Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 388
 

Der Trompeter vom Kochertal
Josef Trittler (29.09.1908 - 08.03.1983)

Wir kennen natürlich jede Menge berühmte Trompeter, allein schon die beiden Trompeter von Säckingen. Über den älteren der beiden schrieb 1854 der 28 jährige Joseph Viktor von Scheffel seinen berühmten »Trompeter von Säckingen«, ein 370 Seiten dickes lyrisches Epos.
Und dann gibt es natürlich den anderen, inzwischen fast genauso berühmten Trompeter von Säckingen, der gebürtiger Unterkochener und seit nahezu 7 Jahren hauptberuflich Bürgermeister von Oberkochen ist.

Hier aber geht es weder um den einen noch um den anderen. Es geht hier um den Trompeter vom Kochertal. Zum Beweis, dass es den gegeben hat, drucken wir den Originaltext, der am 5. Juli 1952 in der Aalener Volkszeitung erschien, in Kleindruck in diesem Bericht ab, vor allem wegen des Titels.

Das Foto vom Trompeter vom Kochertal, das seinerzeit von Foto Kristen gemacht wurde, existiert leider nicht mehr. Herr Stelzenmüller war so freundlich, es vom Original-Zeitungs-Ausschnitt heraus abzufotografieren und etwas aufzubügeln, damit es überhaupt veröffentlicht werden kann.

Der demnächst ein halbes Jahrhundert alte Text stammt vermutlich aus der Feder des damaligen 1. Vorstands des Musikvereins, Erich Günther. Von ihm stammt zumindest das Grußwort zum Tag der Musik in Oberkochen, dem die Aalener Volkszeitung am 5. Juli 1952 anlässlich des 25-jährigen Vereinsjubiläums des Musikvereins Oberkochen und des gleichzeitig in Oberkochen abgehaltenen 8. Bezirksmusikfests eine Sonderdoppelseite widmete. Aus diesem Sonder Bericht stammt auch die Geschichte vom »Trompeter vom Kochertal«.

Der Enkel des Trompeters, Michael Eisele, der dem Heimatverein draußen in der Bilz mit dem Sturmholz ums Bilzhaus geholfen hatte, kam eines Tages mit dem fast 50 Jahre alten und total vergilbten Zeitungsausschnitt mit dem Bildbericht über seinen Großvater zu mir. Siehe den (oben) auf der nächsten Seite abgedruckten Zeitungsausschnitt vom 5. 7. 1952:

Diesem liebevoll geschriebenen Text ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Paula Eisele, die Tochter des »Trompeters vom Kochertal«, wusste dennoch ein paar interessante ergänzende Details zu nennen:

Josef Trittler war Gründungsmitglied und zuletzt Ehrenmitglied beim Musikverein, wo man gleich von Anfang an auch das Instrumente-Spielen lernen konnte. Geübt wurde im »Hirsch«. Bis 1957, also ca. 30 Jahre lang, war ihr Vater aktiv beim Musikverein Oberkochen. Musik bedeutete ihm alles. In Oberkochen nannte man ihn, um ihn von den vielen anderen Oberkochener Trittlers zu unterscheiden, einfach »dr Musiker« und jeder wusste, wer gemeint war.

Eine weitere bemerkenswerte Ergänzung zur Geschichte des »Trompeters vom Kochertal« wusste mir unlängst Helmut Gold (Marx) anzufügen. Ein Urahne Markus Gold war Namensgeber für diesen Oberkochener Hausnamen, denn den vielen Golds erging es nicht anders als den vielen Trittlers. Sie bekamen Hausnamen, damit man sie voneinander unterscheiden konnte.

So lautet diese Geschichte von Helmut Gold/Marx:
Eine Zeitlang, noch vor und während des Zweiten Weltkriegs, hatte, so ist es überliefert, Karl Gold, der sogenannte »Marxa-Karl«, Sohn des Marxa-Gärtners Johannes Gold, auf seiner Trompete vom Rodstein übers ganze Kochertal hinweg das Echo auf das Spiel des Trompeters Josef Trittler zurückgespielt, und auch andere Melodien auf die Musik, die vom Waldrand des Volkmarsbergs oder aus dem »Kessel« übers Tal zum Rodstein herüberkam, zurückgeblasen. Der Marxa-Karl war ebenfalls Gründungsmitglied des 1927 im »Hirsch« gegründeten Musikvereins. Die beiden Trompeter waren eng befreundet und sprachen das Programm ihrer Übers-Tal-Musik immer vorher miteinander ab.

Ein trauriges Verhängnis ereilte den Vollblutmusiker und Trompeter Josef Trittler vom Kochertal: Mitte der Fünfzigerjahre flatterte ihm eines Tages ein Strafzettel ins Haus. Ein paar »Neuzugezogene, die heute nicht mehr leben«, wie es in der Verwandtschaft des Trompeters formuliert wurde, hatten sich durch das Sonntagmorgendliche Trompetenspiel (ca. 1/2 7 Uhr) überm Tal belästigt gefühlt und Josef Trittler wegen Nachtruhestörung angezeigt.

Über die Anzeige zutiefst - heute würde man sagen »gefrustet«, - hörte »dr Musiker« Trittler auf mit seinem Spiel, das so viele erfreut hatte. Der damalige Schultes von Oberkochen, Bürgermeister Gustav Bosch, hatte sich im Zusammenhang mit der Anzeige persönlich beim Trompeter vom Kochertal gemeldet und ihm gesagt, dass es ihm arg leid täte um die Musik, aber wenn eine Anzeige vorliege, dann könne man, auch er, halt nix machen.

Seit dem war übrigens auch die Mittagessenszeit im Dreißental nicht mehr geregelt, denn es hatte sich eingebürgert, dass Josef Trittler zusätzlich zu seinem morgendlichen Spiel Punkt 12 Uhr am Sonntagmittag vom Schlafzimmerfenster heraus ins Dorf trompetete, was zumindest im Dreißental den Start zum Mittagessen bedeutete. Wenn der Trompeter fertig war mit Blasen, dann hatte es geheißen: »So, jetzt könnat mr essa«.

Ja, - das waren schwere Zeiten in Oberkochen.
Inzwischen sind wir allerdings schon so weit, dass selbst das Gebimmel der bayerischen Kühe auf den Weiden des Allgäus wegen der Fremden, wenn überhaupt, nur noch »von - bis« dauern sollte, - und es ist absehbar, dass es bald verboten ist, im eigenen Hause laut zu furzen...

Ja, - das war eine Welt im Wandel, dieses Oberkochen vor 50 Jahren - sozusagen das Ende der »guten alten« Zeit, die es nie gegeben hat, und der Anfang einer neuen Zeit, die uns gebastelt wurde, und die wir uns selbst gebastelt haben.

Und nochmal war es eine völlig andere Welt vor 150 Jahren, als Victor von Scheffel sein großes Lied vom »Trompeter von Säckingen« schrieb.

Zum Abschluss seien ein paar Zeilen daraus zitiert, die wie für unsere Oberkochener Trompeter, die 100 Jahre später bliesen, geschrieben scheinen:

... Und begann auf der Trompete
Ein vergnüglich Stück zu blasen.
Grüßend klang es nach dem Rheine,
Grüßend klang es nach den Alpen,
Heiter bald, und bald beweglich
Ernst als wie ein frommes Beten,
Bald auch wieder scherzend schalkhaft.
Und trari - trara - so hallte
Beifallspendend ihm das Echo
Aus dem Waldesgrund herüber..

Dietrich Bantel

 
 
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