Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 43
 

Kindergarten in Oberkochen

Unser heutiger Bericht stammt wieder aus der Feder von Frau Luitgard Hügle aus Italien. Sie sandte uns niedergeschriebene Erinnerungen zum Thema Kindergarten in Oberkochen. Die Zeit, in die der Bericht verweist, ist die unmittelbare Nachkriegszeit. Der im Bericht erwähnte Sommerkindergarten befand sich bis 1948/49 hinter dem Schulhaus in der Dreißentalstraße, ungefähr dort, wo sich heute die hinteren Parkplätze befinden. Unmittelbar im Anschluß daran befanden sich die Gärten der Lehrer Leo Klotzbücher u. a. Ab 1949 war der Sommerkindergarten dann im Jägergäßle hinter dem früheren Forsthaus - heute Feuerwehrhaus.

Das von uns zu diesem Bericht veröffentlichte Foto stammt nach übereinstimmender Auskunft mehrerer von Frau S. Zweig befragter Bürger aus der Zeit vor 1930. Es ist angeblich 1927 anläßlich des ersten Kinderfestes in Oberkochen entstanden. Für diese Datierung spricht, daß sich links im Erdgeschoß des »Hirsch« noch die Stallungen befinden. Später befand sich dort der »Konsum« (heute Aalener Volksbank), rechts, in den Räumen der Scheuer, die Firma Krok. (Siehe dazu unser Foto Nr. 2, das uns freundlicherweise von Frau E. Nagel zur Verfügung gestellt wurde.)

Für das Jahr 1927 kommen als Schwestern (in unserem Bild sind 4 Schwestern erkennbar) laut einer Auflistung einer im Jahre 1981 anläßlich des 75jährigen Bestehens des Katholischen Krankenpflegevereins Oberkochen erschienenen kleinen Denkschrift nur in Frage:

Schwester Maria Dorothea (5.7.1924 - 1.4.1930)
Schwester Maria Lina (6.8.1924 - 16.5.1946)
Schwester Maria Ostiniana (7.5.1925 - 6.9.1934)
Schwester Maria Arialda (25.10.1926 - 20.9.1929)

Bezüglich Schwester Lina, die mit 22 Jahren einen außergewöhnlich langen Dienst geleistet hat, ist überliefert, daß sie als Kinderschulschwester für die größeren Kinder sehr beliebt war und von den Kindern nahezu »vergöttert« wurde.

Dem im Anschluß an diese Zeilen veröffentlichten Bericht von Frau Hügle darf noch angefügt werden, daß es tatsächlich zutrifft, daß das Schwesternhaus neben der katholischen Kirche bis 1944 Anlaufstation für Erste Hilfe war. Erster Arzt in Oberkochen war Dr. Sußmann, der, wie er im Heimatbuch selbst schreibt, 1944 »nach seinem Dienstschluß im Heidenheimer Wehrmachtslazarett bei den hiesigen Einwohnern eine wohl für alle Teile erfreuliche »Rauchfleisch- und Eierpraxis« betrieb.« Ergänzend darf auch aus der erwähnten Festschrift ein kleiner Ausschnitt aus dem von Pfarrer Snoeren verfaßten Bericht zur Geschichte des Krankenpflegevereins zitiert werden (1981): »75 Jahre also sind Schwestern, dem Franziskanerinnenkloster Reute zugehörig, im Dienst an den Menschen in Oberkochen. Wieviel stilles, gütiges und gekonntes Helfen an jung und alt, in gesunden und kranken lägen ist darin beschlossen.«

