Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 393
 

Aus einem Poesiealbum vor 100 Jahren

Aus dem Besitz von Christl und Otto Bäuerle jun. wurden dem Heimatverein zwei ziemlich alte Poesiealben, - eines davon mit Einträgen, die über 100 Jahre alt sind, übereignet.

Das ältere der beiden Alben gehörte Lisette Scheerer (4. Juli 1885 bis 30. Mai 1959), in erster Ehe verheiratete Schieber, in 2. Ehe verheiratete Betz. Lisette Scheerer ist die Tochter des Müllers Georg Scheerer und die Schwester des Müllers Kaspar Scheerer von der sogenannten »Unteren Mühle«, oder auch »Scheerermühle«. Lisette Scheerer/Schieber/Betz hatte 3 Kinder, darunter Elisabeth, die mit Fabrikant Otto Bäuerle sen. verheiratet war. Über die Familie Otto Bäuerle sen. kamen die Poesiealben in den Besitz der Familie Otto Bäuerle jun. Otto Bäuerle jr. ist der Enkel von Lisette Schieber geb. Scheerer. Lisettes Bruder Kaspar Scheerer hatte ebenfalls drei Kinder, nämlich Hans Scheerer, Müller, sowie Elsbeth Scheerer und Emil Scheerer, der heute wieder in Oberkochen lebt. Das heißt: Lisette war die Tante der drei in Oberkochen wohlbekannten Kinder des Kaspar Scheerer, von denen zwei bereits verstorben sind.
Die Scheerers sind auf dem evangelischen Friedhof in der »Scheererreihe« beigesetzt.

Beim Lesen der Einträge steht die Zeit vor 100 Jahren im Gegensatz zu unserer Zeit plastisch vor Augen:
Sowohl die Schriften der Erwachsenen, als auch die der Kinder sind ein ästhetischer Genuss. Die Schriften sind trotz einer gewissen Einheitlichkeit dennoch individuell recht verschieden. Leider wird unseren Kindern heute in der Schule nicht mehr »zugemutet«, die deutsche Schrift ihrer Vorfahren zu erlernen. Und leider lernen sie in der Regel nicht einmal mehr die Schrift, die sie erlernen, sauber und leserlich zu schreiben. Das sieht man heute natürlich positiv und nennt das »zwanglose Verwirklichung des Individuellen«.

Dieser überzogene »Individualismus« führt bei der Mehrzahl heutiger Poesiealbeneinträge zu schlampigen und meist gedankenlos und formlos hingeschluderten Niederschlägen. Leider haben unsere Kinder, ja häufig selbst die Erwachsenen, auch für die Inhalte der 100 Jahre alten Einträge keinen Sinn mehr; ja, es reicht nicht einmal mehr für ein mildes Lächeln. Was einst die Urgroßeltern schrieben, ist weniger als Geschichte, ist sozusagen nichts.

Natürlich kann man argumentieren: Was die Kinder damals vor 100 Jahren geschrieben haben, das sei zumeist nicht kindgemäß. Dieser Kritik ist in Teilen sicherlich gestattet - und sie belustigt den Unverstand. Darum geht es aber gar nicht: Es geht darum, dass wir uns bei der Lektüre der Einträge konstruktiv in eine uns fremd gewordene Zeit hineinzudenken, in der Lage sein müssen - auch wenn wir ihre Ideale nicht für erstrebenswert erachten - weil wir sonst den Faden in die Vergangenheit verlieren. Die Unfähigkeit, diese Leistung erbringen zu wollen - das ist der entscheidende Mangel.

Wie abgesehen davon leicht gesehen werden kann, fördert der »zwanglose Individualismus« weder die Qualität der Inhalte noch die Form der Poesiealbumsbeiträge.
Welch ein Fortschritt also?

Hier nun ein paar in Druckschrift übersetzte Beispiele aus der Zeit um 1900 plusminus.

1) Gottes Wort zum Rat, Gottes Kraft zur That. So wird die Zeit in Freud und Leid In Fried & Streit eine sel'ge Saat zur Ewigkeit.
Zur Erinnerung an deinen Vater
Oberkochen, im April 1899
   
2) Freundlich räumst Du mir ein Plätzchen hier in Deinem Album ein, möcht auch ich in Deinem Herzchen niemals ganz vergessen sein.
Zur steten Erinnerung an Deine Dich liebende Freundin Emma Eurich
Oberkochen, den 17. September 1906
   
3) Glücklich wie ein Maienregen dessen Duft das Herz erfreut, Ungetrübt von Leid u. Sorgen bleib Dein Leben so wie heut
Zum Andenken an Marie Kopp
Oberkochen, 6. Jan. 1901
   
4) Drei Engel sollen Dich begleiten Zu Deiner ganzen Lebenszeit und diese Engel die ich meine sind Liebe Glück Zufriedenheit.
Zum Andenken von Deinem Bruder Kaspar Scheerer
Oberkochen, den 2. Mai 1898
   
5) Es blüht ein Blümelein Bescheidenheit, der Mädchen Kränzlein und Ehrenkleid: Wer solches Blümlein sich erhält, dem blühet golden die ganze Welt.
Zum Andenken an Anna Dietrich
   
6) Im Glücke nicht jubeln, im Sturme nicht zagen, Das Unvermeidliche mit Würde tragen, An Gott und eine bessere Zukunft glauben, Heißt Leben und dem Tod sein Bitteres rauben.
Zur freundlichen Erinnerung an Deinen Vetter Friedrich Haidlen
Oberkochen, den 29. Juli 1901
   
7) Wenn Du ein Herz gefunden Das treu mit Dir es meint In gut und bösen Stunden Sei eng mit ihm vereint
Zum Andenken von Rosa Gutknecht
Oberkochen, 7. Jan. 1901
   
8) Wenn uns Berg u. Hügel trennen, Knüpft uns doch das Freundschaftsband. »Freundin« wollen wir uns nennen, Bis wir stehn am Grabesrand. Und dieser kleine Grabeshügel, Sollte der uns trennen doch? Nein! Das Grab hat keinen Riegel, Freundschaft dauert ewig fort!
Zum Andenken von Deiner Dich liebenden Freundin Marie Ernst.
Oberkochen, den 31. August 1902

Ver-giß-mein-nicht
(über die 4 Ecken der Seite verteilt, wie das auch heute noch gemacht wird)

Dietrich Bantel

 
 
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