Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 426
 

Gud Naacht, Schdoog!

»Beim Mühlenfest am Nußbach«, das der Heimatverein am 1. und 2. September 2001 in der Aalener-Straße auf dem Grundstück Rose/Weber abhielt, erzählte mir der damals 89 jährige Paul Gold, den man in Oberkochen unter seines Vaters Hausnamen »Engländers Paul« kennt, eine Geschichte vom Nußbach, die mit unserer nunmehr abgeschlossenen WIGO Serie zu tun hat:

Paul Gold arbeitete früher beim WIGO (Wi lhelm G rupp O berkochen).
In den 20er-Jahren kamen einmal sein Chef, der Herr Zeller, mit seinem Fahrer, dem Herrn Stock, im Auto von einer Geschäftsfahrt von Aalen herauf nach Oberkochen zurück.

Autos konnten sich damals in Oberkochen nur die wenigen Industriellen, die man »Fabrikanten« nannte, leisten.

Das Auto war ein störrischer, aber zu dieser Zeit natürlich hochmoderner Kasten. Die Räder hatten noch Holzspeichen, sagte der Engländers Paul. Aber man konnte damit schon ganz schön schnell fahren für damalige Zeiten.

Nach der Linkskurve hinter der Kocher-Brücke bog das Fahrzeug mit einem solch dynamischen Schwung in die gerade Straße ein, die vollends nach Oberkochen hineinführt, dass der Fahrer Stock das Gerät nicht mehr so richtig auf die gerade Strecke brachte und weiter nach links den »Roinen« hinab Richtung Nußbach schoss und in denselben hinein.

Der Chef Zeller sagte, als das Auto von der Straße abhob und den Abhang hinunter bachwärts holperte, furztrocken: »Gud Naacht, Schdoog«.

Alsbald blieb das Gefährt in einer so außergewöhnlichen Position stecken, dass es sich in Windeseile im ganzen Ort herumsprach: Fronträder und Motorblock befanden sich jenseits vom Nußbach im Gewann Schwörz, Hinterräder und Heck diesseits im Gewann Nußbach. Unter den Sitzen im Führerhaus rauschten drohend die Fluten des gewaltigen Nußbachs.

Chef, Fahrer und Automobil sollen den »Ausflug«, das heißt in diesem Fall: den Flug, der im Aus endete, sowie den abrupten Halt soweit gut überstanden haben.

DB 21. 9. 2001

Am 12. 7. 2002 veröffentlichten wir im Rahmen unserer heimatkundlichen Berichterstattung in Bericht 422 das Foto eines Pritschenwagens der Firma WlGO und baten unsere Leser, uns möglicherweise Näheres über das alte Fahrzeug zu berichten.

Vor kurzem erhielten wir nun einen Anruf von Paul Gold. Er bezog sich auf seine Erzählung vom letzten Jahr (»Gud Naacht, Schdoog«) und auf das in jenem Bericht erwähnte Automobil. Das in dem WIGO-Bericht gezeigte Fahrzeug sei ohne jeden Zweifel identisch mit dem, das damals im Nußbach gelandet ist.

Das Fahrzeug sei ursprünglich ein NSU-Personenwagen mit Holzspeichen gewesen, der zum Zwecke der Beförderung von Auslieferungsware und Geschäftsfahrten in einen Pritschenwagen umgebaut worden sei.

Ergänzend teilte Herr Gold mir mit, dass der erwähnte Fahrer Stock aus Hofen gestammt habe; der ebenfalls erwähnte Chef Zeller sei aus Unterkochen gewesen.

Paul Gold erinnerte sich an eine weitere Episode, die sich mit diesem »hochmodernen Kasten« ereignet hatte: Und zwar sei der Christian Grupp, Sohn des Firmengründers Wilhelm Grupp, zusammen mit dem Marksa Sepp des öfteren irgendwo hinter Heidenheim an einem Weiher zum Angeln und Schwimmen gefahren - letzteres konnten damals nur wenige Oberkochener. Auf der Heimfahrt sei einmal auf der Höhe der heutigen Großbaustelle von Zeiss bei der Wasserscheide das linke Vorderrad weggesprungen und in der langgezogenen Kurve in die Felder gerollt. Auch bei diesem Malheur sei aber nichts weiter passiert. Zeitlich ordnete Herr Gold das Foto auf Ende der Zwanziger, oder, wie von uns vermutet, Anfang der Dreißiger Jahre ein. 1932 hatte Herr Gold ausgelernt und kam zur Marine.

Uns wollte das Führerhaus (usw.) des in Bericht 422 abgebildeten NSU-Kleinlasters (»Pritschenwagen«) der Firma WIGO für einen umgebauten PKW doch etwas sehr groß erscheinen. Auch die Holzspeichen konnten wir nicht erkennen. Um herauszufinden, ob das fragliche Fahrzeug nicht doch eher ein geborener Kleinlaster und kein umgebauter PKW war, fertigte uns PC-Spezialist Frieder Ruoff eine Ausschnitt-Vergrößerung des Fahrzeugs, und so wurde schnell klar, dass es ein Lastwagen mit der Aufschrift »Magirus-Diesel« mit Metallfelgen ist. Die Firmenbezeichnung »Wilhelm Grupp, Oberkochen, Werkzeug und Maschinenfabrik« ist klar lesbar.

Die beiden alten Geschichten von Paul Gold indes, dem wir seitens des Heimatvereins herzlich zu seinem 90. Geburtstag gratulieren, sind dennoch Gold wert.

Zu der in Bericht 422 v. 12. 7. 2002 gestellten Frage zu dem Stereo-Dia-Betrachtungsgerät des Wilhelm Grupp teilte uns Eugen Trittler, Unterschneidheim, mit, dass es sich nach einem ihm vorliegenden Katalogbuch des Jahres 1942 um ein Gerät der Firma Schönstem KG München handelt, mit dem Zusatz »Reichsgebrauchsmuster Raumbildgerät«, das es in dieser Form und in einer Variante zum Einlegen von Positiv-Fotos mindestens bis zum Jahr 1942 gegeben hat.

Dietrich Bantel

 
 
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