste ein »Bürge« bestellt werden. Erst wenn alle Auflagen erfüllt waren, stellte das Oberamt einen Pass aus, gab seinen Segen und veröffentlichte die Namen der Auswanderer. So werden am 22. Juli 1859 unter 14 Auswanderern nach Nordamerika auch »Jakob Scheerer und Jakob Schuhmacher genannt«, während nach Bayern nur eine Person auswanderte.

Holzverkauf
Das Waldrevier Oberkochen unterstand damals dem Forstamt Schnaitheim, das im April 1859 aus den Staatswaldungen Langert und Bilz Holz »im Aufstreich« verkaufte. Angeboten waren ‑ und dies war nicht alltäglich ‑: »3 Ahornstämme, je in halber Klafter kirschbaumene und lindene Scheiter, 4 Klafter birnene Scheiten, und dazu »104 Klafter buchene Scheiter und 6587 Stück Buchen‑ und Birkenwellen«. Anzumerken ist, dass 4 Klaften zunächst die Spannweite eines Mannes bedeutete und ca. 2 Meter ausmachte. Daraus wurde dann als Raummaß für Scheiterholz der »Klafter« mit ca. 4 Raummetern.

Verkauf von Schafen
Natürlich war in Oberkochen Kauf und Verkauf von Schafen kein außergewöhnlicher Vorgang. Das Interessante jedoch an der im Aalener »Blatt«, am 22. Februar 1859 erschienenen Anzeige: »Feile Schafe. Gut gemästete Mutterschafe und Göltvieh verkauft ... « war der Auftraggeber, der evangelische Schulmeister Stingel. Zwar zählten Gartennutzung und Ackerbestellung zum Einkommen einer Lehrerstelle, auch Tierhaltung war nicht ungewöhnlich. Aber dass ein Lehrer mit Tieren handelte, um so die Haushaltskasse aufzubessern, scheint weniger oft vorzukommen.

Jedoch Lehrer Stingel war ein echter Tierfreund. Er nannte nicht nur vierbeiniges Vieh sein eigen, er war auch Freund gefiederter Kreatur: 40 Tauben sorgten dafür, dass es im evangelischen Schulhaus - es lag damals an der Ecke zwischen der Aalener und der heutigen Bürgermeister Bosch Straße - wie im Taubenschlag zuging. Mehr über Schulmeister Stingel ist in den BuG Berichten 184 und 185 erzählt.

FAZIT DES JAHRES 1859
Da in der Aalener Zeitung 1859 nur spärlich über Oberkochen berichtet wird, mag ergänzend erlaubt sein, zur Charakterisierung dieses wiederzugeben, was Pfarrer Carl Wilhelm Desaller in seiner »Kleinen Pfarrchronik« schrieb: »Der Winter ist sehr mild, Sommer heiß und trocken, Früchte mittelmäßig, Wein gut. Obst gab es fast gar keines. In der Nacht vom 4./5. Oktober brannte das Haus des L. Gutknecht im Katzenbach ab; wahrscheinlich Zufall.

Volkmar Schrenk

 
 
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