Dietrich Bantel

Kindergarten in Oberkochen
Das erste Mal war ich im Kindergarten im alten Schwesternhaus, bevor ich überhaupt in den Kindergarten ging. Ich hatte mir einen großen Spälter (Spreissen) ins Knie gestoßen, den meine Mutter nicht herausziehen konnte. Also lud man mich aufs Leiterwägele und ab ging's ins Schwesternhaus. Es war am Spätnachmittag nach einem Gewitter. Es hatte mächtig geregnet und vor dem »Lamm« strömte das Wasser zu einem See zusammen. Im Kindergarten waren die Stühlchen auf die Tische gestellt und man mußte erst Platz machen, bevor die Krankenschwester mein Knie versorgen konnte. In diesem Raum haben wir, dann im Winter unter Anleitung der Schwester gespielt, gebastelt und gemalt. Aber richtig schön wurde es im Frühjahr, als man raus durfte auf den Hof hinter dem Schwesternhaus. Als es auf Ostern zuging, warteten wir alle auf den Osterhasen. Als er dann am oberen Fenster des Schwesternhauses sichtbar wurde, war die Freude bei allen Kindern groß. Zuerst sah man nur manchmal die großen Ohren hinter den Fenstern, kurz vor Ostern jedoch wurde der große Osterhasenkopf sichtbar. In diesen Tagen mußte dann auch jedes Kind ein paar Eier, etwas Mehl und Zucker mitbringen, damit es nicht nur papierne Häschen im Osternest gab.

Von diesem Hof aus ging hinten raus ein Türchen: man kam ganz unten am Mühlbergele raus. Normalerweise war es geschlossen, aber beim Ausflug aufs Bildstöckle ging man am frühen Morgen durch diese Tür. Natürlich konnten nur die größeren Kinder mitkommen, denn es war ganz schön weit durchs Langenteich bis zum Bildstöckle und zurück. Aber man hatte den ganzen Tag zur Verfügung und auch ein Vesper und einen Tee dabei. So ein Wandertag durch den Wald mit Heidelbeerstauden, Pilzen und was es sonst noch im Hochwald zu sehen gab, war ein großes Erlebnis.

Wenn dann der Sommer kam, zog der Kindergarten um. Hinter dem Schulhaus war der Sommerkindergarten, eine Spielwiese und eine offene Holzhütte, die Schutz vor Regen und zuviel Sonnenschein bot. Um dahin zu gelangen, mußte man um das »Schulscheißhäusle« rumgehen. Da stank es mächtig raus und soweit man reinsehen konnte, war es auch nur mit Gummistiefeln zu betreten. Außerdem wurden die Kinderschüler natürlich von den großen Schülern aufgezogen und ausgelacht. Aber das Schlimmste war das letzte, eng eingezäunte Stück Weg bis zum Gartentor. Da war der Boden fast immer feucht und weich und es hatte Schnecken: Rote und schwarze, dünne und dicke und alle eklig.

Aber drin war es dann meist sehr lustig. Man sang und machte einen Kreis mit dem weinenden Mariechen in der Mitte oder alle setzten sich nebeneinander auf die Bank zum »Ringlen, Ringlein, du mußt wandern ...«. Einmal hat meine sonst beste Freundin mich sehr aufgezogen.

Ich bat meinen Vetter Hansjörg, sie in die Brennesseln zu schucken (stoßen). Kaum war sie wieder da und saß auf der Bank neben mir, als sie wieder anfing mit »Litsche, Pritsche .. .« Ich wußte mir nicht mehr zu helfen, nahm ihren Arm und biß kräftig hinein. Alle Zähne hat man gesehen und alle Kinder haben sich das bemitleidend angesehen. Ihre Mutter hat später zu meiner Mutter gesagt, man wüßte ja nicht, ob ich nicht vielleicht tollwütig sei und sie waren daraufhin lange nicht gut miteinander. Die sonst so gute Schwester Lina hat mich natürlich gleich mächtig ausgeschimpft.

Im Herbst ging es dann wieder ins Schwesternhaus. Diesmal hatte ich meinen Bruder an der Hand. Auf unserem Weg durch die Feigengasse staunten wir über die vielen Schwalben, die sich zwischen Balle, Seitz und Hommelbauer versammelten, um den Weg in den Süden anzutreten. Dort auf dem Hof, wo der Gutenbach verdohlt war, und man auf der rechten Seite das Wasser wieder heraussprudeln sah, war es auch, daß mich eine der zischenden Gänse mit ihren langen Hälsen mit dem Schnabel am Rockgepackt und in den Dreck gezogen hat. Ich kam mit dem Schrecken davon, doch traue ich den Gänsen bis heute nicht. Doch an die schöne Zeit des Kindergartens denke ich gerne zurück und wenn ich etwas suche, fällt mir automatisch ein, was uns die Schwestern vorgesagt haben: »Heiliger Antonius guter Ma, führ mi an mein Schlüssel na«.

Luitgard Hügle, Italien

 
 
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