Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 383
 

»Rodstein« oder »Rotstein«? (1)

Viele heimatkundlich interessierte Oberkochener sind dankbar, dass diese bislang von niemandem verbindlich beantwortete Frage einmal mehr gestellt wurde. Es ist an der Zeit, diese uralte Frage endlich schlüssig zu beantworten:

Es gab vor 170 Jahren noch keinen »Duden« (Ersterscheinen 1880), mit der Idee, verbindliche Schreibweisen vorzugeben oder festzulegen. Man denke nur an die 7 oder 8 verschiedenen historischen Schreibweisen des heute nur noch in einer Form geschriebenen Namens »Bilz«.

Für eine sinnvolle Festlegung einer Schreibweise »Rod-« oder »Rot-« ist es wirklich Zeit, auch wenn die »Dudenidee« derzeit durch weniger kompetente Nachfolger bereits verwässert wird.
Eine einleuchtende Antwort und durchaus für die Zukunft verbindliche Antwort auf die Frage »Rotstein« oder »Rodstein« konnte gefunden werden.

Zunächst wurde die Gelegenheit genutzt, eine Reihe von Alt-Oberkochenern zu befragen. Unter ihnen war kein einziger, der die Schreibweise »Rotstein« mit »t« begründen konnte. Alle bis auf einen der Befragten waren sich einig darin, dass man Rodstein mit »d« schreibt, weil das Wort, wie alle bestätigten oder zumindest vermuteten, von »roden« = »urbar machen« kommt.

Dabei liegt nahe, dass anlässlich der Erstaufnahme des Namens »Rot« (»das Rot« = Flurname) in die Urkarte vor 170 Jahren durchaus Einheimische befragt wurden, wie man das »Rot« schreibt. Hypothese: Die Auskunft lautete: »Ha, des isch s'Road«. Der fremde Geometer glaubte, ohne das weiter zu überprüfen, dass der Name mit der Farbe »rot« zu tun hat, ersetzte deshalb das gesprochene »d« durch ein schriftdeutsch geschriebenes »t« und legte »Rot« statt »Rod« fest. Wohlwollend wird eingeräumt, dass er »Rot« auch mit »reuten« in Zusammenhang gebracht haben könnte.
Und das war's dann.

Nur eine Person mutmaßte, dass eine Schreibweise »Rotstein« mit »t« vielleicht damit zusammenhängen könne, dass der Fels, wie die Berge in den Dolomiten, »rot« wird, wenn er von der Abendsonne angestrahlt wird. Diese nicht haltbare Begründung wird absichtlich erwähnt, weil sie »so quasi« aus dem hohlen Bauch heraus kam, ohne belegbar zu sein. Es sollte »mit aller Gewalt« eine Verbindung zur Farbe »rot« hergestellt werden.

Andererseits steht allerdings fest, dass tatsächlich in fast allen amtlichen Karten bis auf den heutigen Tag die Schreibweise »Rotstein« mit »t« angewendet wird.

Typisches Beispiel: Topographische Karte 1:25000 von 1985.

Auch der Zeichner der Oberkochener Urkarte (Carl Vollmer, Erstvermessung) von 1830 schreibt »Roth« wie gesagt mit »t«. »Roth« steht für »Das Rot«, meist als »s'Road« mit »d« ausgesprochen. Es ist nicht auszuschließen, dass das »h« im »Roth« in der Urkarte nicht das »h« der alten Schreibweise von »Rot« = »Roth«, sondern die Abkürzung für »Halde« ist, da hinter dem »h« eindeutig ein Punkt steht, Entscheidend ist jedoch, dass in der Urkarte »t« und nicht »d« geschrieben wird.

Da die Urkarte die erste offizielle Karte von der Oberkochener Gemarkung ist, darf davon ausgegangen werden, dass hierin der Grund liegt, dass die Schreibweise von »Rot« mit »t« in alle folgenden Karten übernommen wurde, ohne, dass je - egal, wie das »t« zustande kam - jemand über die Hintergründe der Schreibweise nachgedacht beziehungsweise Konsequenzen aus dem Ergebnis des Nachdenkens gezogen hat, indem er die Ungenauigkeit dem Landesvermessungsamt mitteilte.

Wenn nämlich beim Landesvermessungsamt in Stuttgart keine Anträge oder Anregungen für Änderungen eingehen, wird eine einmal festgelegte Schreibweise natürlich in die aktuellsten Karten und weiter bis in alle Ewigkeit, übertragen. Das heißt, dass der »offizielle« »Rotstein mit »t« nie aussterben würde, wenn die Bevölkerung sich nicht wehrt.
Leider sind über 1830 hinaus keine älteren Belege zu »Rodstein oder Rotstein« in geschriebener oder gedruckter Form bekannt.

Im neuesten offiziellen Stadtplan der Stadt Oberkochen ist »Rodstein« übrigens mit »d« geschrieben. Um mehr Klarheit in die Frage »Rodstein« oder »Rotstein« zu bekommen, wurde weitere vorliegende Literatur durchgearbeitet.

