Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 424
 

Wilhelm Grupp (1863 - 1943)
Teil 2 der Lebensbeschreibung von Emma Baumann

1908 war Wilhelm Grupps Betrieb schon so gewachsen, dass er mit 20 Arbeitern in das sogenannte »Wasserwerk«, seinem heutigen Sitz in der Nähe des Kocherursprungs, umzog.

Dass aus einer Werkstatt eine kleine Fabrik und aus einem Handwerksmeister ein Unternehmer wird, fällt um die Zeit der Jahrhundertwende nicht besonders auf. Wilhelm Grupp musste sich vergrößern, um ordnungsgemäß arbeiten zu können.

Über ein Vierteljahrhundert war der Betrieb alt geworden. Eine so lange Zeit geht an keinem spurlos vorüber. Wilhelm Grupps erste Frau Johanna war 42jährig im Jahre 1911 gestorben. Sie hinterließ drei Söhne und drei Töchter. Diese Kinder wuchsen heran. Der älteste Sohn Wilhelm war bei Kriegsende 23 Jahre, Christian war 19, Heinrich 12 Jahre alt.

1912 heiratete er zum zweiten Mal, und zwar Katharina Baumgärtner. Trotz der vielen Sorgen, Arbeit und Mühe führte er mit ihr ein vorbildliches Familienleben, was ebenfalls mit dazu beitrug, die Firma rasch zu vergrößern. Seine Kinder mussten schon in jungen Jahren miteinspringen, sei es im Betrieb, sei es im Büro. Nur wenige Pfennige für eine warme Suppe erhielten seine Söhne und Töchter, wenn sie zur Schule nach Aalen fuhren.

Die Firma Wilhelm Grupp ist ein echtes Familienunternehmen. Die Mutter Wilhelm Grupps arbeitete mehrere Jahre in der Fabrik an der Bohrerschleifmaschine und seine Schwester an der Fräsmaschine. Von dem Bruder des Chefs, dem »Vetter« Christian Grupp, wird gesagt, dass er am Tage seiner Hochzeit bis um 11 Uhr vormittags am Schmiedeamboss stand und dann erst nach Hause ging, um sich zu rasieren und festliche Kleidung anzukleiden. Um 1 Uhr war die Hochzeit.

Die Büroarbeit wurde viele Jahre von den Familienmitgliedern besorgt. Erstmals im Jahr 1913 wurde ein Fräulein aus Ulm als Bürogehilfin angestellt. Im Jahre 1915 wurde zusätzlich zu der bestehenden Wasserkraftanlage eine elektrische Kraftmaschine eingebaut, die Petroleumlampen wurden durch das elektrische Licht ersetzt.

Die ältesten Mitarbeiter des Betriebs erinnern sich noch, wie am Zahltag der älteste Sohn Wilhelm, einer der heutigen Chefs, durch den Betrieb ging und jeden fragte, wie viel Stunden er gearbeitet habe, die Angaben der einzelnen an Ort und Stelle aufschrieb und jedem eine halbe Stunde später den Arbeitslohn auszahlte. Dieses Verfahren wirft ein Schlaglicht auf das Vertrauensverhältnis zwischen dem Betriebsherren und seiner Arbeiterschaft. Die Arbeiterschaft von Oberkochen stellte am 6. Dezember 1909 dem Fabrikanten Wilhelm Grupp sen. als Kandidaten für den Gemeinderat auf, und von da an gehörte er bis zum 30. Dezember 1922 ununterbrochen dem Gemeinderat an.

Die ältesten Leute in Oberkochen erzählen, dass der Grupp(a) Schmied in den 90er Jahren seine Bohrer persönlich im Rucksack den Kunden ins Haus brachte und dass er einmal in Lauingen auf der Donaubrücke gestanden sei und in grimmigem Selbstgespräch gesagt habe, er würde am liebsten den ganzen Bettel in die Donau »keien« und das Handwerk an den Nagel hängen, so sehr war später nach dem Weltkrieg die schöne Zeit vorbei.

Im Jahre 1911, dem Todesjahr seiner ersten Gattin, sehen wir Wilhelm Grupp bei der neuen Höheren Handelsschule und Handelsakadernie Calw einen systematischen Lehrgang in doppelter Buchführung und Handelskorrespondenz durchlaufen. Für die aufstrebenden Oberkochener Bohrerfabriken war es nicht einfach, den Konkurrenzkampf gegen die alten Werkzeugindustrien des Rheinlandes durchzuhalten, denn die Fachleute in Remscheid usw. hatten im Vergleich mit den schwäbischen Betrieben viel geringere Frachtkosten und konnten sich den besten Stall an Ort und Stelle aussuchen. Dazu kam noch der Wettbewerb unter den Oberkochener Firmen selbst, der sich verschärfte.

Eine nette Einzelheit, die den Konkurrenzkampf beleuchtet: Wenn die Pakete zur Post gebracht wurden, und man sich dort mit den anderen Austrägern der Konkurrenz traf, dann legt man die Pakete umgekehrt, d. h. die Adresse nach unten, damit der neugierige Blick des anderen nicht darauf fallen konnte. Denn man musste sofort mit der Gefahr rechnen, dass einem auf diese Weise der Kunde weggeschnappt wurde. Dieses Verfahren wurde gegenseitig geübt.

Immer stärker machte sich die Nachfrage nach hochwertigen Maschinenwerkzeugen für die Holzbearbeitung geltend. Bereits im Jahre 1914 hat Wilhelm Grupp Hobelköpfe und Messerköpfe der verschiedensten Art an fast alle Länder in Europa versandt. Aus den sich steigernden Anforderungen wuchsen neue große Aufgaben sowohl in technischer wie in kaufmännischer Beziehung. Vor diesen Aufgaben wollte und durfte Wilhelm Grupp nicht die Flinte ins Korn werfen.

Mit einer Beweglichkeit und Zähigkeit, die ebenso den wagemutigen Mann wie den klar denkenden und nüchternen Geschäftsmann verraten, stellte er seinen Betrieb auf die neue Situation um. Er war schon immer bereit gewesen, allen Sonderwünschen und persönlichen Sorgen seiner Kunden abzuhelfen. Das blieb auch in Zukunft sein Grundsatz, und damit begründete er den guten Namen seines Hauses.

Am 28. März 1925 wurde der Firma Wilhelm Grupp das erste Reichs-Patent 464 430 für eine Fräservorrichtung erteilt, aus der sich die Zinkenfräs- Nut- und Gratmaschine »WIGO NORMAL 1000« entwickelt hat. Die Wigo-Normal 1006 wurde 1928 und 1929 in der Schweiz, in Belgien, Frankreich und Großbritannien patentiert.

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]