Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 371
 

Elektrische Reliefkarte der Ostalb

Im Rahmen des Stadtfests 2000 wurde im Heimatmuseum ein attraktives Novum eingeweiht: Eine Reliefkarte der Ostalb, bei der 40 markante Orts- und Landschaftsnamen durch Knopfdruck als rot und grün aufleuchtende Punkte abgerufen werden können - ein wunderschönes geographisches Rate- und Lernspiel.

Schöpfer dieser im gesamten Ostalbbereich einmaligen Karte ist Reiner Mailänder - wir haben im Bericht 350 in BuG vom 17. September 1999 ausführlich berichtet. Den hervorragenden Druck der Karte besorgte die Firma Scheurle-Siebdruck, Unterrombach, die perfekte »Elektrifizierung« fertigten Coni und Norman Weber, und den letzten Schliff am Gehäuse gab Horst Eichentopf (Eiche).

Bis auf den Druck der Karte und die Fertigung des Kastens haben alle Genannten ihre Arbeit für den Heimatverein Oberkochen und damit auch für die Stadt Oberkochen umsonst geleistet. Dafür sagen wir an dieser Stelle ein sehr sehr herzliches Dankeschön.

Unser Foto zeigt den Moment nach der Enthüllung der Reliefkarte durch Coni und Norman Weber (beide rechts der Karte) am Stadtfest-Sonntag.

Reiner Mailänder hat für den Heimatverein in dankenswerter Weise einen Bericht verfasst, der die spannende geologische Situation unserer gesamten Region und speziell den Kampf um die Wasserscheide beleuchtet. Kürzlich haben wir ausgerechnet, dass der Kocher bei gleichbleibend schneller Erosionstätigkeit (ca. 1 Meter in 10 Jahren) die Wasserscheide in ca. 20.000 Jahren erreicht hat, und es darin nicht mehr lange dauern wird, nur etwas mehr als 10.000 Jahre - da geht's darin vollends wesentlich schneller - bis sich der Brenztopf ins Kochertal ergießt und eventuelle Gewerbegebiete rheinwärts schwemmt...

Dietrich Bantel

Das Relief der Ostalb und seine Entwicklung

Die neue Karte im Heimatmuseum Oberkochen zeigt die Ostalb und ihr nördliches Vorland in einer dreidimensionalen Darstellung. Die Ansicht entspricht einem Blick auf die Landschaftsformen aus mehreren tausend Metern Höhe. Diese Formen sind das Ergebnis einer langen Entwicklung in einem großräumigen Zusammenhang:

Die Gesteine, die das Relief aufbauen, wurden überwiegend in einem flachen Meeresbereich abgelagert, der umgeben war von einigen größeren Landmassen und Inseln. Im Norden waren dies die Gebiete des Rheinischen Schiefergebirges und des Thüringer Waldes. Nach Süden hin bestand zumeist eine Verbindung zum offenen Ozean (»Tethys Meer«), der sich bis zum afrikanischen Kontinent erstreckte - die Alpen existierten damals noch nicht. Damals bedeutet hier die Zeit der Trias und des Juras, also zwischen etwa 250 und 150 Millionen Jahre vor heute. Während dieses ungeheuer langen Zeitraumes lagerten sich wechselnd je nach Umweltbedingungen Schichten von Sanden, Tonen und Kalken ab; die Kalke wurden teilweise auch als Riffe von Korallen und Schwämmen aufgebaut.

Landfest wurde unser Gebiet in der Kreidezeit, in der Afrika und Europa begannen, sich aufeinander zuzubewegen. Bei der Kollision der beiden Kontinente seit der oberen Kreidezeit, also seit etwa 100 Millionen Jahren, und der folgenden Entstehung der Alpen wurde die Erdkruste im süddeutschen Raum sowohl angehoben als auch etwas gekippt; das so, dass die ursprünglich horizontalen Schichten nun mit 1 - 2 nach Südosten einfallen. Ab dem früheren Tertiär (Eozän, vor etwa 50 Millionen Jahren, brach im Westen dieses Gebietes ein Graben ein, der heutige Oberrheingraben.

