Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 374
 

Wilhelm Spiegler (30.05.1912 - 08.07.1988) - 3. Folge
Auswanderung nach Südamerika und Graf Zeppelin

1946 wurde unsere Tochter Irmhild und 1948 unser Sohn Wilfried geboren.

So Ende der vierziger Jahre trat unser Schwager Willy Pfütze, der zu der Zeit bei der Firma Zeiss arbeitete, an meinen Mann heran, um seinen Rat zu hören betreffend Gummivulkanisierung an Zeissschen Instrumenten, vor allem Feldstechern. Mein Mann studierte den Fall und ließ Rohgummi kommen, und als ich meinen transportablen elektrischen Backofen suchte, hatte er ihn mit in die Werkstatt genommen und probierte frisch darauf los. Die Sache klappte, ich war meinen Ofen los und Frau Gretel Bleibler (früher Gretel Jooss) musste den Teig wieder zum Bäcker bringen. Gretel arbeitete zu der Zeit in unserem Haushalt, sie war sehr tüchtig, sehr fleißig und liebenswert im Umgang. Sie blieb bis Ende 1950, dann bekam sie eine Stelle bei Zeiss und wir waren sowieso schon bei der Auflösung der Werkstatt.

Die Versuche meines Mannes mit dem Vulkanisieren waren der Anfang der Firma Gummi Pfütze. Auch machte mein Mann Schleifscheiben, die ebenfalls bei uns gegossen wurden. Aber der Wunsch nach Auswanderung blieb.
Am liebsten wären uns die USA oder Kanada gewesen, aber da hätte man zu lange warten müssen. Doch dann bot sich Brasilien an, das zu der Zeit Techniker suchte.

Mein Mann und Herr Dr. Wagner von Zeiss, ein guter Freund meines Mannes und inzwischen aus der Firma ausgeschieden, griffen die Sache auf uns setzten sich mit Willy Seybold, Büro für Wirtschaftsorganisation, Frankfurt am Main, in Verbindung.

Da die Kenntnisse beider für Südamerika von Interesse waren, wurde ihnen der Vorschlag gemacht, nach Asuncion, Paraguay, auszuwandern, da gerade hier Fachleute gesucht wurden und Paraguay durch die Regierung Strössner besonders deutschfreundlich war. Willy Seybold leitete alles in die Wege und mein Mann sowie Herr Dr. Wagner bekamen das permanente Visum sowohl für Brasilien und Argentinien als auch für Paraguay.

Auf Anraten von Seybold kaufte mein Mann einen Volks-Kombiwagen Luxus, dessen Karosserie blau-silber war. Es stellte sich nachher heraus, dass es der erste Kombiwagen in Paraguay war.
Noch Ende des Jahres 1950 sollte die Reise mit dem französischen Schiff »Florida« von Marseille/Frankreich, losgehen. Die schon gepackten Kisten gingen nach Frankreich zum Transportunternehmen, um dort auf Abruf zu lagern, denn wir, die Familie, sollten erst später nachkommen. Es wurde lediglich der Kombiwagen mit allem Nötigen gefüllt und zusammen mit dem ebenfalls auswanderungswilligen Helmut Falkenhain mit Frau und zwei Kindern ging am 2. Weihnachtsfeiertag von Frankfurt aus die Reise nach Marseille los, einschließlich Dr. Wagner.

Familie Falkenhain fuhr gleichfalls in ihrem Kombi, aber ihr Ziel war Brasilien, wo sie bald nach Ankunft den Kombi verkaufen konnten, um eine bereits bestehende, gutgehende Pension in Pacht zu übernehmen und somit auch gleich einen guten Anfang hatten.

Mein Mann und Dr. Wagner fuhren also weiter nach Buenos Aires, wo, da ja Hochsommer in Südamerika, sie sehr große Hitze empfing. Dr. Wagner machte schlapp und mein Mann fuhr allein mit dem Kombi nach Asuncion. Dort machte er die Bekanntschaft eines Herrn zum Baum, der ihn mit der deutschen Kolonie bekannt machte. Eine ältere Witwe, Frau Kraus, suchte für ihr Unternehmen - Herstellung von Papierwaren aller Art, Bücher usw. - einen tüchtigen Chef. Zur Zeit ihres Mannes wurden dort sogar Banknoten gedruckt. Die Familie wäre ebenfalls erwünscht und ein Haus mit Garten sei auch vorhanden. Unsere Familie bestand zu der Zeit aus uns Eltern und 5 Kindern, denn - wie ich schon erwähnte - wurde 1946 unsere Irmhild geboren und 1948 Sohn Wilfried.

