Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 438
 

Osterfahrt 1933 nach Vorarlberg
(von Karl Wannenwetsch, 1933. Fortsetzung)

Um ½ 7 wachen wir auf am Samstagmorgen. Was wird wohl unser Nebel machen? Ich wende den Kopf zum Fenster. Sapperment!! Schönes Wetter!! Juhu! Ein sonniger Schneeberg leuchtet in unsere Dachbude. Raus! Raus! Zum andern Fenster hinausgeguckt! Heiliges Komma! Wegen einer riesigen Felswand sieht man nicht einmal zum Himmel rauf. Morgenessen brauchen wir keins. Schi richten. Um ½ 8 fahren wir schon über kratzigen Harsch in die liebe Bergwelt hinein. Beim Aufstieg von gestern solche miesen Gedanken und Vorstellungen! Und jetzt!

Wo Berge sich erheben,
zum hohen Himmelszelt,
da ist ein freies Leben,
da ist die Alpenwelt.
Es grauet da kein Morgen,
es dämmert keine Nacht;
dem Auge unverborgen
das Licht des Himmels lacht!

Herrliche Sonnentage sind uns beschieden. Von morgens ½ 8 bis abends 6 sind wir auf unsern lieben Latten. So gegen 10 Uhr, nach ½ stündigem Anstieg, wenn wir die erste Höhe, einen Sattel, erreicht haben, frühstücken wir: 1 Apfel oder 1 Orange und ein Schnitz Brot. Höhe 2300 m. Dann hinunter auf 2000 m, wieder auf 2200 m und dann in rasender frecher Schussfahrt an den Lünersee.

Auf dem Bach, auf einer Schneebrücke, bringen wir das Kochgeschirr in Schwung, und bald schmeckt uns eine leckere Maggisuppe mit anschließendem Vesperbrot. Fleischwaren gehen uns sehr bald aus, da wir nicht genügend mitgenommen haben. So leben wir dann als Vegetarier in der reinen blauen Gebirgsluft.

Im Öfental und über den Öfenpass ist es blödsinnig heiß, wie im Ofen. Am Schweizertor mit dem Grenzhäuschen ist auf dem Bänkchen sehr schön sonnig. Die Abfahrt zur Lindauer durch das steile schluchtige Tal ist sehr lehrreich und für bessere Schirgler etwas fast nie Dagewesenes. Der Steilhang beim herzigen Almdörflein bei der Hätte ist für uns ein »Fressen«. Immer höher wagen wir uns am Hang hinauf. Ein Genuss so eine rasende Fahrt durchzustehen. Zum neidigen Erstaunen der faulen sonnenbadenden Zuschauer, da wir uns auf der Hätte fast zu ruhig verhalten und die Zeit mit Karten spielen vertreiben und früh zu Bette gehen. Die Fahrt zur Tilisunahütte und Sulzfluh, 2800 m, machen die Herrschaften in 2 Tagen, wir schaffens halt in einem Tag. Nach Überwindung von 800 m Höhe am Drusentor Frühstück Apfel, Orange, Schokoladeripp. 2500 m gehts an einem schwülen Tag dem Ziel entgegen. Von links oben stürzen starke Schmelzwasser über die Felswände herab. An einem solchen Bache machen wir Mittag. Wir flüchten vor den unbarmherzigen Sonnenstrahlen unter ein schützendes Windjackendach, die Luft ist heiß. Mit den Schuhen stehen wir ins Schmelzwasser, dass die Füße kühlen, die Butter legen wir ebenfalls hinein, dass er nicht flüssig werde.

Danach folgt eine kleine Kletterei, vorsichtig steigen wir über die Felsplatten hinüber. Zu unserem Erstaunen fanden wir an diesem für uns schwierigen Ort Kuhmist! Auf der Tilisuna essen wir eine wohltuende warme Suppe. Die Sulzfluh, ein prächtiger Schiberg, fällt nach 1 ½ Stunden Anstieg. Lohnende Gipfelaussicht auf die Silvretta. Scherrende Abfahrt. Nach schwieriger Abfahrt vom Drusentor im Bruchharsch (Clemens im 50% Steilhang) haben wir einen fast zu sonnigen Tag erlebt. Da wir mit Sonnenbrandschmiere schlecht versorgt sind, geht es uns betreffs Sonnenbrand ziemlich schlecht. Wir kriegen Brandblasen, besonders Bruno. Am Montagmorgen hauen Wanne und Bruno ab; sie müssen ins Geschäft am andern Tag. Dabei zerkratzt sich Bruno sein krankes Gesicht wüst im glasigen Harsch durch Stürze bei der Abfahrt ins Tal.

Clemens und Willibald ziehen jetzt auch aus, auf der Lindauer. 5 Stunden Anstieg haben wir hinter uns. Wir 2 fahren zum Lünersee zur Douglashütte, 2000 m. Auf unserem Bach wird heute nochmals abgekocht. Haferflocken mit Kondensmilch. Halb können wirs essen, dann ists aus so füttert dies. Einzelne Wolken ziehen über die Kämme, das Wetter ist immer noch sehr schön. Um halb 2 quartieren wir uns in der Douglashütte ein. Wir möchten noch gern auf die Scesaplana rauf. Reichts noch? Wir fragen. Anstieg 3 Stunden; wir rechnen Abfahrt, wenns lang braucht, 2 Stunden. Dann wirds 7 Uhr, also reichts. Dass es ja nicht spät oder gar Nacht werden sollte, fahren wir gleich los. Anfangs normaler Anstieg durch einen steilen Kamin. Dann streben wir aber gleich in gerader Linie dem Gipfel entgegen. So steil s'geht.

Wie mit Seehundfellen, natürlich haben wir keine, steigen wir über die Bückel hinauf.
(Fortsetzung = Schluss folgt)

Karl Wannenwetsch

 
 
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