Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 435
 

Eisenschmiede am Kocherursprung
Karte von 1596

Zum 30. Geburtstag der »Narrenzunft Oberkochener Schlaggawäscher«, der in diesen Tagen gefeiert wir, möchte der Heimatverein einen kleinen Beitrag zur Historie der »Eisenschmiede« am Kocherursprung bringen, zumal vor allem im Zusammenhang mit der bei der Eisengewinnung entstehenden Schlacke immer wieder mit falschen Zahlen und Angaben operiert wird.

Bereits im Jahr 1955, also vor fast einem halben Jahrhundert, berichtete Franz Balle ausführlich im damals noch fast jungfräulichen Oberkochener Amtsblatt »Bürger und Gemeinde« (Erstausgabe 6. März 1953) in seiner Serie »Heimatkundliche Blätter«, in der Ausgabe vom 21. Januar über die Eisenhütte am Kocherursprung.

Zitat Balle:
Bis zum Jahr 1904 stand auf der Wiese beim Kocherursprung einsam ein Haus. Es hatte ein hohes Alter und den Namen »Schlackenwäsche«. Unsere dörflichen Geschichtsurkunden berichten, dass es sich bei diesem Hause um einen der ältesten Zeugen der mittelalterlichen Eisenhütten gehandelt habe, die schon im Jahre 1361 in unserer Gegend genannt sind. (Anmerkungen DB: Wohlgemerkt: An unserer Gegend, nicht in Oberkochen. Bei oberflächlichem Lesen ist diese Feststellung immer wieder sehr irreführend. Zum einen wird der Begriff »Schlackenwäsche« fälschlicherweise mit »Eisenhütte« gleichgesetzt. Zum anderen führt auch die Feststellung, dass das Oberkochener Gebäude »Schlackenwäsche« einer der ältesten Zeugen der mittelalterlichen Eisenhütten sei, zu verhängnisvollen Irrtümern, besser gesagt: Sie ist falsch: An späterer Stelle führt Balle nämlich selbst klar aus, dass der erste Hinweis auf eine Oberkochener Eisenschmelze nach seinen Feststellungen aus dem Jahr 1539 stammt und somit neuzeitlich und nicht mittelalterlich ist. Das 1904 abgebrochene Gebäude »Schlackenwäsche« ist, wie Balle später selbst ausführt, erst 1749 errichtet worden).

Fortsetzung Zitat Balle:
Die Mönche zu Königsbronn waren die ersten, die solche (Eisenhütten) eingerichtet und betrieben haben. Die weltlichen Grafen aber hatten bald Lunte gerochen, dass hier lohnender Erwerb um den Weg sei, und so meldete sich bald Ulrich von Helfenstein. Er ließ sich, wie es heißt, 1365 mit dem Eisenwerk in seiner Herrschaft Heidenheim belehnen mit der Erlaubnis, Mühlen und Hämmer an Brenz und Kocher anzulegen, wo sie mögen sein »zu Notdurft des Eisenwerkes«. Das Kloster Königsbronn brachte zu gleicher Zeit ein ähnliches Privileg heraus.

Balle schreibt weiter:
Die Anlage am Kocherursprung erscheint urkundlich erstmals 1539. Hierbei ist die »Schlackenwäsche« schon genannt. Auch zu Unterkochen stand damals eine Eisenhütte, ebenso bei Essingen. Das Werk zu Oberkochen wechselte oft seinen Besitzer. 1541 erhielt ein Peter Velzer (Vetzer DB) von Pragenhofen (Brogenhofen DB) die ellwängische Verwilligung, am Ursprung des Kochers zu Oberkochen einen Schmelzofen, eine Hütte und Läuterfeuer hinzustellen. Also war zu dieser Zeit die Ellwanger Herrschaft Grundherr des Anwesens, denn auch sie hatte sich schon frühzeitig in die Eisenhüttenwirtschaft eingeschaltet.