Diese Vorgänge bewirkten zweierlei:
Einerseits wurden die Flüsse des neuen Festlandes wegen der Kippung erst einmal nach Südosten gelenkt. Sie strömten noch lange Zeit in das Restmeer vor den aufstrebenden Alpen, das sogenannte Molassemeer im Gebiet des heutigen Alpenvorlandes. Als auch dieses Gebiet durch Sedimentation und weitere Hebung schließlich zu Festland wurde (Oberes Miozän, vor etwa 6 Millionen Jahren), bildete sich ein Ur-Donausystem heraus, das zunächst den größten Teil Süddeutschlands und der nördlichen Alpen zum Schwarzen Meer hin entwässerte. Der Main und der Neckar flossen einst zur Donau, ebenso der Alpenrhein und selbst die Aare im Schweizerischen Mittelland.

Auf der anderen Seite, bewirkte der tiefer werdende Einbruch des Oberrheingrabens, dass die auf ihn zufließenden Gewässer ein starkes Gefälle bekamen. Sie hatten damit auch starke Abtragungskraft, und so schnitten sich die Zuflüsse des Grabens, das Ur-Rheinsystem, schnell in das Relief ein. Sie weiteten ihr anfangs kleines Einzugsgebiet fortwährend auf Kosten des gefälleärmeren Flusssystems der Donau aus. Mit zunehmender Länge der Rheinzuflüsse wurde ihr Gefälle zwar geringer. Es blieb aber noch immer größer als das der Donautributäre, so dass der Vorgang auch heute noch anhält. Er kommt an der Oberfläche durch sogenannte rückschreitende Erosion zum Ausdruck, indem die Quellen sich rückwärts »fressen« läuft jedoch auch unterirdisch ab. Dabei werden Donauzuflüsse angezapft und auf den Rhein hin umgelenkt.

Zugleich findet die Erosion beider Flusssysteme ja in den Schichten statt, die während der Trias und dem Jura abgelagert und später verkippt wurden. Sie setzen der Erosion je nach ihrer Zusammensetzung einen unterschiedlichen Widerstand entgegen. Kalkstein und gut verkitteter Sandstein sind dabei härter als Ton oder Mergel (eine Mischung aus Kalk und Ton). Die Folge davon ist, dass die widerständigeren Schichten im Relief »herauspräpariert« werden. Sie formen markante Stufen in der Landschaft, während die leichter abzutragenden Schichten die flacheren Bereiche zwischen den Stufen einnehmen. Wegen des vielfachen Wechsels unterschiedlichster Gesteine wiederholt sich diese Abfolge im süddeutschen Raum immer wieder, es bildet sich eine sogenannte Schichtstufen-Landschaft. Sie erstreckt sich von der Donau aus nach Nordwesten bis zum Rand des Oberrheingrabens, mit Ausnahme des Schwarzwaldes und Teilen des Odenwaldes. Die beiden Gebiete wurden bei der Verkippung der süddeutschen Scholle so stark angehoben, dass dort die Erosion seither alle abgelagerten Schichten abgetragen und das sogenannte kristalline Grundgebirge entblößt hat. Es besteht aus magmatischen und metarnorphen, also nicht geschichteten Gesteinen.

Die markanteste Schichtstufe im süddeutschen Raum ist der für unsere Gegend so prägende Nordwest-Rand der Schwäbisch-Fränkischen Alb, der Albtrauf. Er wird gebildet durch die harten Kalke des Oberen (=Weißen) Juras und dem Eisen-Sandstein des Mittleren (=Braunen) Juras. Wegen weicherer Gesteine (Tone, Mergel) dazwischen tritt oft eine Verflachung in der Mitte des Stufenhanges auf, gut zu beobachten am Braunenberg bei Wasseralfingen. Sie kann sich stellenweise stark ausdehnen, so dass der Eisen-Sandstein als eigener Stufenbildner hervortritt wie im Rehgebirge südlich von Stuifen und Rechberg.

Unter dem Eisen-Sandstein folgt ein mächtiges Paket weicherer Schichten im Mittleren und Unteren (=Schwarzen) Jura. Es bildet die weitflächigen Verebnungen im Vorland der Alb bis hin zur Frickenhofer Höhe und den Ellwanger Bergen, ehe sich die nächsten Stufenbildner im untersten Schwarzen Jura und im Keuper (Obere Traas) anschließen. Viele der Quellen am Albrand entspringen an der Obergrenze dieses Schichtpakets auf dem wasserundurchlässigen, mächtigen Opalinus-Ton als sogenannte Schichtquellen. Ihre Erosion entfernt mit dem Ton fortwährend die »Unterlage« des stufenbildenden Sand- und Kalksteins und versteilt die Hänge am Albrand, untergräbt sie quasi; das solange, bis der Hang instabil wird und die höheren Schichten nachbrechen. Dabei kommt es dann zu Fels- und Bergstürzen wie dem bei Mössingen im Jahr 1983. Eine Vorstufe dazu sind die vielen »Hängenden Steine« am Albtrauf.

