Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 409
 

Der »Hexafels«

Nicht weit nördlich des Volkmarsbergturms, dort wo die flach geneigte Heide in hohen Mischwald übergeht und der Hang als immer steiler werdende Klinge über die Märchenwiese hinab ins Wolfertstal abfällt, da liegt zwischen Wacholderbüschen ein riesiger Felsklotz. Auf der topographischen Karte von 1927 im Maßstab 1:25000 ist dieser Felsklotz als »Bergstein« eingezeichnet. Den gleichen Namen weist das Bergrundschau-Panorama des Schwäbischen Albvereins von 1930 auf. Hin und wieder hört man auch einfach die Bezeichnung »dr Schdoi«. Aber die meisten Oberkochener und Älbler sagen einfach »dr Fels«, (»dr Felsa«) oder »beim Fels« oder »am Fels vorbei«. Auch die Bezeichnung »s'Felsle« wurde mir genannt.

Niemand mehr weiß aber, dass man den »Fels« noch vor 250 Jahren den »Hexafels« nannte. Weil die Hexen und später auch die Erinnerungen an sie aus der Mode gerieten, geriet auch der Name »Hexafels« in Vergessenheit.

Vor 22 Jahren aber traf ich mit einer ganz alten Frau zusammen, die mir über allerlei Oberkochener Sagen zu berichten wusste. Von dieser Frau weiß ich, dass es noch heute um die Mitternachtszeit in klaren Sommernächten bei Vollmond um den «Fels« herum so hin und wieder nicht ganz geheuer sein soll. Wenn sich weit und breit kein Lüftlein regt, dann weht um den »Fels« ein leiser Wind, und manchmal hört man ein Geräusch, wie wenn ein leichter Stoff über den Stein gezogen würde. Auch ein leises Kichern und unverständliches Tuscheln von Mädchenstimmen sollen hin und wieder zu spätnächtlicher Stunde aus dem »Fels« herauskommen.

Im 18. Jahrhundert, so erzählte mir die Frau, sei einmal ein Schäfer neben seiner Herde beim »Fels« eingeschlafen am helllichten Tag und soll daran aufgewacht sein, dass ihm ein Stoff übers Gesicht gezogen wurde. Als er die Augen öffnete war niemand weit und breit, aber neben ihm lag ein mit einem Goldfaden umwickelter Strauß mit ihm unbekanntem Kraut, das dunkelrotbraune Blüten trug. An dem Fa-den hing ein Zettel, auf den äußerst kunstvoll ein großes dunkles Auge gezeichnet war, und darunter stand geschrieben: »Vom Bilzle«.

Dem Schäfer ward recht unheimlich zumute aber er traute sich nicht, mit jemandem über den seltsamen Vorfall zu sprechen. Jedesmal, wenn er daran dachte, lief es ihm aber so leicht schaurig den Buckel runter, bis er eine der krautigen Pflanzen aus dem Gebinde rupfte und einen Quacksalber nach dem Namen der Pflanze fragte. Zu seiner Überraschung erfuhr er, dass die Pflanze »Bilsenkraut« heißt. Nun war ihm klar, dass ein Zusammenhang zwischen dem Krautbüschel und irgendeinem Wesen bestehen musste, das den Strauß neben ihn gelegt hatte, während er im Schatten vom »Fels« schlief.

Bald darauf verliebte sich der Schäfer in ein fremdes Mädchen mit langen dunklen Haaren und außergewöhnlich großen dunklen Augen. Sie führten eine perfekte Ehe und hatten 5 Kinder - eines hübscher als das andere. Manchmal aber ging die Frau des Schäfers alleine in den Wald, um draußen in der »Bilz«, einem abgelegenen und sagenumwobenen Waldstück, Pilze und Beeren zu sammeln wie sie sagte. Und immer, wenn sie vom Wald zurückkam, hatte sie außer Pilzen und Beeren besonders dunkle und große Augen, mit denen sie alle Menschen verzauberte - vor allem aber ihren allerliebsten Schäfermann. Und weil ein Teil ihres geheimnisvollen Wesens offenbar mit dem Wald in der Bilz zu tun hatte und weil er eine Querverbindung zu seinem Erlebnis auf dem Berg beim »Fels« wähnte, nannte der Schäfer das Mädchen sein »Bilzle«.

Ehe sie in ihrer Geschichte fortfuhr, versicherte mir die alte Frau, dass sie eine Ururururur Enkelin der bildhübschen Schäfersfrau noch persönlich gekannt hat.

Und dann erzählte sie, dass zu eben diesen alten Zeiten eine größere Zahl Oberkochener Frauen einmal im Jahr zur Sommerszeit in die »Ellwanger Bilz«, wie der große finstere Wald damals noch hieß, zogen, um dort angeblich Pilze und Beeren, in Wirklichkeit aber das Bilsenkraut und auch die Tollkirsche und andere Kräuter zu sammeln, aus denen sie dann oben auf dem Berg überm Feuer am »Fels« eine zauberkräftige Tinktur zubereiteten.

