Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 427
 

PRESSESCHAU (12):
OBERKOCHEN IN DER LOKALZEITUNG 1851/52

Rosskur zum Volkmarsberg
Der Volkmarsberg war nicht nur Oberkochens »Hausberg«, er war auch immer wieder Ziel auswärtiger Wanderer. So schrieb der Aalener Liederkranz »Harmonie« für den Himmelfahrtstag am 29. Mai 1851 eine »Frühpartie auf den Volkmarsberg bei Oberkochen« aus, zu der »Mitglieder und sonstige Lusttragende« eingeladen waren. Wieviele Sangesgenossen samt Anhang sich aufmachten und an der Frühwanderung teilnahmen, wird nicht gemeldet. Vermutlich war aber die Sache nicht nur, weil der »Sammelplatz beim Gasthaus zum »Ross« in Aalen« lag, eine Art Rosskur, sondern vor allem deshalb, weil »morgens um 4 Uhr (kein Druckfehler!) abmarschiert« wurde« und auf dem Berg damals weder Turm noch Hütte existierten.

NOTHILFE
Wenn irgendwo im Land eine Überschwemmungskatastrophe ganze Landstriche heimgesucht oder eine Feuersbrunst nahezu einen ganzen Ort eingeäschert hatte, wurde meist in der Zeitung zur Linderung der Not aufgerufen. So auch 1851 als in der Nacht vom 31. Juli auf 1. August heftige Gewitter und Wolkenbrüche vor allem im mittleren Neckarraum »furchtbare Verheerungen« angerichtet hatten: Straßen und Eisenbahnlinien waren überschwemmt, Brücken fortgerissen, aus vielen Landesteilen kamen Hiobsbotschaften (siehe Zeitungsausschnitt).

Durch die schweren Schäden veranlasst, rief das Königliche Consistorium in Stuttgart zu einer Geldsammlung zugunsten der Katastrophengeschädigten auf. Daraufhin beschloss der Oberkochener Kirchenkonvent nach einer Kanzelabkündigung am Sonntag drei Männer mit der Einsammlung von Geldspenden bei den Gemeindegliedern zu beauftragen. Also machten sich Stiftungspfleger Wirth und die beiden Pfarrgemeinderäte Michael Bäuerle und Johann Georg Koppe auf den Weg zu den (laut Pfarrbericht des Jahres 1850) »424 evangelischen Seelen«, von denen aber 214 Kinder waren (ganz Oberkochen zählte damals 1183 Einwohner, 582 männlichen, 597 weiblichen Geschlechts).

Nach Abschluss der Aktion veröffentlichte die evangelische Gemeinde das Ergebnis der Sammlung in der Aalener Zeitung: 24 Gulden waren zusammen gekommen.
Ob dies wenig oder viel war? Gewiss, angesichts der immensen Schäden ein Tropfen auf den heißen Stein. Jedoch gilt es zu bedenken, die Gaben Oberkochener Bürger entstammten nicht etwa vorhandenem Reichtum, sondern waren dem biblischen Scherflein der armen Witwe gleich zu setzen. Diese Einschätzung bestätigt auch ein Vergleich mit Aalen. Dort kamen bei 3500 Einwohnern 67 Gulden zusammen. Also konnte sich das Oberkochener Ergebnis sehen lassen.

ZWANGSVERKÄUFE
Der evangelische Geistliche Oberkochens, Pfarrer Römer, berichtet, Gewitter und Hagelschlag hätten im Jahr 1850 zwar in der Umgebung Oberkochens beträchtliche Schäden verursacht, der Ort selbst sei aber glimpflich davon gekommen. Dennoch war die Landwirtschaft - und sie stellte damals die Haupteinnahmequelle der Oberkochener dar - äußerst anfällig gegen Unwetter, Feuer, Seuchen, wie z. B. Milzbrand, über dessen Auftreten in Oberkochen Pfarrer Römer auch berichtet. Zumal kein Versicherungsschutz bestand, waren Armut und Hunger Folge solcher Missstände, denen oft auch Zahlungsunfähigkeit folgte. War dieses Stadium erreicht, wurde das Eigentum der Betroffenen im »Gant« versteigert. Die Unglücklichen mussten dann mit dem Armenhaus Vorlieb nehmen (es lag in der Gegend der heutigen Mühlstraße rechts des Kochers und war bis zum Bau einer Brücke im Jahr 1769 nur durch eine Fort im Kocher zu erreichen), oder sie konnten sich zur Auswanderung entschließen.

Gantverfahren, also »Versteigerungen im öffentlichen Aufstreich« wurden in der Zeitung bekannt gegeben. So wurde z. B. am 20. Mai 1851 die »zur Gantmasse der Eheleute Franz F. gehörige Liegenschaft ausgeboten, bestehend in der Hälfte von einem einstöckigen Wohnhaus mit 9 Ruthen Gemüsegarten dabei«.

