Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 390
 

»Rodstein« (3)

Mit Datum vom 9. 2. 2001 erhielten wir über Herrn Hersacher vom Staatlichen Vermessungsamt Aalen ein Schreiben vom Landesvermessungsamt Baden-Württemberg, Abteilung Geodäsie, Referat 33 in Karlsruhe mit einem Gutachten von Herrn Dr. Arno Ruoff betr. Schreibweise »Rodstein« zugesandt, das folgenden Wortlaut hat:

»Rod-Namen, die sich auf Rodung beziehen, finden sich tatsächlich (Fränkisch beeinflusst) auch im heutigen schwäbischen Sprachgebiet. Dem trägt die Neubearbeitung des Flurnamenbuchs, S. 119, Rechnung. Dort findet sich allerdings auch der Hinweis, dass eine Unterscheidung zwischen rod- und rot- durch die örtliche Aussprache möglich sei. Die aus Oberkochen mitgeteilte Aussprache der dortigen rot-Namen mit -oa- weist eindeutig auf die Herkunft von rot. (Altes langes o wie in rot wird dort zu oa; altes kurzes o wie in roden wird gedehnt, aber nicht zum Zwielaut.)

Auch sachlich scheint die Hangrodung sehr zweifelhaft, während »rot« für den Stein wie für das Land darunter sehr plausibel ist: Die Benennung »rot« gilt in den selteneren Fällen der Geländefarbe, viel häufiger erscheint »rot« als Bezeichnung des Unheimlichen, so ganz speziell bei römischen Resten (Flurnamenbuch, S. 120). Das liegt gerade in Oberkochen sehr nahe: Rot neben röm. Keller, Rotstein als Fels darüber in schwer zugänglichem Gelände. Dementsprechend ist die Schreibung der Oberkochener Namen Rot, Rothalde, Rotstein zu belassen«.
gez.: Dr. Ruoff

Das heißt: Es soll durch Entscheidung von Herrn Dr. Arno Ruoff bei der Schreibung »Rotstein« (mit »t«) bleiben.

Nun kam ausgerechnet in einem entscheidenden Punkt, wie nämlich das »o« in »Rod«, »Rodhalde« und »Rodstein« in Oberkochen ausgesprochen wird, die Aussage eines durchaus zuständigen Alt-Oberkocheners zum Tragen, der mir am Telefon erklärt hatte, dass man das »Rod« »Road« ausspricht. Mit durch diese Information bedingt legte sich Dr. Ruoff laut seinem obigen Schreiben auf die Schreibweise mit »t«, also »Rot«, »Rothalde«, »Rotstein« fest.

Inzwischen steht fest, dass die Information wohl durch ein Missverständnis falsch war, und, dass eben dieses »rod« hinter Petershans und Betzler nicht »Road«, sondern »Rod« (mit gelängtem »o«) ausgesprochen wird.

Die Aussprache »Rod« (mit gelängtem »o«) galt es nun stichhaltig zu belegen.
Nach dem Erscheinen unseres Artikels »Rodstein 2« in BuG vom 19. 1. 2001, wurde ich dann wiederholt auch von anderer Seite daraufhin angesprochen, dass das »o« in »Rod«, »Rodhalde« und »Rodstein« ausdrücklich nicht als »oa« ausgesprochen werde. Im Laufe der Zeit belegten nun weitere acht von mir befragten Alt-Oberkochener auf Anfrage Landwirte und Leute vom Forst übereinstimmend, dass sowohl die Flur »Rod« (hinter Petershans und Betzler, sowie »Rodhalde« als auch »Rodstein« ohne jeden Zweifel schon immer als »Rod« (mit gelängtem »o«) ausgesprochen wurden und werden. Die Information einer Aussprache »Road« sei eindeutig falsch. Ein verhängnisvoller Irrtum, denn auf Grund dieses Irrtums trifft die Argumentation von Dr. Ruoff nun ins Leere, und unsere Aktien für das »d« in »Rodstein« steigen wieder enorm. Durch Fehler lässt sich dazulernen.

