Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 392
 

1862 - Bahnlinie ohne Bahnhof Oberkochen

Jüngst erhielt der Heimatverein von Josef Frech eine ca. 140 Jahre alte Karte (ca. 1862?) zur Archivierung übereignet. Sie ist, wie man das früher in einer nicht so schnelllebigen Zeit machte, in rechteckige Teile geschnitten und liebevoll mit Faltfugen auf Leinwand aufgezogen, damit sie gut gefaltet werden kann und beim Falten keinen Schaden leidet. Sie ist tatsächlich hervorragend erhalten und sieht nach über 140 Jahren wesentlich besser aus, als eine moderne Papierkarte, auf der man nur einmal eine Wanderung auf der Schwäbischen Alb gemacht hat.

Die näheren Angaben zur Karte wie Titel, Maßstab und Jahr des Drucks wurden früher vom Papier-Kartenrand abgeschnitten und außen auf die Leinwand aufgeklebt, so dass bei richtigem Zusammenfalten eine Art Titelseite entstand. So auch bei dieser Karte.
Überraschenderweise steht unter den Maßstabsangaben der Karte die Jahreszahl 1838. Das ist ihrem Inhalt nach unmöglich. Vermutlich handelt es sich um eine »fortgeschriebene« und »fortgezeichnete« Karte.

Außerdem gibt es ein aufgeklebtes Schildchen, auf dem »Aalen Bl. XXIII« steht. Handschriftlich ergänzt; Gmünd, Ellwangen, Heidenheim. Eine Maßstabsangabe im heutigen Sinn gibt es noch nicht. Dagegen ist eine Länge von 17,3 cm angegeben, die einer geographischen Meile, die lt. diesen Angaben 25599 würt. Fuß = 7418 Meter entspricht.

Ferner ist angegeben:
1 Reisestunde = 16000 Fuß = 4583 Meter. Mit »Reisestunde« kann nur eine in einer Stunde zu Fuß zurückgelegte Strecke gemeint sein, denn 4,5 km entsprechen heute noch einer mittleren Zu-Fuß-Wegstrecke in der Stunde.

Wenn 17,3 cm 7418 Metern entsprechen, hat die Karte einen Maßstab von 1 : 42878 - entspricht also ganz ungefähr unserem heutigen Maßstab von 1 : 50000.

Wesentlich interessanter ist aber das Innenleben dieser Karte. Den für uns interessantesten Teil zeigen wir hier. Zunächst fällt auf, dass die Bahnlinie bereits in die Karte aufgenommen ist. Sie wurde in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts detailliert geplant. Aalen - Heidenheim und damit Oberkochen wurden 1864 ans Eisenbahn-Netz angeschlossen.

Dem sorgfältigen Beobachter fällt auf, dass es überraschenderweise zwar die Bahnlinie gibt, aber noch nicht den Bahnhof an seinem heutigen Platz. Aus diesem Grund kommt als Druckjahr der Karte fast nur das Jahr 1862 in Frage. Eine »Station« ist am damals südlichen Ortsende dort eingezeichnet, wo die Bahnführung am nächsten an die Straße herankommt, also etwa da, wo heute Günther und Schramm stehen, und wo die Wacholdersteige abzweigt. Ein »Irrtum« in der Ortsangabe ist ausgeschlossen, weil a) die Straße zum Bahnhof noch fehlt, und b) an der Stelle, wo der Bahnhof später hinkam, genügend Platz gewesen wäre, das Wort »Station« unterzubringen, wenn es den Plan für den Bahnhof schon gegeben hätte. Dieser entstand 1863.

Die Bahnlinie ist da, die Bahnhofstraße aber, wie gesagt, noch gar nicht geplant. Das heißt auch, dass das Gebäude Staud, in welchem sich ein Krämerladen befand, noch nicht abgebrochen ist. Dieses Gebäude musste, wie in Bericht 106 vom 30. 3. 1990 beschrieben, spätestens 1864 (Planung 1863) im Zuge des Aufbruchs der Langgass (Heidenheimer Straße) zur Anlegung der Bahnhofstraße zum heutigen Bahnhof weichen.

Näheres ist in Bericht 106 nachzulesen, in dem auch erwähnt ist, dass das an das Gebäude Staud nach Süden anschließende Haus das Gebäude Gold/Schmidjörgle war, (heute Kreissparkasse). Martin Gold wusste noch, dass der Krämerladen nach Abbruch des Gebäudes Staud unten im Gebäude Schmidjörgle untergebracht wurde und von der Familie Gold betrieben wurde. Später kam dort ein Uhrmacher rein, dann ein Konsum, und hernach eine »Einka« Filiale (Grieser).

Die Witwe Staud übrigens errichtete mit dem Geld aus dem Verkauf ihres Gebäudes und wohl mit ein wenig Draufgeld die »Schell« = Bahnhofsrestauration in der Bahnhofstraße. An dieser Stelle errichtete knapp 100 Jahre später die Firma Bäuerle ein Fabrikationsgebäude. Dieses wurde Mitte der Siebzigerjahre von Privat erworben. Lange Jahre war dann Kaiser's drin.

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]