Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 423
 

Wilhelm Grupp (1863 - 1943), Teil 1

Eine Lebensbeschreibung aus der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben von Emma Baumann - Nichte des Wilhelm Grupp.

Zu »FIuss und Landschaft« gehören die Menschen. Wenn auch in meiner jetzigen Heimat der Fluss und die Landschaft die Menschen nicht so formen wie z. B. in einem höher gelegenen Gebirgsdorf oder an der See, wenn auch aus meiner Heimat keine weltbekannten Persönlichkeiten wie Schiller, Zeppelin, Bosch, Benz, Heuss etc. hervorgingen, so ist Oberkochen doch ein Marktflecken, der sich im Lauf der Jahrzehnte zu einer weltbekannten Größe entwickelt hat. Heute ist Oberkochen durch seine Industrie in der ganzen Welt genau so bekannt, und auf seinem Gebiet führend, wie Remscheid mit seinen Holzbearbeitungs-Werkzeugen und Solingen mit seinen Stahlwaren wie Scheren, Messern usw.

Ein typisches Beispiel für die Entwicklung der Industrie ist das Leben des Wilhelm Grupp Senior. Wilhelm Grupp wurde am 12. März 1863 als Sohn des Schmieds und Werkzeugmachers Christian Grupp in Oberkochen geboren. Da in Oberkochen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Gewerbe der Werkzeugschmiede schnell aufgeblüht war, erlernte Wilhelm Grupp das Bohrermacherhandwerk. In diesem Beruf arbeitete er viele Jahre und hat seine Kenntnisse und Erfahrungen erweitert, so dass er 1890 den Mut fasste, sich selbstständig zu machen. Das war die Geburtsstunde des heutigen Werkes.

Der damals 27-jährige Handwerker richtete sich seine Werkstatt in dem Haus Katzenbachstraße Nr. 62 (Heute Schulstraße 2) in Oberkochen ein und begann seinen Betrieb mit drei Arbeitern. Maschinen waren nicht vorhanden. Die Schleifscheibe für die Werkzeugschleiferei wurde mittels eines Schwungrades im Fußbetrieb getrieben. Dieses Rad hatte eine Höhe von nahezu zwei Metern. Mit größter Energie wurde am Ausbau der Werkstätte gearbeitet.

Ein Jahr nach dem Tode seines Vaters erwarb Wilhelm Grupp sen. im Jahre 1894 das (ehemalige) Gasthaus »Zur Sonne« in der Kirchgasse 120 (heute Mühlstraße 26), um seine Werkstätte vergrößern zu können.

Es handelt sich bei diesem Gebäude um das Gebäude, in dem Jakob Christian Bäuerle bereits 1860 den Grundstein für die Oberkochener Industrie gelegt hatte. Er konnte zwei weitere Arbeiter einstellen und die ersten Lehrlinge ausbilden, von denen einer sein Bruder Christian war, der einer seiner unermüdlichsten und treuesten Mitarbeiter wurde und viel dazu beitrug, den guten Ruf der Gruppschen Qualitätserzeugnisse zu begründen.

Am 9. April 1894 bestellt Wilhelm bei der Firma Benz & Co. einen stehenden Ligroin-Motor Benz mit zwei Pferdekräften. Damals ist er und sein Bruder Christian mit einem der ersten Benzautomobile gefahren, da der Stuttgarter Vertreter der Firma Benz & Co. im Automobil angefahren kam.

Der junge Betrieb wurde auch von schweren Schicksalsschlägen nicht verschont. Das härteste Ereignis dieser Art trat anlässlich der Herbstmanöver im September 1895 ein. In dem alten Zehntstadel, der damals Michael Weber gehörte, hatte Wilhelm Grupp eine Abteilung als Materiallager gemietet. Es lagerten dort 25 - 30 Zentner Eisen und Stahl verschiedener Sorten. Nun stellte die Artillerie dort ihre Pferde ein. Heu und Stroh wurden angefahren und irgendwie versagte die Stallwache. In der Nacht brach ein Brand aus, dem nicht allein zwei schöne Pferde zum Opfer fielen: Auch über die Hälfte des wertvollen Materials von Wilhelm Grupp glühte aus und wurde dadurch unbrauchbar. Da eine entsprechende Feuerversicherung nicht bestand, traf dieser Verlust das Geschäft empfindlich.

1895 wurde die erste Bohrerpreisliste gedruckt, die bereits die beiden Abteilungen Hand- und Maschinenbohrer unterschied. Die Preisliste hatte als Warenzeichen den damaligen Reichsadler mit seinem Brustschild, auf dem sich der Buchstabe »G« befand. In einer späteren Ausführung befanden sich unter dem Adler die beiden Buchstaben »WG«. Aus diesen Anfangsbuchstaben wurde nach dem Ersten Weltkrieg die heute angewandte Schutzmarke entwickelt.

Schon im ersten Preisverzeichnis steht an der Spitze der Grundsatz, der die Firma großgemacht hat: »Garantie für jedes Stück«. Mit diesem Grundsatz war es heiliger Ernst. Der Pflege der Werkzeuge, der sachkundigen Härtung und Behandlung des Materials und der Präzision seiner Verarbeitung wurde die größte Sorgfalt geschenkt. Es ist bezeugt, dass der (alte) Chef persönlich jeden einzelnen Bohrer genau prüfte, ehe er zum Verkauf freigegeben wurde, und dass er jedes Stück, das nicht tadellos geschmiedet war, zusammenschlug und zum Fenster hinauswarf.

Sparsamkeit und Fleiß zeichneten ihn Wilhelm Grupp aus, wie viele gleichgearteten Betriebe, die ebenfalls durch Fleiß und Sparsamkeit erst das geworden sind, was sie heute sind.

Im Jahre 1896 heiratet er Johanna Mayer aus Königsbronn, die ihm sechs Kinder schenkte.

Fortsetzung folgt

Dietrich Bantel

 
 
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