Eine andere Anzeige fiel etwas aus dem üblichen Rahmen und eröffnet Einsicht in die damals übliche Praxis der Altersfürsorge. Denn dabei sollten nicht Haus und Grundstück verkauft werden, sondern »der zur Gantmasse des Gottlieb S. gehörige Ausgeding«, d. h. ein Altenteil »bestehend in Wohnungsrecht, Früchten, Schmalz, Fleisch, Kraut und Holz«, also aus allem, was wohl damals zum Leben gehörte. Ein weiterer Aspekt, der in der Anzeige genannt wird, ist noch interessant. Ein Gläubiger hatte bereits 150 Gulden geboten. Jedoch Schultheiß Wingert war der Ansicht, dies sei zu wenig. Er führte einen Gerichtsbeschluss herbei, nach dem am 1. Dezember 1851 erneut ein »öffentlicher Aufstreich« angesetzt wurde, um das Ausdingrecht noch Gewinn bringender zu versteigern. Ob dies gelang, wird jedoch nicht gesagt.

1852 - EIN RUHIGES JAHR
Im Jahr 1852 berichtet der Aalener »Verkündiger« sehr spärlich aus Oberkochen. Nur drei Ereignisse werden erwähnt. Für den 6. Mai 1852 war durch das »Forstamt Heidenheim, Revier Oberkochen« ein Holzverkauf angekündigt, der an Ort und Stelle »im öffentlichen Aufstrichs« vor sich gehen sollte, d. h. das Holz wurde an den Meistbietenden versteigert und zwar:

1) Im Staatswald Steinobst: 10 Klafter Abfallholz und 10550 Stück buchene, ungebundene Wellen,
2) Im Staatswald Klosterabts: 7 Klafter aspene Scheiter und Prügel und 10375 Stück buchene unaufgemachte Grüzelreiswellen.

Bemerkenswert an dieser Versteigerung sind die gegen 21000 »Wellen« und die angegebenen Flurnamen, die in gängigen Verzeichnissen Oberkochener Flurnamen nicht auftauchen.

Am 18. Juni 1852 taucht der Name Oberkochen wiederum im Aalener »Verkündiger« auf, diesmal in einer »Amtlichen Bekanntmachung«. Jedoch ist der Anlass weder eine staatliche Anordnung, noch ein menschliches Schicksal, nein, es ging um einen »eingestellten Hund«, der dem Oberkochener Müller Lindner zugelaufen war. Das Tier wird als »großer Tigerhund weiblichen Geschlechts, von grauer Farbe mit schwarzen Platten« beschrieben, dessen »eine Klaue am hinteren linken Fuß abgedrückt« ist. Der Eigentümer des Hundes wird aufgefordert, das Tier innerhalb von 14 Tagen abzuholen gegen Erstattung von Futterungskosten und der »Einrückungsgebühr, widrigenfalls anderweitig über das Tier verfügt wird«.

Als drittes Ereignis im Jahr 1852 überschattete am 15.November ein tragischer Unglücksfall das Jahresende. Diesem fiel der Sohn des Oberkochener Revierförsters Kuhnle zum Opfer: »Heute Nachmittag um 2 Uhr wurde dem Leben meines lieben Sohnes Wilhelm im 15. Jahr seines Lebens durch einen unglücklichen Schuss ein unvermutet, schnelles Ende gemacht. Groß ist der Schmerz!« so setzten die Eltern, »der Königliche Revierförster Kuhnle mit seiner Gattin Verwandte und teilnehmende Freunde von dem grässlichen Ereignis in Kenntnis«. Was genau passiert war wird in der Zeitung nicht näher beschrieben. Nur einige Tage nach der Beerdigung bedankten sich die Eltern bei »all denjenigen, die unserem lieben Sohn Wilhelm die letzte Ehre gaben und ihn zu seiner Ruhestätte begleiteten«.

Obwohl also das Jahr 1852 in Oberkochen keine großen Schlagzeilen machte, soll noch auf zwei auch für Oberkochen bedeutsame überregionale Nachrichten eingegangen werden.

