Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 431
 

PRESSESCHAU (13):
OBERKOCHEN IN DER LOKALZEITUNG 1853/58

Pfarrer Desaller informiert
Auch in Oberkochen entschlossen sich immer wieder Leute zur Auswanderung nach Amerika. Um diesen Informationen zu geben über das, was sie im Land der »unbegrenzten Möglichkeiten« erwartete, veröffentlichte Pfarrer Desaller im Januar 1853 im Aalener »Amts- und Intelligenz-Blatt« einen Brief seines Schwagers Dr. Erath, »der eine Farm in der Nähe von New York sein eigen nannte«, in dem er ein anschauliches Bild amerikanischer Verhältnisse darstellte.

Zunächst nennt der Brief zwei Möglichkeiten zur Existenzgründung im neuen Land. Der sicherste, wenn auch beschwerlichste Weg ist, sich durch »harte Arbeit und Entbehrung aller Genüsse eine freie und sichere Existenz auf einem passenden Stück Land zu verschaffen«. Ein zweiter sei, so der Brief weiter, sich in Handel und Gewerbe zu versuchen. Aber dies »erfordert ein größeres Kapital und genaue Bekanntschaft mit der englischen Sprache und den Gewohnheiten des Landes«.

Weitere Informationen werden zu Schulen und Kirchen gegeben. Letztere sind »Sache freier Überzeugung« und jedem steht offen, sich einer der zahlreichen kirchlichen Gemeinschaften oder Sekten anzuschließen. Überhaupt mischt sich der Staat nicht in alles ein und gewährt dem Einzelnen »persönliche Freiheit, welche die Menschen ungemein kräftigt und stärkt«.
Soweit einige Gedanken, die Pfarrer Carl Wilhelm Desaller, der ja seine politische Tätigkeit inzwischen aufgegeben hatte, seinen Pfarrkindern mitteilte.

Da im Archiv die Zwischenjahrgänge nicht vollständig erhalten sind und Nachrichten über Oberkochen fehlen, greifen wir eine Meldung aus dem Jahre 1855 auf, bei der zwar kein eindeutiger Bezug aus Oberkochen gegeben ist, die aber zeigt, wie man früher einiges »durch die Blume« zu sagen verstand.

Knochenlieferung
Bekanntlich haben 1980 Hüttlinger Kinder den Anstoß gegeben zur Entdeckung eines alamannischen Gräberfelds in Oberkochen, denn sie spielten Fußball mit einem Totenschädel, der aus einem Oberkochener Erdaushub stammte. Als man in Oberkochen nachforschte, fand man zahlreiche wertvolle Grabbeigaben, und natürlich auch Knochen. Dass nun Knochen früher auch Handelsgut waren, lässt sich aus einer Zeitungsanzeige vom Februar 1855 entnehmen, derzufolge »die Lieferung von mehreren tausend Zentnern Knochen im Wege des Akkords« vorgenommen werden sollte. Wer aber, so ist zu fragen, sollte »mehrere tausend Zentner Knochen« benötigen (man stelle sich nur einmal diesen Knochenberg vor!), zumal außer dem Verhandlungsdatum 23. Februar genauere Angaben zum Käufer in der Anzeige nicht gemacht wurden?

Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage fiel auf, dass der 25. Februar 1855 als Bußtag begangen wurde, weshalb der Aalener Oberamtmann »an den vorhergehenden und nachfolgenden Tagen keine Erlaubnis zum Tanz erteilen« wollte. Sollte also der (vermeintliche) »Knochen Akkord« etwas mit Buße und Fasten zu tun haben? Der 23. Februar war im Jahr 1855 der erste Freitag nach Beginn der Fastenzeit und somit in Erinnerung an den Karfreitag ein herausgehobener Tag. Anlass, sich von »alten Knochen«, sprich Tollerei und ausgelassener Freude zu verabschieden, worauf die Aalener Zeitung diskret und wie gesagt »durch die Blume« hinweisen wollte.