Franz Balle verwendet in seinen »Heimatkundlichen Blättern« von 1953 die amtliche Schreibweise »Rotstein« mit »t«.

Die Alt-Lehrer Mager und Günter verwenden in den Dreißigerjahren die Schreibweise »Rodstein« mit »d«. (Geschichte vom Besenbinder unterm »Rodstein«). Das ist mit Sicherheit kein Zufall, denn es ist davon auszugehen, dass die beiden heimatkundlich engagierten Lehrer sich sehr wohl Gedanken gemacht haben, weshalb sie von der bis dahin offiziellen Schreibweise »Rotstein« mit »t« abgegangen sind.

Lehrer Günter hat 1931 außerdem eine detaillierte Flurkarte gefertigt (Abbildung), in der der Name gleich 3 mal mit »d« geschrieben ist. (Rodhalde, Rod, Rod)

Dr. Christhard Schrenk, ein Historiker ersten Ranges, verwendet in seinem heimatkundlichen Büchlein sicherlich auch nicht zufällig die Schreibweise mit »d«. (»Rodhalde«, »Rodsteinhang«).

OFD Karl Schurr (verst. 1990) verwendet im Heimatbuch von 1986 die Schreibweise mit »d«: (»Rodgrüble«, »Rodhalde«, »Rodstein«).

Außerdem erklärt Karl Schurr im Heimatbuch:
»Der Name »Rot oder Rod« leitet sich wohl von »reuten« - »roden« ab. Mit rotem Boden oder dergl. hat er sicher nichts zu tun«.

Mit dieser Erklärung sind wir der Lösung des Rätsels zunächst ein gutes Stück näher gekommen. Allerdings: Mit dem Wörtchen »wohl« in der Erklärung von Herrn Schurr ist das berühmte »Hintertürchen« offen gelassen, dass die Erklärung vielleicht doch nicht schlüssig sein könnte.

Einen weiteren interessanten Hinweis in Richtung »t« - »d« findet man im Großen Duden. Dort ist unter den üblichen Erklärungen zum Begriff »roden« auch das Verb »rotten« = den Boden der Weinberge tief umgraben oder umpflügen (bis zu 60 cm) angeführt.

Über »rotten« ist ein weiterer Bezug zu dem Begriff »reuten« (mit »t«) hergestellt, wobei die Lautverschiebung von »eu« nach »o« stattgefunden hat. Ganz offensichtlich hängt dieses Wort »rotten« auch mit »ausrotten« zusammen. Hier ist der Zusammenhang mit »roden« leicht nachvollziehbar. (Belegbar durch Etymologie-Duden).

Der Etymologie-Duden geht auf diese Fragen noch ausführlicher ein, ohne dass für unsere Frage neue Erkenntnisse auftauchen.

Was steht im Flurnamen-Standardwerk Orts- und Flurnamen in Württemberg von Walter Keinath?

Dieses Buch wurde vom Schwäbischen Albverein herausgegeben, erstmals 1926, und im Verlag des Schwäbischen Albvereins 1951 neu aufgelegt. Dort heißt es unter den Stichwörtern »Rod« und »Rot«:

»Allgemein üblich ist das Wort Reut, Ruit, (althochdt. riut, Schwäbisch ruit, reit, fränkisch rait dazu das Gereute (althochdt. giriuti, Schwäbisch gruit, greit): die Reute (Althochdeutsch riuti, Schwäbisch reite, (sächlich, vom Zeitwort abgeleitet) für Land, das durch Ausgraben von Bäumen, Büschen und Wurzelstöcken urbar gemacht wurde. Die Flurnamen und Ortsnamen mit Reut beziehen sich auf Flurstellen und Siedlungen, die tief in das Gebiet von Bunt- und Stubensandstein eindringen. Hierher: Reutäcker, Ruitfeldle, Unter der Reute, Buchenruit, Bückelreute, Rütin (1350). Oft entstellt: Reiteräcker, Rittbühl, fränkisch Raite. Auch Kräut, so in Tannenkräuter. Vielfach in Ortsnamen: Reut(t)bach, Reute, Reutin, Reudern, Ruit, Rüdern. Mit Vorsilbe »ge« oder verstümmelt »g« oder »k«.: Muttergottesgereut, Greutterwald, Kreutelstein, Kreidewald, Greitanger, im Gritter (auch Krütter), Bülenkräut; Fränkisch Felzgrait.

Rot, Rod erscheint im Fränkischen (als roud) für Rodung: Atzenrod, Niederrot, Rodäcker. Ortsnamen: Rot am See. Dagegen ist roden im Sinne von reuten nicht schwäbisch. Wo schwäbische Namen anklingen, liegt oft eine Farbbezeichnung vor: Auch scheint sich mit »rot« in vielen Fällen die Vorstellung des Geheimnisvollen und Unheimlichen zu verbinden.«

So ist mit Goethe zu sagen: Hier steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Alles deutet bei Keinath für »Rodstein«, mit »d« (u. a.), das heißt zunächst auf einen Zusammenhang mit reuten und roden hin. Erst ganz zuletzt vermerkt Keinath, dass dieser Zusammenhang nur aufs Fränkische, nicht aber aufs Schwäbische anzuwenden ist. Offensichtlich hat auch Karl Schurr das Werk von Keinath konsultiert und kam durch diese letzte Bemerkung ins Schleudern, was ihn dazu veranlasste, das Wörtchen »wohl« in seine Deutung einzubauen.

