Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 439
 

Osterfahrt 1933 nach Vorarlberg
(von Karl Wannenwetsch, 1933. Schluss)

Unter dem Gipfel, in einem Kessel, der nur auf einer Seite offen ist, stellen wir unsere Schi ab, klettern dann zu Fuß über den Rand des Kessels hinauf, über die Gratwächten, und sind nach 5 Minuten auf dem Gipfel angelangt. Den Höhenrekord haben wir gebrochen, 3000 m hoch sind wir jetzt. Wir tragen uns ins Gipfelbuch, das im Sockel des Gipfelkreuzes in einer Blechschachtel liegt, ein. Um uns sehen wir die Gipfel und Zacken des Bregenzer Waldes, der Silvretta, des Parsenns. 1000 m unter uns liegt ganz winzig und in die Berge hineingezwängt, der Lünersee mit der Hütte. Jetzt sind wir sogar über die Wolken hinaufgekommen. Einzelne Nebelgebilde schwimmen unter uns so sachte und feierlich am Berg vorbei. Dann sehen wir hinab ins Ländchen Liechtenstein, nach Vaduz weiter oben blitzt das silberne Band des jungen Rheins herauf mit Chur. Nach NW sehen wir auf den Bodensee hinüber, links davon der Koloss, weil er so allein dasteht mit seinen 2500 m, Säntis. In 2 Stunden haben wir uns heraufgejagt wir freuen uns über die Leistung. Es ist 4 Uhr. Es ist etwas kühl geworden, die Sonnenstrahlung hat etwas nachgelassen, die Luft selbst ist hier oben in 3000 m ziemlich kalt (Pulverschnee trotz warmen Wetters).

Die Abfahrt ist anfangs sehr schwierig. Wir müssen über einen großen Steilhang hinunter, dessen Firnschnee später ½ m tief breiweich, und somit zum Kurven äußerst ungeeignet ist. Dann aber in flotter Fahrt bergab. Zum Schluss kommen wir wieder zum Kamin. Er ist 10 - 15 m breit gut 30 Grad steil und vielleicht 200 m lang. Obenrein 2 - 3 Serpentinen und dann ab brrr. Tiefe Hocke, zurückhängen, dass man nicht nach vorne stürzt. Nach drei Vierteln der wahnsinnigen Schussfahrt schlottern mir die Knie und Schenkel. Gerade jetzt in der größten Geschwindigkeit; sie raubt mir fast den Atem! Aushalten! Nicht nachgeben! Die ganzen Beine schmerzen von der Anstrengung der Muskeln. Der Wille schafft's doch. Sturzfrei kann ich diese Höllenfahrt beenden, was mich noch jahrelang freuen wird. In 25 Minuten haben wir diese 1000 Höhenmeter durchsaust.

Übernachtung in der Hütte
Am Dienstagvormittag überqueren wir den See (Lünersee), der Heimat zustrebend. Er hat etwa eine Eis- und Schneeschicht von 2 m Dicke, doch war diese Masse durch das Tau und Sonnenwetter am anderen Ende des Sees schon ziemlich aufgetaut, so dass wir fast eingebrochen wären und kaltes Nass hätten verspüren müssen, wenn nicht ein zufällig daherkommender Mann uns einen Ausweg gezeigt hätte. Dann kochten wir nochmals ab, schürten Latschenholz, sparen den Spiritus, um ihn nachher doch noch wegwerfen zu müssen, weil er übrig blieb. Der Fußmarsch nach Brand, Bürserberg, Bürs - Bludenz war landschaftlich wunderbar; körperlich war's zum Schluss ein wüster Schlauch, ich war auf den Füßen kaputt.

Im Quartier in Bürs bestellten wir dann Schnitzel und zum Trinken drei! Liter heiße Milch, konnten aber nur die Hälfte bekommen, da sie ausgegangen war. Im Nu war alles aufgeräumt. Jetzt bemerkte ich, dass das grelle Licht - ich hatte keine Schneebrille mitgenommen - in dieser großen Höhe meinen Augen geschadet hatte. Ich konnte nur langsam lesen, da ich die Buchstaben doppelt sah. Nach 2 Tagen waren sie wieder gesund, die Augen.

Am Mittwochmittag um 3 hatten wir ein Mittagessen in Friedrichshafen. Das 1. Mittagessen seit Gründonnerstag. Gute Suppe, dann Spinat mit Spiegeleiern. Wir hauten das Zeug - Spinat habe ich bis dahin nur ungern gegessen - hinunter, wie wenn wir 8 Tage lang kein Mittagessen bekommen hätten. Und geschmeckt hat das! Wie noch nie! Sparsam haben wir gelebt, das muss ich betonen, besonders, was das Essen anbetrifft, was in keinem Verhältnis zur Gipfelstürmerei steht. Ich habe außer Fahrgeld nur noch 14 Mark gebraucht. Das hatte insofern keine Folgen, indem ich in den nächsten 14 Tagen beim Schulegehen vormittags 2 Speikel Brot brauchte, jedesmal recht Hunger hatte, und das Mittagessen erst recht schmeckte.

8 oder 14 Tage später wird Osterreich für den Fremdenverkehr vollständig gesperrt. 1000 Mark Sperre. Da ham mer Glick ghat.
Solche Osterfahrten dürften noch oft kommen. S'war sähr schehn.
Hurra!

  

Karl Wannenwetsch

Dank und Glückwunsch
Wir bedanken uns bei Karl Wannenwetsch, Jahrgang 1910 (Wanne) für diesen sehr anschaulichen 3 teiligen Bericht zum Thema »Wie's früher beim Schifahren war«.
Wir verweisen auf unsere Schifahrberichte aus den 20er und 30er Jahren und wir erinnern an die Erzählungen der Brüder Clemens und Willibald Grupp. Sie und andere haben ja Schigeschichte geschrieben für Oberkochen.

In diesem Zusammenhang möchten wir vom Heimatverein darauf hinweisen, dass gerade die Familie Grupp über vier Generationen hinweg bis heute mit herausragenden Leistungen sowohl im nordischen als auch im alpinen deutschen Schilauf verbunden ist. Die Schi-Grupps leben quer durch die Generationen über Regina Fickert, geb. Grupp, Rosa Fischer, geb. Grupp, Hartmut Fickert in den Siebzigerjahren Deutscher Meister im Biathlon (zusammen mit Thomas Prosser sechs Jahre in der Deutschen Nationalmannschaft), und ganz aktuell den Namen Stoffel bis auf den heutigen Tag weiter:

Lena Stoffel ist ein über Harald Fickert, Sohn der Ida Grupp (1904 - 2000), einer Schwester der Brüder Clemens und Willibald Grupp und Harald und Regina Fickerts Tochter Monika eine Ur-Enkelin von Ida Grupp. Lena Stoffel, 18 jährige Abiturientin, wurde erst vor wenigen Tagen ausgerechnet in Schruns im Montafon, das in der Mehrtages Schitour von Karl Wannenwetsch beschrieben ist, Deutsche Jugend-Meisterin, inzwischen auch noch Schwäbische Meisterin im Slalom.

Der Heimatverein gratuliert herzlich.

Dietrich Bantel

 
 
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