Auf diese Weise fressen sich die Rheinzuflüsse des Albvorlandes immer weiter in die Alb hinein und verkleinern sie beständig. Sie hinterschneiden ganze Flächen und lösen sie so aus dem geschlossenen Verband der Albtafel heraus, wie man es gut an der Hochfläche von Tegelberg und Messelstein nördlich von Geislingen, aber auch am Langert erkennen kann. Bei völliger Abtrennung und fortschreitender Zerschneidung der Flächen entstehen sogenannte Zeugenberge, isoliert stehende Einzelberge vor dem eigentlichen Albrand, Sie »bezeugen« die einst weiter nördlich reichende Verbreitung der Alb. Beispiele dafür sind die »Kaiserberge«, Hohenstaufen, Rechberg und Stuifen, das Kalte Feld und der Galgenberg bei Nenningen sowie der Ipf bei Bopfingen.

Die rückschreitende Erosion der Quellen folgt oft dem Verlauf der Täler auf der Albhochfläche. Dies ist bei der Geislinger Steige, die in der Verlängerung des Lonetals verläuft, ebenso der Fall wie beim Kocher, der das ältere Brenztal nutzt. Deshalb liegen der Kocherursprung und damit Oberkochen in einem Durchbruchstal der Alb. Bei der Zurückverlegung seiner Quelle hat der Kocher nach und nach immer mehr ursprüngliche Brenzzuflüsse an sich gezogen. Die letzten dieser Anzapfungen waren das Wolfertstal mit dem Gutenbach und - unterirdisch - auch schon das Tiefental. Die Brenz hat so den größten Teil ihres Einzugsgebiets verloren, das einst bis weit nördlich des heutigen Albrandes reichte, und ist heute ein vergleichsweise kümmerlicher Fluss in einem viel zu großen Tal.

Viele der Täler auf der Albhochfläche führen kein Wasser oder tun es nur in ihrem Unterlauf. Es sind sogenannte Trockentäler wie das Krätzental auf dem Härtsfeld oder das Wental auf dem Albuch. Dies liegt an einer Eigenheit des Kalksteins, der ja die Albhochfläche bildet: Er wird von der im Regenwasser enthaltenen Kohlensäure gelöst. Im Boden versickerndes Wasser erweitert deshalb im Laufe der Zeit Gesteinsklüfte und Schichtfugen zu ganzen Höhlensystemen, die das sonst oberflächlich abfließende Wasser im Untergrund ableiten und die Täler trocken fallen lassen. Man spricht hier von Verkarstung, die für die große Trockenheit der Albhochfläche verantwortlich ist. Warum existieren dort dann überhaupt Täler, die sich ja nur durch die Erosion eines Flusses bilden können? Sie dürften während der Kaltzeiten des Quartärs (etwa den letzten 2 Millionen Jahren) entstanden sein, als der tiefreichende Bodenfrost die unterirdischen Hohlräume verstopfte und das Schmelzwasser zum oberirdischen Abfließen zwang. In ihrer Anlage können sie aber auch auf ältere Zeiten zurückgehen, in denen die Verkarstung noch nicht so weit fortgeschritten war.

Eine Besonderheit in unserer Umgebung ist schließlich das Steinheimer Becken, das genau wie das Ries auf einen Meteoriteneinschlag im Tertiär vor etwa 15 Millionen Jahren (Miozän) zurückgeht. In dem Krater bildete sich ein See, der noch im späten Tertiär durch Einschwemmungen vollständig verlandete. Erst während der Kaltzeiten wurde der verfüllte Krater durch das Stubental angeschnitten und wieder ausgeräumt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das jetzige Bild der scheinbar so unverrückbar dastehenden Landschaft ist nur eine Momentaufnahrne einer stetig fortschreitenden Entwicklung. Die Lage Oberkochens in einem Durchbruchstal der Alb hatte viele Auswirkungen auf die geschichtliche Entwicklung, besonders auf die Besiedelung und den Verkehr. Dies ist an den durch das Kocher-Brenz-Tal verlaufenden Trassen von Eisenbahn und Bundesstraße bis in die moderne Zeit hinein erkennbar.

Reiner A. Mailänder
Literatur:
Geyer, O. & Gwinner, M.: Geologie von Baden Württemberg,
Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung, 4. Auflage Stuttgart 1991.

 
 
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