Wenden wir uns nun einer Meldung aus dem Jahr 1858 zu, bei der nicht verbürgt ist, ob sie tatsächlich aus Oberkochen stammt, die aber in der Zeitung aus dem »Dorf  O.....« berichtet wird. Da es um die Frage
lutherisch oder kathoilsch?
geht, könnte sie aus Oberkochen stammen, da nicht allzuviele Dörfer konfessionell gemischt waren. Andererseits wird in ihr der örtliche Schultheiß, von dem anschließend die Rede ist, als etwas einfältig dargestellt, was vom damaligen Oberkochener Schultheiß Michael Wingert nicht behauptet werden kann. Doch entscheiden Sie selbst! Im August 1858 berichtet ein Einsender »aus dem Dorf O....« folgendes:

»Bei der Verlobung eines evangelischen Bräutigams mit einer katholischen Braut nahm der Schultheiß in den Verlobungsvertrag hinsichtlich der konfessionellen Stellung der später dieser Ehe entstammenden Kinder folgenden Passus auf: »Ist der erste Knabe ein Sohn, so werden die Kinder lutherisch, ist er aber ein Mädle, so werden sie katholisch«.

Kreisoberforstmeister?
Natürlich gab es Titel und Stellung eines »Kreisoberforstmeisters« nicht, und schon gar nicht in Oberkochen. Dennoch lesen wir diesen Titel im Februar 1858 in der Aalener Zeitung bei einer Nachricht aus Oberkochen. Ein Einsender berichtet dort von einer Neuigkeit, die darin bestehe, »dass vor einigen Tagen ein neuer Waldmeister gewählt wurde, dem man wegen seiner Befähigung zu dieser Stelle alsbald den Titel »Kreisoberforstmeister« beigelegt hat«. War es der Neid eines nicht zum Zuge gekommenen Bewerbers, war es Furcht, neue Besen könnten besser kehren, oder war es einfach Lust am Löcken wider den Stachel? Wie dem auch sei, der Gewählte griff ebenfalls zur Feder und nannte im Aalener »Amts- und Intelligenz-Blatt« den anonymen Einsender einen, der ihn wohl verhöhnen wolle, wenngleich nach Ansicht vieler Bürger wegen der »bekannten mangelhaften Bewirtschaftung der Oberkochener Gemeindewaldungen schon längst die Aufsicht eines Kreisoberforstmeisters sehr nötig und wünschenswert gewesen wäre«. Dennoch, so der neue Waldaufseher weiter, lehne er den Titel für seine Person ab, überlasse ihn aber gerne denen, »die ihn notwendig haben, um ihre Blöße und Unbedarftheit dahinter zu verbergen«. Er selbst wolle nur Waldmeister sein und verspreche dieses Amt gewissenhaft zu führen.

Was ist die Ehre eines Gemeinderats wert?
Um was es genau gegangen war, sagt die Zeitungsmeldung vom 23. Februar 1858 nicht. Nur soviel wurde deutlich, dass ein Oberkochener Bürger sich wegen eines Brunnens mit einem Gemeinderat angelegt hatte. Dabei war es zwar wie in Oberkochen durchaus immer wieder passierend nicht zu tätlicher Auseinandersetzung gekommen, doch hatte man sich Schimpfworte an den Kopf und mit unflätigen Ausdrücken um sich geworfen, so dass der Gemeinderat beim Aalener K. Amtsgericht gegen den Bürger eine »Ehrenbeleidigungsklage« einreichte.

Doch ehe es zur Verhandlung kam, machte der Gemeinderat in Form eines Vergleichsversuchs einen Rückzieher. Sein Angebot war, die Klage zurückzunehmen, wenn »der Gegner 1 Kronentaler an ihn, 2 an seine Frau und weiter zwei Kronentaler an seine Kinder zahlen« würde. Diesen Handel griff ein Einsender auf und fragte in der Zeitung, wieviel die Ehre eines Gemeinderats wert sei und ob »man um Geld die Ehre eines Gemeinderats verunglimpfen darf?«

Leider ist in der Zeitung keine Antwort auf diese Frage zu finden, weshalb wir uns bis zur nächsten Folge vertagen und den Lesern nebenbei anheim stellen, beim Bild, das die Einsendung zum Waldmeistertitel zeigt, das unmittelbar über dem »Eingesendet« abgedruckte Rätsel zu lösen.

Volkmar Schrenk

 
 
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