FALSCHGELD
Schon im Jahr 1807 waren in Württemberg »alle ausländischen Kreuzerstücke verboten worden« - dazu zählten z. B. bayerische, badische, hessische Münzen. Nun »kursierten« nach einer Verlautbarung des Aalener Oberamtsmanns Bohnenberger »seit einiger Zeit hier in der Gegend Bayern'sche Heller in auffallender Weise als Pfennige«. Dies sei, so der Oberamtmann weiter, hauptsächlich der Gewinnsucht Einzelner zuzuschreiben, denn diese »machen sich ein Gewerbe daraus, solche Heller in Bayern aufzukaufen und sie mit ansehnlichem Vorteil in Württemberg in Umlauf zu setzen«. Diesen Handel mit Schwarzgeld galt es zu unterbinden und diesem Treiben nun mit Hinweis auf Artikel 13 des Polizeistrafgesetzes ein Ende zu bereiten. Deshalb wurden Personen, die außer Kurs gesetzte Münzen, »selbst wenn sie echt wären«, ins Königreich einführten oder mit ihnen bezahlen wollen, angedroht: a) die Münzen zu »confiszieren« b) die Händler zwei bis vier Wochen in Arrest zu nehmen oder c) sie mit einer Geldstrafe von bis zu 50 Gulden zu belegen. Gemessen an den 24 Gulden, die in Oberkochen (wie eingangs berichtet) für die Opfer der Unwetterkatastrophe gesammelt wurden, waren 50 Gulden Geldstrafe sicherlich kein Pappenstiel.

GEGEN MISSSTÄNDE BEI DER KIRCHWEIH
Aus dem »Aalener Protokoll« von 1749 wissen wir, dass Kirchweih unter dem Festen des Jahrkreises auch in Oberkochen sozusagen Königin unter den Festen war, und zwar was die Beliebtheit anging, als wegen verschiedenartigster Auswüchse, die von Zeit zu Zeit überhand nahmen und dann von der Obrigkeit bekämpft wurden. So heißt es im Aalener Protokoll: »Weil missfällig wahrgenommen, dass bei der jährlichen Kirchweih mittels des oft ganzer acht Tage lang währenden Zechens und Tanzens sich ein nicht geringer Missbrauch ereignet, so wird die Dauer dergleichen Kirchweihlustbarkeiten in Zukunft auf nur drei Tage reduzieret«.

Um 1850 war wohl das Pendel der Festivitäten wieder einmal ins Negative ausgeschlagen. Deshalb erschien am 1. Oktober 1852 im Aalener »Verkündiger« ein Dekret der Königlich Württembergischen Regierung, das befahl, »Kirchweihfeiern in sämtlichen evangelischen Gemeinden des Landes sollen künftig nur am 3. Sonntag des Monats Oktober stattfinden«. Aber nicht nur der Termin wurde festgeschrieben, sondern auch verfügt:

1) »Innerhalb von sechs Tagen vor dem Fest und sechs Tage danach darf keine Tanzerlaubnis erteilt werden.
2) Der Tanz am Kirchweihfest darf erst nach Beendigung des Sonntagsgottesdienstes beginnen, falls Tanzen am Sonntag überhaupt erlaubt ist. In Gemeinden, in denen ein Sonntags Tanzverbot besteht darf erst am folgenden Montag nachmittags getanzt werden, auf alle Fälle muss der Tanz spätestens um Mitternacht geendet sein.
3) Schulkinder dürfen nicht allein, zur Nachtzeit auch nicht in Begleitung auf dem Tanzplatz anwesend sein,
4) Mitglieder des Gemeinderats haben über die Einhaltung der Anordnungen zu wachen«.

Wohlgemerkt, dies war eine Anordnung der evangelischen Kirchenbehörde, die aber als amtliche Verlautbarung von der »Regierung des Jagxtkreises in Ellwangen an sämtliche Oberämter des Kreises (also Aalen, Crailsheim, Ellwangen, Gaildorf, Gerabronn, Gmünd, Hall, Heidenheim, Künzelsau, Mergentheim, Neresheim, Oehringen, Schorndorf, Welzheim) weitergegeben wurde. Am 30. September 1852 eröffnete demnach der Aalener Oberamtmann Bohnenberger diese Anordnung allen Ortsbehörden des Oberamts »zur genauen Beachtung«, wobei kein Unterschied zwischen den Konfessionen gemacht wurde.

In Oberkochen war man deshalb bestrebt, Auswüchse des Kirchweihfestes möglichst klein zu halten. So wurde später z. B. der Pfarrgemeinderat »im Blick auf die Kirchweihe daran erinnert, dass es für eine würdige Feier des Tages in der Gemeinde Sorge zu tragen habe und der unwürdigen Art dieser Feier, wie sie in der Regel üblich ist, besonders bei der erwachsenen Jugend entgegen zu steuern«.

Dennoch wurde Jahr für Jahr Kirchweih gefeiert, mal mehr, mal weniger als Fest des Tanzes und der drei »K«: Kuchen, Knackwurst und Kartoffelsalat«. Und so lebt sie bis in unsere Zeit weiter, denn für die »Königin unter den Festen« galt trotz aller Auswüchse und Reglementierung schon immer: »Die Kirchweih ist tot - es lebe die Kirchweih«.

(Fortsetzung folgt)

Volkmar Schrenk

 
 
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