Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 372
 

Wilhelm Spiegler (30.05.1912 - 08.07.1988) - 1. Folge
Von Aalen über Dessau und Berlin nach Oberkochen

Im letzten Jahr half der Zufall, dass ich über eine Nachbarin auf die Spur eines außergewöhnlichen Mannes gebracht wurde, der noch vielen Oberkochenern in Erinnerung ist: Wilhelm Spiegler. Seine Frau lebt heute, 82 Jahre alt, in Brasilien. Leser der »Schwäbischen Post« mögen sich an ihre Berichte aus Brasilien im Rahmen der »Weihnachtsgrüße aus aller Welt«, 1990 und 1999, entsinnen.

Ich habe Frau Spiegler gebeten, dem Heimatverein über die ungewöhnliche und bemerkenswerte Geschichte Ihres Mannes zu berichten - und sie hat dieser Bitte in hervorragender Weise entsprochen.

Wir werden ihren spannenden Bericht in 5 Folgen veröffentlichen.

Wilhelm Spiegler war das, was das Schwäbische Lexikon unter »Diftele« aufführt. Manchmal heißt es auch »Diftler«. Missraten verhochdeutscht heißt das »Tüftler«. Unter »tüfteln« steht im Duden: Umgangsdeutsch für »eine kniffelige Aufgabe mit Ausdauer zu lösen suchen«.

Gemeint ist mit »Diftele« meist einer, der in schwierigen Situationen aus nichts etwas macht, und dies mit großer Sorgfalt und Erfindergeist. Die echten »Diftele« gibt's vor allem in Süddeutschland.
Entschuldigung.

In unserem Heimatmuseum befinden sich auf der Bühne in der »Bärenhöhle« 2 Exponate, die von Wilhelm Spiegler konstruiert wurden, - einmal ein »Feuerzeug«, mit dem man in schwieriger Nachkriegszeit, als Streichhölzer Mangelware waren, Feuer machen konnte; und dann eine »Kartoffelpresse«, die man in Süddeutschland dringend benötigt, um Kartoffelbrei herzustellen.
Ich will nichts vorwegnehmen.

Hier ist der Bericht von Frau Spiegler aus Brasilien.

Dietrich Bantel

Mein Mann Wilhelm Spiegler wurde am 30. Mai 1912 in Aalen, Spritzenhausplatz, geboren.

Seine Mutter Maria geb. Wanner hatte dort ein Kurzwarengeschäft und ihr Bruder Karl Wanner war der Besitzer des Spielzeugladens. 1916 und 1918 wurden die beiden Schwestern Maria und Rosa geboren, danach noch ein Junge, der aber im Vorschulalter an Diabetes starb.

Mein Mann verlebte dort seine Kindheit. Er ging dort zur Volks- und Realschule und trat 1926 als Werkzeugmacherlehrling bei den Riegerwerken, Aalen, ein. Er besuchte auch die Berufsschule.

Nach Beendigung der Lehrzeit ging er in die USA, wo er zunächst auf der Farm seines Onkels, nahe Philadelphia, arbeitete. Dann, in Philadelphia, arbeitete er als Werkzeugmacher in verschiedenen Firmen für Stanz- und Schnittwerkzeuge, auch Großwerkzeuge, und im Werkzeug- und Vorrichtungsbau.

In welchem Jahr weiß ich nicht mehr, schied meines Mannes Vater, der Mitinhaber der Motorradfabrik Gebr. Spiegler war, aus der Firma aus und zog nach Oberkochen ins »Untere Werk«. Sie kauften dann das Grundstück in der Sperberstraße Nr. 3 und bauten das Haus, einschl. Werkstatt, denn der Vater arbeitete nun selbständig. Er nahm wohl zuerst Lohnarbeit an, aber zu meiner Zeit in Oberkochen baute er auch Maschinen, die auf technischen Messen beachtlichen Absatz fanden.

Nach der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten in 1933 arbeitete mein Mann in der Kurbelwellenfabrik Alfingwerke in Wasseralfingen als Werkzeugmacher und Lehrenbauer, wo er auf dem Gebiet der Kurbelwellen große Erfahrungen sammeln konnte. Dort hat er größtenteils selbst die Spezialkurbelwellen für die damaligen Mercedes-Rennwagen angefertigt.

1936 war er als Dreher bei der Firma Leitz, Oberkochen, beschäftigt. Zu der Zeit legte er auch seine Prüfung als Maschinenbaumeister vor der Handwerkskammer in Ulm mit gutem Erfolg ab.

In den dreißiger Jahren (wann, weiß ich nicht genau) erkrankte seine Mutter an Lungenentzündung. Als mein Man des Nachts Medizin für sie aus der Aalener Apotheke holen wollte, fuhr er mit seinem Motorrad auf einen unbeleuchteten Lastwagen auf. Mit einem Handgelenk- und Beinbruch sowie einer schweren Verletzung an der Stirn über dem linken Auge kam er ins Krankenhaus. Seine Mutter starb an der Lungenentzündung.
Nach dem Tod der Mutter heiratete der Vater wieder und die Kinder gingen nach einiger Zeit aus dem Haus.

Mein Mann fand eine Stellung als Meister bei der Firma Land- und Seeleichtbau in Dessau-Rosslau. Dort war er in der Abteilung Flugzeugfahrwerkbau tätig, wo ihm später zusätzlich die Leitung der Abteilung Vorrichtungs- und Werkzeugbau übertragen wurde.

