Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 391
 

Wolfertstal

Immer wieder hört man, auch von Alt-Oberkochenern, dass das eigentliche Wolfertstal nicht das Haupttal sei, das in Richtung Essingen führt; vielmehr sei das richtige Wolfertstal das steile Seitental, das beim Aussiedlerhof Fischer durch die Klamm über die sogenannte Märchenwiese zum Volkmarsberg hoch verläuft. Die Bezeichnung Wolfertstal für das Haupttal Richtung Essingen sei erst nach dem Krieg aufgekommen. Niemand hat allerdings je konkret und genau erklären können, wie dann das eigentliche Haupttal heißen solle.

In der Tat gibt es, wenn man dem zunächst die Wiesenhänge durchschneidenden Weg zum Waldrand Richtung Volkmarsberg folgt und in den Wald kommt, wo der Weg dann schnell steiler wird, ein altes Waldabteilungsschild, auf dem »Wolfertstal« steht. Diese Waldabteilungsbezeichnung könnte die Ursache für obige Darstellung sein.

In Wirklichkeit aber ist mit dem Namen »Wolfertstal« das Haupttal Richtung Essingen bis in die Zeit vor fast 150 Jahren belegbar, - in der Regel bis hin zur Weggabelung beim Doppelkreuz, mit anderen Worten bis zum Hungerbrunnen der Gutenbachquellen.

Unsere älteste Karte stammt ungefähr aus dem Jahr 1862. Die Beschriftung »Wolfertstal« reicht hier vom Spitztal bis mindestens zur Ballescheuer. Sich bis dorthin erstreckend ist die Beschriftung »Wolfertstal« auch in einer Karte von 1908 eingezeichnet. In einer Karte von 1894 reicht die Beschriftung bis hinaus zu den Hungerbrunnen. In einer Karte von 1914 reicht die Beschriftung »Wolfertstal« wiederum fast bis hinaus zu den Hungerbrunnen, desgleichen in einer Karte von 1933 und einer von 1953. Über die Schreibweise ist damit nichts ausgesagt, denn selbstverständlich schrieb man »Tal« früher mit »th«, also »Thal«.

Unser Kartenausschnitt stammt aus einer Karte 1:100000 von 1894, die 1912 und 1921 berichtigt wurde, herausgegeben vom Württembergischen Statistischen Landesamt. Wenn in sechs Karten über fast 150 Jahre hinweg mit der Bezeichnung »Wolfertstal« stets das Haupttal und nicht das Seitental gemeint ist, darf man davon ausgehen, dass die geographische Notierung stimmt.

Damit ist erwiesen, dass mit der Bezeichnung »Wolfertstal« eindeutig das Haupttal und nicht das zum Volkmarsberg führende Seitental gemeint ist.
Umgekehrt ist damit die Feststellung, derzufolge das oben beschriebene Seitental über die Märchenwiese zum Volkmarsberg das eigentliche Wolfertstal sei, dem Bereich der Märchen zugewiesen.

Wenn schon über das Wolfertstal berichtet wird, werden sich manche Leser fragen, wie es zu dieser Bezeichnung kommt.
Richtung Essingen gibt es eine ganze Reihe von Waldbezeichnungen, die mit »ert« enden: Wolfert, Langert, Eichert. Eichertbrünnele zu Oberkochen. Eicherthäldele - die Hänge links und rechts im Wald unmittelbar nach der Gemarkungsgrenze - zu Essingen. Eichert zwischen Wolfertstal und Theussenberg auf der Hochfläche teils zu Essingen, teils zu Aalen gehörend.

Erneut wird man fündig in dem Buch von Walther Keinath »Orts- und Flurnamen in Württemberg«, das 1926, und 1951 neu aufgelegt im Verlag des Schwäbischen Albvereins erschienen ist. Dort steht auf Seite 103:

Hardt (schwäb. das, der H., fränk. die H., vielleicht urverwandt mit Hirte und Herde; Anklänge von hart = fest, von Harz und Herde) bezeichnet das große, ursprünglich die Feldmark umgebende Waldgebiet eines einzelnen Dorfes, im besonderen die dem Viehtrieb dienenden Teile, oft auch die gemeinschaftliche Waldweide einer Hirtenvereinigung, die mehrere Dörfer umschließen konnte. Da die Weide gerne auf wüst liegendem Gelände abgehalten wurde, findet sich auch Heide (schwäb. oi, oe) im Sinne eines Weidewalds. Die Mehrdörferweide erstreckt sich meist über Wald und Weidegebiete, die seit alters zusammenhängen, oft über eine gemeinsame Allmend mehrerer benachbarter Orte, so das Münsinger Hart, die Feuerbacher Heide. Große Teile der Hardtwälder sind durch die Rodung in Anbauland verwandelt worden. Hierher Flurnamen wie: Äußerer Hart, Ochsenhart, Kapfenhart, Hardtkelter; On. wie Plattenhardt, Mainhardt, Murrhardt (einst Mittelpunkt des Reichswaldes an der Murr). Verkürzt erscheint hart oft als ert, so in Eichert (aus Eich-hart), Rammert (d. i. Rabenwald).

Am Ende des Textes wird erwähnt, dass das Wort »Hardt« = Wald in verkürzter Form zu »hart« wird und oft zu »ert« weiter verkürzt vorkommt. Eichert = Eichenwald, Rammert = Rabenwald.
Zwischen der Rodhalde und Ochsenberg ist in unserer Karte von 1862 beispielsweise ein »Limmerhardt« ausgewiesen. Viele »Hardtstraßen« erinnern an die Alte Bezeichnung »Hardt« für Wald.

Analog zu den Keinath'schen Abteilungen der Verstümmelungsformen des Wortes »Hardt« kann geschlossen werden, dass Langert eine Verstümmelung von Langhardt ist, was so viel bedeutet wie Lang-Wald, eine sehr logische Bezeichnung für den langen bewaldeten Bergrücken.
Das Wolfertstal hieß früher Wolfhardtstal - und bedeutet demzufolge: Wolf-Wald-Tal. Dass es dort früher Wölfe gegeben hat, kann wohl angenommen werden.

Heute kommen allerdings nur noch Wildschweine herunter ins Wolfertstal. Die Jagdpächter müssen im Sommer gegen sie elektrische Zäune um die Felder bauen, um die angebaute Frucht zu schützen. Es gibt auch Schweine anderer Art, die ihren Abfall bis weit ins Tal hinausschleppen, zum Teil mit dem Fahrrad, um ihn dort irgendwo zu entsorgen.

Dietrich Bantel

 
 
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