Ausschussmitglied StD a. D. Horst Riegel hat sich der Mühe unterzogen, die Ortskarten des Telefonbuchs daraufhin durchzuforsten, wie oft im Bereich Ostalb Ortsnamen mit »Reute«, »Rot«, und »Rod« vorkommen.

Ergebnis:
Das Wort oder die Silbe »Rot« kommen 30 mal vor,
das Wort oder die Silbe »Rod« kommen 9 mal vor,
das Wort oder die Silbe »Reute« kommen 24 mal vor,
(Allein den Ortsnamen »Reute« gibt es im Ostalbkreis 13 mal.)
Insgesamt waren auf diese Weise allein mit den 3 Grundformen von »roden« 63 »Rodungs-Namen« nachzuweisen.

Folgende Argumente sprechen trotz Keinath und trotz Landesvermessungsamt, für »Rodstein« mit »d« mit folgenden Begründungen:

1) Um die Frage »rot« oder »rod« zu entscheiden, sollte man sehen - wenngleich der Einfluss der Herrschaft auf die Sprache des Volkes sicher nicht allzu groß war - dass unsere Region, geschichtlich betrachtet, hier im Osten von Württemberg dem fränkischen Einflussbereich näher ist als dem schwäbischen. Dies macht eine Verwendung des Wortes »rot« im Sinne von »reuten/rotten/roden«, trotz Keinath, durchaus plausibel. Der Oberkochener Alamannenfriedhof ist ein »fränkischer Friedhof«, d. h., ein Gräberfeld, das unter merowingischer, also fränkischer Herrschaft entstanden ist.

2) Des weiteren ist kein Zeugnis bekannt, das den »Rodstein« so sonnenrot beschienen beschreibt, um auf den Gedanken zu kommen, im Namen »Rodstein« ein Zusammenhang zur Farbe »Rot« zu sehen. Wer je ein echtes »Alpenglühen« erlebt hat, weiß, was gemeint ist.

3) Der dritte Grund, der zu Gunsten von »Rodstein« im Sinne von »reuten/roden« spricht, ist, dass sowohl vom Gestein, als auch vom Boden her keinerlei Verbindung Richtung »rot« gegeben ist. Oberkochen befindet sich im weißen Jura.

Horst Riegel ergänzt zu Recht, dass der Begriff »Rot« im Keuperland (z. B. Rot an der Rot) höchstwahrscheinlich von der Farbe des Bodens abgeleitet ist.

4) Die Bezeichnung »Rodhalde« belegt vielmehr ohne Zweifel, dass im Mittelalter, wie andere Hanglagen in unseren Tälern, auch diese Halde vom Tal her bergaufwärts (möglicherweise, da weniger lang besonnt, später als andere Halden) bis in eine bestimmte Höhe abgerodet wurde, um sie wirtschaftlich nutzen zu können. An einigen Stellen unserer Täler (Tierstein, Wolfertstal), sind bis auf den heutigen Tag Nutzungs-Terrassierungen zu erkennen.

5) Die Bezeichnungen »Rod« und »Rodhalde« sind sicher älter als die Bezeichnung »Rodstein«, d. h. die Namen »Rod« und »Rodhalde« wurden auf den sie beherrschenden Felsen über ihnen, den »Rodstein«, übertragen. Möglicherweise war auch die Ebene hinter dem Rodstein in früheren Zeiten, wie die Heide, gerodet. Das wäre unschwer zu überprüfen.

6) Für »Rod«, »Rodhalde« und somit »Rodstein« spricht ferner, dass sich, nur wenige Kilometer in der Luftlinie vom Rodstein entfernt, ob Essingen, ein Hofgut namens »Hohenroden« (= »gerodete Höhe«) befindet, das sich meines Wissens schon immer mit »d« schreibt, und im Ostalbkreis 62 weitere Ortsnamen mit »Rot, Rod und Reute« im Sinne von »roden« belegbar sind.

Da die bislang als maßgeblich genommenen offiziellen Karten letztlich nicht von Einheimischen sondern von Ortsunkundigen gemacht werden, muss der von den Einheimischen verwendeten Schreibform mit »d«, »Rodstein«, und der mit diesem Bericht erfolgten etymologischen Deutung eindeutig den Vorzug gegeben werden. Vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die Schreibweise mit »t« etymologisch zwar im Sinne von »rotten« (reuten) durchaus vertretbar ist, die Schreibweise »Rotstein« mit »t« aber unweigerlich an die Fehlassoziation »rote Farbe« gekoppelt und damit ein unnötiger Irrweg ist.

Dietrich Bantel

 
 
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