Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 429
 

Rätsel

Beim letzten Mühlenfest brachte uns Franz Weber (Rose) das Oberkochener Steuerbüchlein seines Vaters Josef Weber zur Ansicht mit und schlug genüsslich eine Doppelseite des Jahres 1923 auf. In der zweiten Hälfte dieses Jahres hatte Josef Weber einige unglaubliche, ja astronomische Summen an Steuern an die Gemeinde Oberkochen entrichtet. War es im August 1923 ein Betrag, der noch knapp unter einer Million Mark gelegen hatte, dann fielen im September schon etwas mehr als 77 Millionen Mark an Steuern an, die Josef Weber als Einzelperson zu bezahlen hatte. (Das Gesamtjahreshaushaltsvolumen der Stadt Oberkochen betrug im Jahr 2001 ca. 53 Millionen Mark).

Den Erhalt der gewaltigen Summen bestätigte in der Regel der Gemeinde-Steuereintreiber Gold; aber auch mit den Namen Haas und Frank wird für den Empfang gezeichnet. Kein geringerer als der damalige Schultheiß Richard Frank persönlich nahm von Josef Weber am 14. 9. 1923 die stattliche Summe von 24 Millionen und fünfhundertzwanzigtausend Mark entgegen.

Im Oktober 1923 quittierten die Herren Gold und Frank dem Josef Weber den Erhalt von fast 510 Milliarden Mark. Am 10. 1. 1924 bezahlte Josef Weber an einem einzigen Tag die unvorstellbare Summe von 5,6 Billionen Mark Steuern. (Eine Billion = 1000 Milliarden = eine Ziffer mit 12 Nullen dahinter). Es muss sich bei diesem Betrag wohl um eine Steuer-Nach-Zahlung gehandelt haben, die, wie auch jetzt die D-Mark bei der Umstellung auf Euro noch in »alter Währung« angenommen wurde, denn der Höhepunkt des »Rätsels« war bereits im November 1923 erreicht. 5,6 Billionen Mark Steuern - ein Betrag, der nicht mehr vorstellbar erscheint; man könnte dafür auch sagen: 5600 (fünftausendsechshundert) Milliarden Mark.

Was geschah mit diesen Unsummen von Geld, die einmal im Besitz der Stadt waren? Wie kommt es, dass heute wichtige städtische Aufgaben nicht in Angriff genommen werden können, weil nicht genügend Geld im Stadtsäckel ist, nachdem es seinerzeit doch so prall gefüllt war?
Man frägt doch, wenn man Logik hat, wer das Geld verludert hat...

Des Rätsels Lösung:
Beim Bäcker musste man fürs Brot und beim Metzger für ein paar Würstchen, wenn man überhaupt etwas bekam, mit ganzen Koffern voll Papiergeld, dessen Wert gegen Ende dieser Entwicklung fast stündlich geringer wurde, bezahlen.

Im November des Jahres 1923 wurde das Geld, das durch die »Inflation« für Deutschland als Folge aus den Reparationsforderungen der Alliierten aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg immer wertloser geworden war, endgültig »entwertet«. Die alte Mark wurde im Verhältnis »Eine Billion Mark zu einer neuen Mark« (Rentenmark) abgewertet. Das heißt, dass man für 20 solcher 50 Milliarden Mark Scheine vom 10. Oktober 1923, (unsere Abbildung), im Umtausch eine einzige neue Rentenmark bekam, und, dass die 5,6 Billionen Mark Steuern des Josef Weber im Oktober nach der Entwertung exakt 5 Mark und 60 Pfennigen entsprachen.

Es war eine schlimme Zeit, die die Menschen in grenzenlose Armut stürzte, vor allem die, die sich Geld angespart hatten. Sie waren fast von heute auf morgen zu armen Leuten geworden. Auf der nächsten Doppelseite im Steuerbüchlein des Josef Weber lässt sich die gigantische Abwertung ablesen: Er hatte im Februar 1924 nur noch 15.90 Mark an Steuern zu bezahlen.
Erhalten: Gold.

Dietrich Bantel

 
 
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