Mein Mann schaute sich erst einmal alles an und fand vor allem die Hitze dort unerträglich. Er kam ja aus dem deutschen Winter in den paraguayischen Sommer und das muss erst verkraftet werden.

Ich hatte mit meines Mannes Einverständnis und auf Anraten von Seybold unser Haus verkauft, das Nötigste verpackt und die Haushaltskiste ebenfalls zur Spedition nach Frankfurt geschickt. Wir selbst fanden in der Nähe von Frankfurt eine Pension, die froh war, zu der Zeit Gäste zu haben und so war ich auch gleich nahe Frankfurt, um auch meinen Pass in Ordnung zu bringen, denn mir fehlten ja noch die Eintragungen für Brasilien, Argentinien und Paraguay.

Mein Mann konnte sich so schnell nicht für Paraguay entschließen und wollte erst einmal zurück zu Dr. Wagner in Argentinien und seine Meinung hören. Er verkaufte den Kombi an das Militär, das ihn unbedingt wollte, und ließ die anderen Sachen bei Frau Kraus.

In Buenos Aires hatte sich Dr. Wagner wieder erholt und bereits Anschluss in der deutschen Kolonie gefunden und auch schon eine Anstellung in seinem Fach. Er besprach die Sache mit meinem Mann, fand es in Argentinien gut, wollte bleiben und auch meinem Mann eine gute Stellung besorgen. Aber mein Mann wollte nicht, sondern kam wieder nach Deutschland zurück, um sich alles zu überlegen und die Sache mit mir zu besprechen.
Natürlich suchte er auch Willy Seybold auf. Hier traf er zufällig Graf Zeppelin mit Sohn, die nach Brasilien wollten, um sich dort einmal umzusehen und eventuell Land zu kaufen.

Wir beschlossen, doch nach Paraguay zu gehen, sagten der Spedition Bescheid, unser Auswanderergut nach Buenos Aires zu schicken. So ging also für uns alle am 25. Mai 1951 die Reise per Zug nach Marseille los. Es war eine lange Fahrt. Dort wartete das gerade von der Jungfernfahrt zurückgekommene französische Schiff »Provence« auf uns und los ging die Fahrt, die sehr angenehm verlief.

Auf dem Schiff kam mein Mann weiter ins Gespräch mit Graf Zeppelin, der sagte: »Herr Spiegler, wenn Sie das Visum auch für Brasilien haben, warum steigen sie nicht erst mal dort aus und sehen sich alles an?« Mein Mann sagte: »Aber unsere Kisten sind nach Buenos Aires deklariert und liegen zu unterst im Schiff und man wird sie nicht herausgeben«. Graf Zeppelin meinte, das wäre kein Problem, er hätte einen Bekannten in Buenos Aires, der würde die Kisten in Empfang nehmen und, wenn wir in Brasilien blieben, sie mit dem nächsten Frachter nach Santos schicken.

Mein Mann willigte ein und so fuhren wir nicht bis nach Buenos Aires, sondern nur bis Santos und dann weiter nach Sao Paulo, wo wir zuerst im Hotel und dann in der Pension Falkenhain wohnten. Mein Mann war dann fast jeden Tag mit Graf Zeppelin unterwegs und fand schließlich, dass es doch richtiger wäre, in Brasilien zu bleiben, da wäre doch viel mehr los.

Also ließen wir unsere Kisten nach Santos kommen, stellten aber fest, dass gerade die Haushaltskiste irgendwie verschwunden war. Sie tauchte auch nicht wieder auf, was für die Familie besonders schmerzlich war, weil sie nicht nur das enthielt, was wir so nötig am Anfang brauchten, sondern auch die Spielsachen der Kinder, Schulranzen usw. sowie die elektrische Eisenbahn mit allem Zubehör der Jungens.

Nachdem sich Graf Zeppelin doch nicht entscheiden konnte, in Brasilien etwas zu kaufen, reiste er ab und wir hörten nie wieder etwas von ihm. Auch Dr. Wagner meldete sich nie wieder bei uns.

Irma Spiegler

 
 
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