Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 394
 

Alliierte Luftaufnahme vom 8. April 1945

Im Heimatbuch kann auf den Seiten 197 - 202 über die letzten Kriegstage in Oberkochen nachgelesen werden.

In Kürze:
Am Ostersonntag, dem 1. April 1945, wurde - wahrscheinlich versehentlich - im Bahnhof Oberkochen von Jabos (Jagdbombern) ein Häftlingstransport angegriffen. Der Angriff forderte 8 Tote und mehrere Verletzte.

Vom nächsten Sonntag, dem 8. April 1945, ist im Heimatbuch vermerkt: »Unvergesslich wird den damaligen katholischen Erstkommunikanten der 8. April, der Weiße Sonntag, bleiben, wo sie unter schwerster Luftgefahr flüchtend, der Kirche zueilen mussten, in der dann so auch die ganze feierliche Handlung unter größter Aufregung vor sich ging«.

Am Mittwoch, dem 11. April 1945 fand der Luftangriff auf die Ortsmitte statt, bei dem ebenfalls 8 Menschen ums Leben kamen und mehrere verletzt wurden.

Am Dienstag, dem 24. April 1945, war mit anfänglichem Beschuss und dann mit dem Einmarsch der Amerikaner der Zweite Weltkrieg für Oberkochen vorbei.

Zum Sonntag, dem 8. April 1945:
Seit dem 10. April 2001, also fast auf den Tag genau 56 Jahre danach, wissen wir, dass eines der Flugzeuge, das an diesem Weißen Sonntag zu der allgemeinen Verunsicherung durch »Luftgefahr«, wie man das damals nannte, beitrug, ein alliiertes Luftaufklärungsflugzeug war, und zwar ein amerikanisches, das die einzige während des ganzen Zweiten Weltkriegs bis jetzt bekannte Luftaufklärungsaufnahme von Oberkochen machte.

Auf einem längeren Weg bin ich in diesem Jahr über das Landesvermessungsamt Baden Württemberg beim »Kampfmittelbeseitigungsdienst« des Regierungspräsidiums in Stuttgart gelandet und dort »fündig« geworden.

Zunächst war über Herrn De Leo vom Landesvermessungsamt Baden-Württemberg in Erfahrung zu bringen, dass umgehend geprüft wird, ob ein Foto von Oberkochen überhaupt vorhanden ist. Hinzu kam die Information, dass an eine englische Luftaufklärungsaufnahme schwerer »ran« zu kommen sei, als an eine amerikanische. Dann wurde aber vom »Kampfmittelbeseitigungsdienst« überraschend schnell mitgeteilt, dass es

  1. eine einzige alliierte 2. WK Luftaufnahme von Oberkochen gibt,
  2. dass diese Aufnahme am 8. April 1945, dem oben erwähnten »Weißen Sonntag«, entstanden ist,
  3. dass es sich um eine amerikanische Luftaufklärungs-Aufnahme handelt, und
  4. dass diese dem HVO auf Wunsch als Kontaktabzug vom 22/23 cm großen Negativ, und auch als Vergrößerung gezogen werden könne. (Kriegsluftbild vom 8. 4. 1945). Ferner
  5. dass mir, zur Prüfung, ob wir das Bild wollen, unverbindlich und kostenlos eine Kopie zugesandt wird. (Nr. des Fotos US-Flug C - 04815/34 / vom 8. 4. 1945 - Bild Nr. 4129)
  6. dass der Preis für einen Kontaktabzug DM 42,--, der für eine Vergrößerung auf 60/60 cm DM 80,-- ist. (plus Porto und Verpackung)

Bereits wenige Tage später trafen die gewünschten Abzüge ein. Sie übertrafen noch bei weitem die hohen Erwartungen, die sich aus der Kopie abgeleitet hatten. Der wohl ins Negativ, einer Kopie vom Original-Negativstreifen, einbelichtete Text im Foto lautet:
»US-Flug C - 44815 / 34 - 37 31 / 8. 4. 1945 Bild-Nr. 4129 - 24° - 2000 US-Zone.«
Hinter »US Zone« befindet sich ein Unkenntlichmachungsfleck.