Dann las er eine Anzeige der Deutschen Houghton, Magdeburg, einer Firma, die Härtesalze und Härteöle herstellte und die für ihre Lohn- und Versuchshärterei in Berlin-Adlershof einen Härtemeister suchte. Er bewarb sich dort. Da ihn das Gebiet schon immer interessierte, hatte er sich entsprechendes Wissen durch Bücher angeeignet, und nach Vorstellung in Magdeburg und entsprechenden Tests wurde er eingestellt. Am 2. Januar 1938 trat er seine Stellung in Berlin an.

Ich war zu der Zeit 20 Jahre alt und Sekretärin in der Firma. Mein Chef bat mich, freundlicherweise auch vorerst für »Spiegler« zu schreiben, was ich gern tat, bis er seine eigene Schreibmamsell bekam. Aber dazu kam es dann gar nicht, weil er nur mich wollte und nach kurzer Zeit machte er mir einen Heiratsantrag.

Da er mir gefiel, auch weil er Schwabe war, überlegte ich es mir, denn der Funke war längst übergesprungen. Von da ab unternahmen wir viele Dinge gemeinsam. Er ließ sich zunächst sein »Spiegler«-Motorrad kommen, das ich als seine Sozia ausprobieren musste. Da er immer sehr schnell fuhr und ich das gar nicht gewöhnt war, hatte ich manchmal Angst, Also kaufte er nach kurzer Zeit eine BMW-Maschine mit Beiwagen, und mit ihr erkundeten wir sonntags bei schönem Wetter die Umgebung Berlins. Wir sprachen über unsere Pläne und hatten auch schon eine möblierte Wohnung in Aussicht, sprachen sogar über ein eventuelles Auswandern, aber das Glück ist ein Schlingel, ein frecher Patron. Drückt schnell auf die Klingel und läuft dann davon.

Es war im September, als ich bezahlte Überstunden machte, an einem Samstag, als sich mein lieber Willi unerlaubterweise im Labor zu schaffen machte und irgendein Zeug im winzigen Tiegel zum Schmelzen brachte. Irgend etwas lief schief. Mit einem großen Knall flog der Tiegel in die Luft und ein Teil des Inhalts bekam mein Willi ins Gesicht und vor allem in die rechte Gesichtshälfte und ins Auge. Ich rief schnell den Notarzt, der ihn in die Charité brachte. Am Sonntag fuhr ich in die Charité, um ihn zu besuchen, wurde aber nicht vorgelassen. Ich durfte ihn nicht einmal sehen.

Am Montag ging ich dann mit einem schlechten Gewissen ins Geschäft, denn ich musste meinem Chef Rede und Antwort stehen. Mein Chef sagte nur: »Frl. Krüger, Sie hätten ...«. Ja, das wusste ich selbst, aber das Labor war ja nicht abgeschlossen und er hätte sich auch nicht davon abhalten lassen, da ein bisschen zu mischen. Es wurde dann der Vorfall nach Magdeburg berichtet und ich habe das mit gemischten Gefühlen geschrieben. Aber es kam auch von dort kein Vorwurf und keine Entlassung. Den Schaden trug nun der Willi selbst.

Ich besuchte ihn dann am Montag in der Charité, wo er - mit dick verbundenem Gesicht - mit noch drei weiteren Leidensgenossen lag. Als ich der Schwester sagte, ich sei seine Braut, ließ sie mich für 10 Minuten herein, und mein Willi sagte: »Bist Du's Mädele?«

Er sagte, dass er sich freue, aber ich sollte gleich mal hinuntergehen und sehen, ob ich Weintrauben kaufen könnte. Zum Glück stand ein Obstwagen vor der Charité, so dass ich seinen Wunsch erfüllen konnte. Beim Abschied sagte er: »Kommst Du morgen wieder?« Ich sagte »Ja«, erfuhr aber, dass nur montags, mittwochs, freitags und sonntags 2 Stunden Besuchsstunde ist.

Von der Krankenschwester erfuhr ich dann auch, dass die rechte Gesichtshälfte und das untere Augenlid verletzt bzw. verätzt waren und er auch an Sehkraft verloren hätte. Das war eine schlimme Nachricht.

Nach drei Wochen kam er aus dem Krankenhaus und ich holte ihn ab. Die Firma hatte ihm inzwischen eine komfortablere Unterkunft beschafft, vor allem mit Zentralheizung, da es ja Herbst und kühl war. Nachdem er noch eine Weile ambulant behandelt wurde und auch in die Firma kam, wo er natürlich nichts arbeiten konnte, bekam er ¼ Jahr Ferien. Er fuhr nach Hause und bat mich, ihn Weihnachten besuchen zu kommen, was ich versprach und auch tat. Als ich 3 Tage vor Weihnachten in Oberkochen eintraf und große Schneeflocken vom Himmel rieselten, weinte ich vor Rührung. Ich genoss eine Woche die Gastfreundschaft der Familie Braun, denn die Brüder Christian und Wilhelm waren seine Freunde. Ich verlebte ein schönes Weihnachtsfest und wir fuhren mit dem Motorrad und Beiwagen spazieren und das Neue Jahr begrüßten wir im »Zeppelin« in Stuttgart. Allerdings fuhr ich mit einer großen Erkältung nach Berlin zurück.

Irma Spiegler

 
 
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