Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 436
 

PRESSESCHAU (14):
OBERKOCHEN IN DER LOKALZEITUNG 1858

Auflösung
Der letzte Bericht unserer Serie endete mit einem »Logogryph«, also einem Buchstabenrätsel:

Mit »D« triffst du's bei Mädchen,
mit »R« steht es beim Rädchen,
mit »S« pflegt es den Fuß zu decken,
mit »P« gar leicht uns anzustecken.

Wahrscheinlich kennen Sie die Lösung des Rätsels schon längst, doch der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Locken, Rocken, Socken, Pocken gemeint waren, wobei das letzte Stichwort auch in unseren Tagen unangenehme Gefühle weckt.

Aber nun zum Jahr 1858, zu dessen Beginn die Natur Kapriolen schlug.

WASSERNOT UND SCHNEE
Zunächst war der Winter recht moderat gewesen. Ende März jedoch schlug er nochmals zu: Alles erstarrte in eisiger Kälte, »vor allem in höher gelegenen Gebieten des Härtsfelds und des Aalbuchs musste das Wasser für Mensch und Vieh oft stundenweit auf Schlitten herbei transportiert werden«, so berichtete das Aalener »Amts- und Intelligenz Blatt«. Und weiter: »In vielen Häusern werden Kessel angefeuert, um Schnee für Haushalte und Vieh zu schmelzen. Ein Krug guten Wassers ist gegenwärtig ein kostbares Geschenk«. Zwar scheint Oberkochen dabei einigermaßen glimpflich davon gekommen zu sein, jedoch das »Königliche Hüttenwerk Königsbronn, das ganz allein auf Wasserkraft angewiesen ist, befindet sich in schwerer Not«, denn für die Arbeiter, die teilweise auch aus Oberkochen kamen galt: Keine Wasserkraft - keine Produktion und keine Arbeit - kein Verdienst. Mitte März setzte zu allem Unglück hin starker Schneefall ein: »Der Schnee liegt an manchen Orten 3 bis 4 Fuß hoch« (ca. 1 Meter), so wurde berichtet, und »die Post hatte mehrere Stunden Verspätung, auch mussten Postwagen aus dem Schnee ausgeschaufelt werden«.

Doch schließlich siegte der Frühling und es wurde, wie Pfarrer Desaller im Pfarrbericht schreibt, »ein sehr guter Sommer« mit allerdings »mittelmäßigen Früchten«.

SCHULMEISTER MORASSI
Bekanntlich gab es in Oberkochen nicht nur zwei Kirchen mit ihren Pfarrern, sondern auch zwei konfessionelle Schulen. Bei der katholischen Schule war im Jahr 1852 Schulmeister Johann Konrad Balluff, der 1827 den katholischen Kirchenchor gegründet hatte, auf eigenen Wunsch nach Ödheim bei Neckarsulm versetzt worden. Sein Nachfolger »starb am 30. Juli 1858 an der Wassersucht« (so der Pfarrbericht), für ihn kam als Amtsverweser Gustav Sautter an die Oberkochener katholische Schule.

Im Oktober 1958 wurde die Stelle zur Besetzung ausgeschrieben: »Die Bewerber um den katholischen Schul-, Mesner- und Organistendienst in Oberkochen, welcher neben freier Wohnung 273 fl. Einkommen gewährt, haben ihre Gesuche binnen 4 Wochen beim katholischen Kirchenrat einzureichen«.

Ob die Oberkochener Schulmeisterstelle mit ihrem dreifachen Dienstauftrag attraktiv war, mag bezweifelt werden. (Zur Verdeutlichung: Bei der Währungsumstellung 1870 wurde der Gulden zu 1,71 Mark umgerechnet; 273 Gulden entsprachen somit 467 Mark, und im Mai 1858 bezahlte man auf dem Aalener Wochenmarkt (in Oberkochen gab es noch keinen solchen) einen Gulden für 5 Pfund Ochsenfleisch oder 2,5 Pfund Butter.

Zur Einstufung der Oberkochener Lehrerstelle ist noch zu bemerken, dass zur selben Zeit auch die »katholische Schul-, Mesner und Organistenstelle zu Schöneberg bei Ellwangen« zur Besetzung ausgeschrieben war, allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass neben freier Wohnung ein Einkommen von 321 Golden geboten wurde.

Auf die freie Oberkochener Stelle wurde Schulmeister Morassi ernannt, der von Drakenstein bei Geislingen kommend sein Amt am 3. Dezember 1858 antrat und fortan 90 katholische Schulkinder zu unterrichten hatte. Morassi war damals 35 Jahre alt, ob er verheiratet war und Familie besaß, wird nicht berichtet.

Da er auch Mesner und Organist war und diese Tätigkeiten zuweilen auch während der Schulzeit ausüben musste, bestimmte er während seiner Abwesenheit meist eine Schülerin als »Aufschreiberin«, was ihn teilweise auch mit Eltern in Konflikt brachte. Bei der Leitung des Kirchenchor erwies er sich als tüchtig: »Unter Schullehrer Morassi kam der Katholische Kirchenchor zu hohem Ansehen« (Festschrift »175 Jahre Kath. Kirchenchor«). Im Winter musste er vor Unterrichtsbeginn den Schulraum heizen, blieb etwas vom »Schulholz« übrig, durfte er es privat verwenden, musste aber die Kosten fürs Holzmachen bezahlen. Auch scheint er umfangreiches Notenmaterial besessen bzw. zur Aufbesserung seiner Haushaltkasse mit Noten gehandelt zu haben. Denn am 26. Juli 1861 hatte er »Musikalien für Kirchenmusik, Orchester, Streichinstrumente, Gesang, Gitarre ect.« äußerst billig zu verkaufen.

Im Jahr 1878 wurde Morassi als »Aufsichtslehrer« nach Unterkochen versetzt. Dort unterrichtete er wie im Aalener »Amts- und Intelligenz Blatt« zu lesen ist bis zu seinem 70. Lebensjahr und feierte am 16. September 1893 sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum. Am 3. Dezember desselben Jahres wurde er in den Ruhestand verabschiedet. Mit der »Wehrdienstmedaille des Friedrichsordens« ausgezeichnet, dirigierte er bei diesem Anlass letztmals den Kirchenchor bei der Aufführung der F-Dur-Messe von Schütky in der Unterkochener Marienkirche.

REPARATURARBEITEN
»In der katholischen Kirche dahier ist eine Reparation vorzunehmen«, so lautet der Anfang einer Bekanntmachung des Oberkochener Schultheißen Wingert vom 24. Juli 1858 zur »Verakkordierung von Bauarbeiten«. Auffällig dabei ist, dass die Ausschreibung von der bürgerlichen Gemeinde ausgeht, offensichtlich weil der Großteil der Arbeiten sich auf den Außenbereich der Kirche bezog. Auch ging es (noch) nicht um die in jenen Jahren von Pfarrer Desaller angestrebte Erneuerung der wie Rudolf Heitele im Heimatbuch schrieb »zu eng und baufällig gewordenen Barockkirche«, sondern um kleinere Arbeiten im Kircheninneren, die mit rund 187 Golden veranschlagt waren.

Hauptanliegen war aber Abbruch der Umfassungsmauer und Einebnung des eingeschlossenen Platzes, wofür 425 Gulden ausgegeben werden sollten. Welcher »mit den nötigen Zeugnissen versehener Akkords Liebhaben« den Auftrag erhielt, ist nicht berichtet.

Volkmar Schrenk

 
 
Übersicht

[Home]