Die Herren Stefani vom Landesvermessungsamt BW, Stuttgart und Müller vom Kampfmittelbeseitigungsdienst vom Regierungspräsidium BW teilten auf Anfrage mit:
Die Flughöhe ist in dieser Legende mit »2000 amerikanischen Fuß« angegeben; das entspricht einer Flughöhe von etwas mehr als 6500 m - eine fast unglaubliche Höhe für ein so präzises Foto. 24 bedeutet möglicherweise die Brennweite in Inch. Hier wäre der HVO dankbar, wenn ein Fachmann weiterhelfen könnte. Ferner besteht eine Unklarheit in der Angabe »US-Zone«. Der Wahrscheinlichkeit, dass damit ein Bezug zur Jalta-Konferenz vom Februar 1945 hergestellt werden kann, wo Roosevelt, Churchill und Stalin die Aufteilung Deutschlands in sogenannte »Besatzungszonen« vorgenommen haben, stehen Unterlagen des Landesvermessungsamts gegenüber, denen zufolge die endgültige Aufteilung unserer Gegend erst im Sommer 1945 vorgenommen wurde.

Auszuschließen ist andererseits nicht, dass sich hier die Jalta-Konferenz in dem Vermerk »US Zone« tatsächlich bereits vorab vor Kriegsende niedergeschlagen hat.

Am 23.05.2001 erhielt der Heimatverein die Genehmigung des Landesvermessungsamts Baden-Württemberg zum Abdruck dieses Fotos. Der der Veröffentlichung im Amtsblatt beizugebende Text lautet:

»Luftbild des Landesvermessungsamtes Baden-Württemberg mit Erlaubnis vom 14. 5. 2001, AZ 2858,8 LB/2493«

US-Luftaufklärungsfoto vom 08.04.1945 - aufgenommen aus 20.000 Fuß = ca. 6.500 m Höhe. Das Foto wurde am »Weißen Sonntag«. zwischen den beiden Luftangriffen vom 01.04.1945 und vom 11.04.1945 aufgenommen. Abdruck mit Erlaubnis des Landesvermessungsamts Baden-Württemberg AZ: 2858.8-LB1-4286 vom 14.11.2003. Ausführlicher Bericht zu dem US-Foto in BuG 394 vom 08.06.2001

Alle Oberkochener, die sich an das Kriegsende in Oberkochen erinnern, können dieses Foto gründlich studieren.
Im Originalfoto sind deutlich zu sehen:

  1. ein ohne Lokomotive auf dem Bahnhof bis zur Kuhsteige stehender Zug (Güter)
  2. eine Flak-Stellung (Fliegerabwehr Kanone) oben an der Kuhsteige. Weitere?
  3. Der Eingang zu der gegen Kriegsende noch in Bau befindlichen unterirdischen Fertigungsanlage der Firma Fritz Leitz (Flugzeugteile) - HVO Beiträge 339 - 342
  4. Die Rüstungsfirma Fritz Leitz und das Martha-Leitz-Haus
  5. Die Gefangenenbaracken, die in den HVO-Beiträgen 311 - 317 besprochen wurden. Sicher können auf Grund des Fotos Korrekturen an den Lageplänen vorgenommen werden.
  6. Eine Großbaustelle für Einfamilienhäuser im Bereich der »Blumenstraßen« - Rosen, Tulpen, etc... und vieles mehr.

Der HVO ist bemüht, bis zum
Stadtfest Sonntag, 24. Juni (das Heimat Museum ist von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet)
eine 60/60 cm große Vergrößerung des spektalulären Fotos im Raum 8 - (Sonderausstellungen) aufzuhängen. Es wird auch eine Kopie des Großfotos bereitgehalten, in welche Punkte aufgenommen werden, zu denen Besucher Anmerkungen machen können.

An diesem Tag können auch Bestellungen des Fotos in der Größe 23/23 (DM 42,-) Maßstab ca. 1:10000, und in der Größe 60/60 cm (DM 80,-) Maßstab zwischen 1:2800 und 1:3700 - je nach Ausschnitt, vorgenommen werden.
Bezahlung bei Bestellung. Den Portoanteil übernimmt der HVO. Die Bestellungen werden in Form einer Sammelbestellung an das Landesvermessungsamt weitergeleitet.

