Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 416
 

Oberkochen, das Oberstdorf der Schwäbischen Alb
Skihochburg in den Zwanziger und Dreißiger Jahren (2)

Nun aber zu den aktuellen Erzählungen der Brüder Grupp, die die »Aalener Volkszeitung« am 21. März 2002 als »Legenden auf Skiern« betitelte.

Zunächst berichtete Willibald Grupp mit großem Fachwissen über die Entwicklung von den »Faßdauben« (»halt so gschwongene Faßwandhölzer, mit ama Läadrreama dranna«) bis hin zu den in der Grupp'schen Schreinerei kunstvoll gefertigten Skiern, zunächst mangels besserem Holz aus Buchenholz. Erst später konnte man sich das teure und rare Eschenholz leisten. Die Zuhörer erfuhren sogar, wie man dem Ski die Vorspannung gegeben und wie man die Spitzen gebogen hat.

Wie das sei, wenn man so da oben auf einer Sprungschanze stehe, wollte ein Besucher wissen. »Ha, da schdasch halt doba on gucksch na, on denksch: dao onda, wo die kloine Mantla schdandat, dao muasch naa ... «. Im Geist habe man schon während des gesamten Anlaufs »abgedrückt«, um sich auf den entscheidenden Bruchteil der Absprungssekunde zu konzentrieren »on härt war's dao donda, weil da hat's koin richtige Auslauf gäa, halt Ackerscholla, on, Bua, wann dia gfrora warat on wenig Schnee war, dao hats mächtig gschäppert«.

Richtige Schanzen habe es eigentlich nirgends gegeben. Das seien halt besonders ausgewählte Hänge oder Buckel gewesen, die man ein wenig hergerichtet hat, mit halt »soanama Schanzadischle« danna...

Übereinstimmend sagten die Brüder Grupp, dass man vor jedem Sprung so etwas wie einen kitzeligen Bammel hat. Den hätten auch die Superflieger, die heute 200 Meter und mehr fliegen. Mit denen von Olympia in Salt City hätten sie genau so mitgezittert wie vor 70 Jahren bei ihren und den Sprüngen ihrer Kameraden.

Clemens Grupp formulierte - durch kunstvolle und wirkungsvolle Pausen unterbrochen - seine Erinnerung ans Springen kurz und wuchtig folgendermaßen: »Dao isch mr halt oba danna geschdanda, on hat naa guckt, on hat denkt: Oh je! On nao hat mr sich an Ruckr gäa, on scho isch mr donda gewäa, egal wiea. Ha jaa ... « So einfach war das.

Ohne Forderungen und Ansprüche, von niemandem gefördert oder windschlüpferig eingekleidet, ohne Werbeparolen auf dem Kittel oder bald auch noch den Arschbacken, kein Skiherunterreißen noch vor dem Stillstand nach dem Sprung, um dem Kameramann vertragsgemäß die Skimarke werbend vor die Linse zu knallen, kein wichtigtuerisches Journalisten-Kleingeschwätz, keine großen Sprüche, keine zerfleischende Selbstkritik. Einfach: »Ond scho isch mr don da gwäa, egal wia, ha jaa«.

Niemand hätte den Unterschied zwischen einst und heute trefflicher illustrieren können als die beiden fitten Plusminusneunziger in ihren schlichten Erzählungen von damals: Clemens und Willibald Grupp. »Hen dia Kerle Knocha« habe ein Zuschauer in Freudenstadt geäußert, worauf Bruder Heinrich Grupp stolz konterte »Dia sen au aus Oberkocha«.

In Freudenstadt, wo der Oberkochener Lense 1933 bei den Deutschen Meisterschaften den 1. Platz im 50-Kilometer-Langlauf errungen hatte, belegte Clemens Grupp den 12. Platz und wurde damit drittbester Schwabe in der Nordischen Kombination, worauf er heute noch stolz ist.

Fest steht, dass die Oberkochener Sprungasse wie unser in Bericht 415 veröffentlichtes Bild, das Clemens Grupp im Jahr 1931 bei einem Sprung von der neuen Hans-Maier-Schanze am »Hirdaroina« zeigt, bereits vor 75 Jahren den erst in den 80 Jahren wieder als effektiver erkannten »V-Stil« bevorzugten.

Alles schmunzelte, als die beiden Brüder den eigen-willigen Lense nicht unkritisch aber voller Respekt schilderten: »Der isch niea normal gloffa der isch sogar ens Geschäft gsaut on hoim au wieder« Und bei der Heimfahrt von Freudenstadt, wo er 1933 Deutscher Meister im 50-Kilometer-Langlauf geworden war, wollte er den Ehrungen beim Empfang in Oberkochen dadurch entgehen, dass er schon in Unterkochen aus dem Zug raus wollte, was verhindert werden konnte. In Oberkochen ist er dann auf der Rodsteinseite aus dem Zug raus, »abr, mr hat'n nao scho no eigfanga«. Und gleich darauf: »Sei »Villa« em Pfluaggässle schdat iebrigens no haid«

In Bericht 281 vom 22. November 1996 berichteten wir ausführlich über Karl Lense. Im Heimatmuseum ist ihm eine Tafel in Raum 7 gewidmet. Dort stehen auch seine Büste, ein frühes Werk seines Skilaufkameraden Bildhauer Fritz Nuss, Aalen und auch eines von mehreren Paaren von Skiern, die uns von verschiedenen Seiten angeblich alle »vom Lense« stiftet wurden. Womöglich sind »Grupp Skier« dabei. Ein Paar bestand aus 2 verschieden langen Latten... In Monte Cassino sei Karl Lense in vorderster Linie gefallen.

Mehrfach fiel auch der Name eines anderen noch heute lebenden Skiasses der Uraltzeit: Karl Warnnenwetsch. Sicherlich gibt es noch weitere Namen. Wir bitten um Informationen. Auf besonderen Wunsch beantwortete Clemens Grupp etwas später noch eine Oberkochener Glaubensfrage: Heißt der Rain, an welchem die Hans-Maier-Schanze im Wolfertstal errichtet wurde »Hüttenrain« (»Hiddaroina«) oder »Hirtenrain« (»Hirdaroina«). Abgesehen davon, dass der »Roina« bereits im offiziellen Pressebericht von 1931, also vor über 70 Jahren, als »Hirtenrain« bezeichnet wird, bestätigte Clemens Grupp eindeutig, dass es richtig immer nur »Hirdaroina« geheißen habe früher habe man dort »Goißa«, (Ziegen) gehütet.

Man könnte sich ja salomonisch darauf einigen, dass auch heute noch »r«faule Oberkochener leben denn man weiß, dass es welche gibt, die auch nicht »dr Hirschwirt« sagen, sondern »dr Hieschwirt«. So könne nicht ganz ernst gemeint die »Hirten« zu »Hütten« abgeschliffen worden sein. Hütten allerdings gab es dort seit Menschengedenken tatsächlich nie. Fest steht dagegen: Das Weltrad dreht sich weiter, egal ob da einer sich nun für »Hiddaroina« oder ein anderer für »Hirdaroma« verkämpft das wissen wir spätestens seit der erschöpfenden Behandlung der »Rodsteinfrage« (mit »d« oder »t« ?)

Abschließend berichtete Harald Fickert von Nachkriegshöhepunkten des Oberkochener Nordischen Skilaufs etwa von dem hervorragenden Springer Thomas Prosser in den Siebziger Jahren und den Geschwistern Hartmut Fickert und Heidrun Fickert und anderen in den Achzigerjahren. (Langlauf und Biathlon).

Dietrich Bantel

 
 
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