Aus dem Jahr 1611 ist verzeichnet, daß am Kocherursprung zu Oberkochen ein Schmelzofen, eine Eisenschmiede, eine Schlackenpoche (DB: könnte auf Schlackenwäsche hinweisen) und ein Laborantenhaus stehe. Dies alles sei darin im 30 jährigen Krieg (1618 - 1648, Schlacht bei Nördlingen 1634 DB) eingegangen. 1644 ist der Ofen abgebrochen worden und 1745 ist dann letztmals noch die Rede von einer Schlackenwäsche, die unter Widerspruch der Herrschaft Königsbronn von der Herrschaft Ellwangen neu erstellt worden ist.

Wir dürfen uns vorstellen, dass diese Eisenhütte zu Oberkochen nur eine kleine Belegschaft von wenigen Männern hatte, so dass das Vorhandensein der Hütte auf den bäuerlichen Charakter des Dorfes keinerlei Einfluss gehabt hat. Wenn wir lesen, dass das Eisenwerk im 30 jährigen Krieg eingegangen sei, so braucht das keine Zerstörung durch Soldaten gewesen sein, denn hier wie anderswo geschah es, dass in dieser Zeit durch viele Jahrzehnte die Anwesen verlassen waren, nichts mehr an ihnen instandgesetzt worden ist und so dem natürlichen Zerfall preisgegeben waren. Dies müssen wir auch bei der Oberkochener Eisenhütte annehmen, zumal von Kampfhandlungen aus dieser Zeit auf der Markung Oberkochen nichts bekannt ist. - Ende Zitat Balle.

Auf der hier abgebildeten Urkarte von 1830 ist das Gebäude »Schlackenwäsche« (1) eingezeichnet, ebenso der Kanal (3), dessen Wasser das unterschlächtige Wasserrad zum Betrieb der Blasbälge antrieb. Ferner die Insel, die kurz nach dem Kocherursprung (2) zwischen Kanal und Kocher entstand. Richtung Königsbronn ist die Flur und Wegbezeichnung »Schlackenweg eingezeichnet (5). Bei dem Gebäude Schlackenwäsche handelt es sich um das erst 1749 neu errichtete Gebäude, das 1904, weil stark heruntergekommen, geräumt und abgebrochen wurde.

Zu Eisenschmelze und Schlackenwäsche gibt es verschiedene Angaben, die zur Oberprüfung anstehen.

Franz Balle: Ersterwähnung des Schmelz und Eisenwerks samt Schlackenwäsche 1539. (BuG v. 21. 1. 1955)
Dr. Christhard Schrenk: Ersterwähnung des Schmelz- und Eisenwerks 1529 (Heimatbuch Seite 460)
Dr. Hans Joachim Bayer: Ersterwähnung des Eisenschmelzwerks 1551 (BuG v. 17. 10. 1986)
Marika und Dr. Joachim Kämmerer: Ersterwähnung des Eisenschmelzwerks 1551. (Heimatbuch Seite 129. Die Kämmerer'sche Angabe deckt sich mit der Oberkochener Schmelzofens in dem Hauptwerk »Die Geschichte der Schwäbischen Hüttenwerke« von M. Thier, 1965).

Eine Schlackenwäsche kann, trifft die Jahreszahl 1551 zu, schwerlich vor diesem Zeitpunkt bestanden haben.
Zwei Quellen zufolge ist jedoch eine Schlackenwäsche erst ab dem Jahr 1649, also nach dem 30 jährigen Krieg und der Zerstörung der Eisenschmelze (des »Hochofens«) im Jahr 1644 erwähnt. (H. Thier und Dr. H. J. Bayer)

Einige Angaben im Bericht von Franz Balle wären demnach wohl zu überprüfen. Fest steht aber ohne jeden Zweifel, dass alle Angaben, die die Ersterwähnung einer Schlackenwäsche am Kocherursprung weiter zurück als das Jahr 1529 datieren, mit Sicherheit falsch sind, da die Voraussetzung einer Schlackenwäsche das Vorhandensein eines Schmelzofens ist.