Dietrich Bantel

Berichtigungen und Ergänzungen
zum Luftbild vom 8. April 1945
(Bericht 394, BuG 08.06.2001)

Das in der letzten Ausgabe von BuG veröffentlichte Luftbild löste zahlreiche Rückkoppelungen aus.
Vorab die Bemerkung, dass wir sämtliche Informationen zu den technischen Daten des Luftbilds von zwei offiziellen Stellen bekommen und - einige davon mit Vorbehalt - weitergegeben haben.

1) Zu Recht wurde bemerkt, dass ein Widerspruch zwischen »Original Negativstreifen« einerseits und der »deutschen Inschrift« andererseits bestehe. Die Angabe geht auf eine missverständliche schriftliche Information des Kriegsmittelbeseitigungsdienstes zurück.

2) Die Originalnegativ-Inschrift des US-Flugs, die von der Druckerei trotz unseres ausdrücklichen Wunsches, sie nicht abzuschneiden, abgeschnitten wurde, lautet richtig: 4129 V V S 34/3731 8 APR 45 24°, 20000 SW W E CENT US-ZONE
(siehe Abbildung)

3) Die Flughöhe ist, laut Kriegsmittelbeseitigungsdienst, im Negativ mit 20000 (amerikanische Fuß) angegeben. Die Druckerei hat die Zahl 20000, die im Manuskript nachweislich zwei Mal richtig stand, beide Male unverständlicher- und fälschlicherweise in 2000 verdruckt...
Über die Unmöglichkeit, dass 2000 Fuß 6500 Metern entsprechen sollen, stolperten eine Reihe von Experten der Firma Carl Zeiss und andere Leser, die den Bericht gründlich gelesen haben.

4) Die Flughöhe von 6500 Metern ergibt sich, wie festgestellt, aus der im Negativ angegebenen Flughöhe von 20000 Fuß.

5) Die Höhenangaben bei Flugbildern erfolgt nicht in NN sondern in Fuß bzw. Meter »über Grund«.

6) Bei der Höhenangabe spalten sich die Leser-Geister. Die einen sagen, dass eine Höhe von 6500 Meter für diese Zeit nicht vorstellbar ist. Andere, die es auch wissen müssen, sagen, dass diese Höhe für Aufklärungsflüge durchaus normal ist. Dritte stellen fest, dass eine Höhe von 2000 Fuß, also die verdruckte Zahl, zu einer Zeit, als die deutsche Luftabwehr praktisch ausgeschaltet war, durchaus vorstellbar wäre. Das heißt, die Höhe müsste im Originalnegativ-Streifen falsch eingeblendet sein. Das jedoch ist absolut unvorstellbar.
Wir gehen also vorbehaltlos davon aus, dass die offizielle Höhen-Angabe von 20000 Fuß = 6500 Meter zutrifft.

7) Die Angabe »24°« bedeutet nicht Brennweite in »inch«, wie vom KMBD unter Vorbehalt mitgeteilt wurde, sondern »Bildwinkel in Grad«.

8) Zu den Angaben, die mit Sicherheit Himmelsrichtungen in Bezug auf die Aufnahme während des Flugs bedeuten, benötigen wir noch fachkundige Erläuterungen.

9) Wir bedauern, dass das Foto im Amtsblatt nur so klein abgedruckt werden konnte, und freuen uns umsomehr auf Ihren Besuch im Heimatmuseum, wo Sie ab Stadtfest-Sonntag, 24. Juni, 14.00 - 17.00 Uhr eine gestochen scharfe faszinierende Vergrößerung (60 cm / 60 cm) des historischen Fotos studieren können. Neben dem Foto ist eine Kopie aufgehängt, zu welcher durchnummeriert Bemerkungen und Beobachtungen der Besucher aufgenommen werden.

Der HVO plant einen Sonderdruck des Fotos samt ergänztem Bericht.

Dietrich Bantel

 
 
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