Zur weiteren Kräftigung unserer Initiative für die Schreibeweise Rodstein mit »d« fanden wir zusätzlich heraus, dass seit ca. 150 Jahren die Flur »Rothhalde« in den Karten gerade nicht im Steilbereich des Hangs eingetragen ist, sondern oben auf der härtsfeldseitigen Hochfläche, wo die »Halde« fast eben ist. (Belegbar durch Karten von 1862, 1899, 1900, 1908, 1914, 1921 und 1933. Das passt in die Überlieferung, dass oben hinter dem Rodstein, so wie auf der Heide belegt, früher tatsächlich auch gerodet gewesen sei.

Wir veröffentlichen als Beleg einen Ausschnitt aus einer unserer ältesten Karten (ca. 1862), die dem Heimatverein von Josef Frech übereignet wurde.

Diese Karte wies uns auf eine andere interessante Frage im Zusammenhang mit »Rod/Roth/Rot« auf Oberkochener Gemarkung hin.

Die befragten Alt-Oberkochener brachten nämlich eine weitere Tatsache ans Tageslicht, die durch das Studium alter Karten bis zurück in die Mitte des vorletzten Jahrhunderts (1862) belegt werden konnte:

Es gab in Oberkochen zwei »Rothhalden«
Die heute sogenannte »Orthalde« im Wolfertstal auf der, talaufwärts gesehen, linken Talhangseite zwischen Vizinalweg in der Talaue und dem Waldrand vom Aussiedlerhof Fischer hieß früher fast bis hinaus zu den Hungerbrunnen beim Doppelkreuz, (hauptsächlich jedoch oberhalb vom »Roina«) in den Karten nicht »Orthalde«, sondern ebenfalls »Rothhalde« (in allen Karten mit »th«. Die Alten nennen sie noch heute so. Und eben diese hängige Flur im Wolfertstal wird, im Gegensatz zu der »Rodhalde« beim »Rodstein«, das mit gelängetem »o« ausgesprochen wird, mit »oa«, also »Roadhalde, ausgesprochen.

Der Name »Rothhalde« (o = »oa«) anstelle von »Orthalde« ist durch mehrere Karten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts belegbar. (In einer Karte von 1908 - topographischer Atlas von Württemberg - steht sogar »Brothalde« - mit großer Sicherheit allerdings ein Irrtum).

Der Name »Orthalde« an Stelle von »Rothhalde« über dem Wolfertstal taucht, wie bis jetzt bekannt, erst um die Mitte des letzten, also des 20. Jahrhunderts auf. Zuvor bezog sich der Name »Orthalde« lediglich auf die bewaldeten Hänge zwischen dem Waldrand über dem Tal zum Volkmarsberg, wo es auch einen Orthaldenweg gibt. Das Staatliche Vermessungsamt geht davon aus, dass die Hinzufügung dieser unbewaldeten »Rothhalde« zum bewaldeten Teil der bestehenden »Orthalde« vorgenommen wurde, weil ein- und derselbe Name auf ein- und derselben Gemarkung nicht zwei mal vorkommen darf. Seit ungefähr 1950 taucht die dortige »Rothhalde« zu Gunsten der Bezeichnung »Orthalde« in den Karten nicht mehr auf.

Die verschiedenen Aussprachen der beiden »Rothhalden« können geschichtlichen Hintergrund haben und zusätzlich aber auch zur Unterscheidung der beiden »Rothhalden« gedient haben.
Wir stellen mit Genugtuung fest, dass unsere Veröffentlichungen im Amtsblatt durchaus kritisch gelesen und kommentiert werden, bedanken uns bei allen Informanten und freuen uns über weitere Hinweise.

In getrennten Berichten untersuchen wir den Namen »Wolfertstal« und die Situation »Bahn/Bahnhof/Station« in der obigen Abbildung. Auch die Bezeichnung »Römeregert« (Egert = ein Garten außerhalb Etters) unterhalb dem »Burghau«, in dem Kartenausschnitt links oben, wäre eine Untersuchung wert, sowie die Bezeichnung »Kohlenbühl« (statt heute »Kahlenbühl« rechts außen in der Mitte der unteren Kartenhälfte.

Dietrich Bantel

 
 
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