In dem bedeutenden Kartenwerk »Chorographia Ducatus Wirtembergici (Gadner Atlas) von 1595« in welchem das Herzogtum Württemberg in 28 Blättern dargestellt ist, zeigt das Blatt »Haydenhaimer Vorst« die »Eisenschmidt« am »Kocheruhrsprung« bei Oberkochen. Von einer Schlackenwäsche ist nicht die Rede. Da in späterer Zeit der Name »Eisenschmiede«, das auch für »Eisenschmelze« steht, aus der Mode gekommen ist und das der modernen Funktion entsprechend aktuelle Wort »Hochofen« benützt wurde, ist vielen Oberkochenern heute die Verbindung zwischen dem Namen einer Felsgruppe (mit Höhle) namens »Schmiedestein« hoch über dem Kocherursprung und der Eisenschmiede zu seinen Füßen verloren gegangen. Der Schmiedestein ist der Fels über der Eisenschmiede.

Unter dem Begriff »Schlackenwäsche« versteht man folgenden Vorgang. Die Schmelztemperaturen der damaligen Zeit waren, trotz Gebläse, noch so niedrig, dass in der Schlacke Resteisen enthalten war. Um dieses zu gewinnen, wurde die Schlacke meist von den Ärmsten der Armen zerschlagen, zertrümmert, zermalmt und die so pulverisierte Masse in geeigneten Vorrichtungen im fließenden Wasser gewaschen, d. h., das zertrümmerte Gestein wurde in mühevollen Arbeitsgängen weggespült und das Resteisen gesammelt und verkauft.

Wer sich die Mühe macht, unseren kleinen Kartenausschnitt aus der Karte »Haydenhaimer Vorst« etwas zu studieren, wird interessante Entdeckungen machen: Zum Beispiel ist der Grenzverlauf zwischen dem Ellwanger und dem Königsbronner Oberkochen samt beiden Kirchen deutlich erkennbar. Die katholische Kirche scheint als Turm damals nur den niedrigen romanischen Sockel gehabt zu haben, die evangelische Kirche, die ja nur 15 Jahre vor dem Kartendruck errichtet wurde, weist bereits das bekannte kleine Dachreitertürmchen auf. Die Oberkochener »Eisenschmidt« gehört bereits zu Königsbronn und nicht mehr zu Ellwangen.

Erlaubt sei am Rande auch ein Hinweis auf unseren Bericht 391 vom 27. 4. 2001, in dem wir ableiteten, dass die Silbe »ert« in Lang-ert, Wolf-ert, Eich-ert in verstümmelter Weise auf das alte schwäbische Wort »Hardt« = Wald zurückgeht. Wir finden das große Waldgebiet zwischen Unter- und Oberkochen als »Langenhart« bezeichnet, was so viel bedeutet wie langer Wald. Aus diesem Wort leitet sich das Wort »Langert« ab.

Der »schwarz Kochen-fl. (fl. kurz für »flumen / »fluvius« = Fluß) entspringt auf dieser Karte bei Unterkochen, wo heute der weiße Kocher entspringt. Es gibt noch die Kocherburg, bei Unterkochen und dicht bei Unterkochen eine »Eysenschmidt« und eine »Glaßhüdt«. Ebnat heißt noch »Ebnet«, was darauf hinweist, dass der Ortsname sich von der »Ebene« ableitet, auf der der Ort liegt. Zwischen Oberkochen und Königsbronn gibt es noch den »Eegerthof« und den »Eegertsee« woraus sich später der seelose Seegarten entwickelt hat. »Aala« befindet sich noch dicht am alten römischen Namen »ala secunda flavia«. Interessant wird auch, was Karl Burr in seinem Buch »Königsbronn - Gesicht und Geschichte einer Gemeinde« zu dem alten Namen von Königsbronn, nämlich »Springen« schreibt. Burr: »Springen« leitet sich von »entspringen« in Bezug auf die Brenz ab. 1302 ist »Springen« erstmals erwähnt. Der Name hielt sich bis 1818. Dann nahm auch der außerhalb des Klosters liegende Ort den Klosternamen »Königsbronn« an. Soweit Karl Burr. »Springen« ist zumindest auf dieser Karte von 1596 nicht erwähnt, dagegen aber das Kloster »Königsbrunn«.

Wer sich interessiert: Die Gadner Karte (Dukatus) von 1596 kann als Nachdruck historischer Karten über das Landesvermessungsamt Baden Württemberg bezogen werden.

Dietrich Bantel

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