Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 446
 

Der Malawi-Fund

Damit ein Lebewesen zu einem Fossil werden kann, das z. B. in einem Museum landet, müssen eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein und außerdem viele glücklichen Umstände eintreffen.

  1. Das Lebewesen muss in der entsprechenden Gegend existiert haben.
  2. Es muss auf irgendeine Weise (Luftabschluss, Austrocknung u. a. in.) verhindert worden sein, dass es durch die normalen Verwesungs- oder Fäulnisvorgänge zerstört wurde.
  3. Die Erdschichten, in die das Fossil eingelagert wurde, mussten erhalten bleiben, durften also nicht durch Erosion abgetragen werden.
  4. Die Schicht mit dem Fossil muss wieder zugänglich werden, d. h. z. B. an die Oberfläche kommen.
  5. Das Fossil muss gefunden (entdeckt) und als solches erkannt werden.

Will man gezielt nach Fossilien aus einer bestimmten Erdepoche suchen, muss man sich zunächst einmal darüber informieren, wo die entsprechenden Schichten an der Erdoberfläche zugänglich sind.

Afrikanische Vor- und Frühmenschen wurden zunächst in Südafrika, dann in Ostafrika gefunden. Das ostafrikanische Fundgebiet in Tansania und Kenia wurde dann auf Äthiopien ausgeweitet. Dazwischen gab es aber eine große Fundlücke.

Prof. Dr. Schrenk machte es zu seiner Aufgabe, diese Lücke zu füllen. Er fand mehrere Stellen in Malawi, die erfolgsversprechend schienen. Dort setzte er sein Grabungsunternehmen an und wurde fündig. Es kam ein Unterkiefer zutage, den er Homo rudolfensis zuordnen konnte. Es fehlte einem Zahn dieses Unterkiefers ein Stück, das für bestimmte Untersuchungen sehr wichtig war. Eine relativ frische Bruchstelle zeigte, dass dieses Stück vielleicht erst bei der Bergung des Unterkiefers abgebrochen war. Eine Grabungsaktion im nächsten Jahr, bei der mehrere Tonnen Erdreich durchgesiebt wurden, war am Schluss von Erfolg gekrönt: Der Zahn war wieder vollständig! Fossilien einer späteren Grabung konnten Paranthrapus zugeordnet werden.

Welche neuen Erkenntnisse brachte der Malawi-Fund?

  1. Die Lücke zwischen den beiden großen Fundgebieten in Süd- und Ostafrika konnte geschlossen werden. Prof. Dr. Schrenk nimmt an, dass zumindest zeitweise ein Korridor bestand, der die Wanderung von Vor- und Frühmenschen zwischen den beiden Hauptsiedlungsgebieten erlaubte.
  2. Damit wurde auch das Verbreitungsgebiet der Vor- und Frühmenschen in Afrika erweitert. Später wurden von anderen Forschern noch Funde von Vormenschen aus Westafrika (Tschadsee) gemeldet, zu denen auch 6 Mill. J. alten Schädelreste gehören. Das veranlasste »Spektrum der Wissenschaft« zu einer Meldung, dass mit diesem Fund jetzt auch widerlegt sei, dass der Mensch in Ostafrika entstanden sei. Das ist natürlich Unsinn. Ein Fund beweist zunächst nur, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Art an dem Fundort gelebt hat, nicht dass sie sich dort entwickelt hätte. Das Fehlen von Fossilbeweisen besagt nicht, dass eine Art dort nicht gelebt hätte!
  3. Der Malawi Fund wird auf 2,2 Mill. J. datiert. Er ist damit der älteste Beleg der Gattung Homo.

Der Ursprung der Gattung Homo konnte so weiter zurückverlegt werden.
Der Schädel KNM ER 1470, der der Beschreibung des Homo rudolfensis zugrunde liegt, wurde von Meave Leakey aus über 150 Einzelteilen zusammengesetzt. Er zeichnet sich durch ein ungewöhnlich flaches Gesicht aus. Inzwischen wurde ebenfalls von Meave Leakey ein älterer Vormenschenschädel als Kenyanthropus platyops beschrieben, der auch recht flach ist. Frau Leakey meint, dass er ein Vorfahr des Homo rudolfensis haben gleichzeitig nebeneinander in Ostafrika gelebt, daneben noch ein oder zwei Paranthropus Arten.

Prof. Schrenk meint, dass man eher von einem Stammbusch als einem Stammbaum des Menschen sprechen sollte. Erst nach dem Aussterben des Neandertalers existierte nur noch eine einzige Menschenart gleichzeitig auf der Erde! Vor 50 Jahren sprach der damalige Doyen der Paläoanthropologen, Prof. Heberer, vom TMU, dem Tier Mensch Obergangsfeld, in dem in verschiedenen Entwicklungslinien typisch menschliche Merkmale in unterschiedlicher Häufigkeit und unterschiedlicher Ausprägung auftraten. Auch das war so etwas wie ein Stammbusch. In der drauf folgenden Zeit der »lumpers« wurde er zu einem Stammbaum mit wenig Verzweigungen reduziert.

Prof. Dr. Schrenk fand bei seinen Forschungen ein großes Entgegenkommen bei den Behörden in Malawi und bei der Bevölkerung an den Grabungsorten. Als Dank möchte er dort ein Museum der Vor- und Frühmenschenforschung einrichten. Er will so ein Verständnis für die Vorgeschichte des Menschen wecken und vielleicht auch ein paar Touristen in diese Gegend locken.
Wünschen wir ihm viel Erfolg dabei!

Horst Riegel

 
 
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