Das war vor etwa 250 Jahren, wie mir die Alte erzählte. Außer der Frau des Schäfers, die man »s'Bilzle« nannte, zählten zu diesen Frauen »d'Schuldesse (die Frau vom Bürgermeister), d'Hefaddl (die Hebamme), d'Beede (die Bötin also die Frau, die für kranke Mitbürger Medizin in Aalen besorgte und andere Botengänge verrichtete), d'Ondrmillere (die Frau des Müllers von der Unteren Mühle, heute Scheerermühle), ferner vier Wirtsfrauen, nämlich d'Ochsawierde, Greeabaumwierde, d'Rössleswierde, und d'Hieschwierde (die Frau vom Hirschwirt), des weiteren d'Dorfschulmoischdere (die Frau vom Herrn Lehrer), d'Uffbassere, (die Frau des Nachtwächters), d'Pfarre, (die Frau vom evangelischen Pfarrer) und ganz zuletzt S'Faktodom (die Haushaltsgehilfin des katholischen Pfarrers).

Während diese 13 Oberkochener Frauen auf die Mitternacht zu um den »Fels« auf dem Berg herumtanzten, köchelte das nach uraltem Rezept zubereitete Bilsenkraut und Tollkirschen-Gebräu im Kupferkessel, der an einem Metallstab mit Haken am Ende überm Feuer hing. Das Loch, in welchem die Hakenstange steckte, kann man heute noch im »Fels« sehen und auch die Feuerstelle ist bis auf den heutigen Tag an der schwarzen Verfärbung des Bodens zu erkennen.

Wenn aus dem Tal herauf die Turmglocken die Mitternacht einläuteten, so erzählte die Alte weiter, setzten sich die 13 putzmunteren Frauen, die natürlich alles andere als Hexen waren, in plötzlicher großer Stille um das Feuer beim »Fels« und träufelten sich ein paar Tropfen des dunkelroten giftigen Elixiers in die Augen und ein paar in den Mund. Hernach begann sich der Reigen wieder zu drehen. Nach vielen weiteren Runden noch wilderen und wie berauschten Tanzes zogen sich die 13 Frauen dann unter hellem Lachen zurück Richtung Dorf. Um nicht aufzufallen ging aber ab dem Waldrand eine jede still für sich allein des Wegs nach Hause. Am Morgen des nächsten Tages jedoch hatten alle diese Frauen wundervolle große Augen wie Zauberfeen und waren besonders lieb zu ihren Männern. Und denen war das gerade recht.

Natürlich kriegten es die anderen Männer im Dorf so nach und nach auch spitz, wenn sich da oben auf dem Berg was abspielte, aber keiner traute sich hinauf. Es war, wie wenn alle Frauen im Dorf unter einer Decke stünden: In den fraglichen Nächten befahlen sie ihren Männern statt auf dem Berg herumzuspionieren besser ins Wirtshaus zu gehen. Das befolgten die Männer willig, denn die Frauen übten damals wie heute eine kolossale Macht in der Ehe aus. Kein Wunder also, dass diesen 13 Frauen von den Männern im Dorf mit der Zeit der Ruf der Hexerei angedichtet wurde.

Ein einziges Mal war ein verirrter Wandersmann als Zeuge einer solch nächtlichen Orgie ansichtig geworden und berichtete im Dorf, und zwar in der »Grube«, dass oben auf dem Berg und just um Mitternacht, 13 Hexen mit Husch und Hui rund um einen Felsklotz und ein Feuer tanzten. Da machte sich eine Abordnung von tapferen Männern unter der Anführung des Wandersmannes, des Polizeidieners und des Bürgermeisters auf den Weg, um Erkundigungen vom Berge einzuholen.

Als sie aber an den »Fels« kamen, da war da nichts, aber auch rein gar nichts. Der Boden beim »Fels« war jedoch schwarz, wie wenn dort einmal ein Feuer gebrannt hätte. So wurde der Wandersmann ausgelacht, er habe wohl Geister gesehen und die Männer kehrten unverrichteter Dinge in ihre Wirtschaften zurück, um die von ihren Frauen verordneten Sitzungen zu vollenden. Als sie am frühen Morgen in ihre Häuser zurückkehrten, da wurden sie von ihren Frauen nicht mit dem Wellholz, sondern mit großer Liebe empfangen.

Seit dieser Zeit hieß der Fels auf dem Berg nur noch »dr Hexafels«. Und erst Napoleon verbot dann in seinem berühmten Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der das Ellwangische Land ins Württembergische Herzogtum einfügte, allen »Zauber, den die Weibsleut zu nächtlicher Stunde in und außerhalb der Dörfer ausübten«.

Wir aber wissen, dass es in Oberkochen nie richtige Hexen gegeben hat, denn alle Oberkochener Ehegattinnen waren, wie diese Geschichte lehrt, stets treu liebende Frauen zum Wohlgefallen ihrer braven Männer.

Der »Hexafels« indes liegt bis heute an seinem alten Platz.

Zum guten Schluss sagte die alte Frau zu mir: Die Geschichte ist aus, dort läuft eine Maus. Wer sie fängt, kann sich eine große Pelzkappe aus ihrem Fell machen, auf der man wunderschön ins Neue Jahr 2002 rutschen kann.

Dietrich Bantel

 
 
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