Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 368
 

Letzter Wolf war Wildkatze

Im März letzten Jahres erhielt ich einen Anruf von Heide Tromsdorf, demzufolge eine nahe Verwandte wisse, dass vor ungefähr 100 Jahren auf Oberkochener Gemarkung der letzte Wolf erlegt worden sei. Das klang interessant, und ich ging auf »Tauchstation«. In den betreffenden Unterlagen fand sich zum Stichwort »Wolf« allerdings nur ein Artikel von Wilhelm Schneider, der in BuG vom 7. 11 1980 veröffentlicht wurde, und der auch die Wolfjagd auf unserer Gemarkung streift. In diesem Bericht wird ein »letzter Wolf« nicht erwähnt. Auch unser Oberkochener Forstmann German Schneider wusste zwar von einem »letzten Wolf«, über dem Fallgitter im Torbogen der Harburg, aber von keinem solchen aus Oberkochen; und auch Altbürgermeister Karl Bart aus Königsbronn, der das dortige Jagdmuseum eingerichtet hat, wusste nichts von einem Oberkochener letzten Wolf. Das machte mich stutzig und ich setzte mich noch einmal mit Frau Tromsdorf in Verbindung. Diese brachte darin über ihre Quelle heraus, dass sich dieser »letzte Wolf« angeblich in ausgestopfter Form im Rosensteinmuseum Stuttgart befindet und nach Erinnerung der Bekannten eindeutig mit Oberkochen zusammenhängt.

Nun dämmerte mir ganz weit weg, dass wir vor fast 30 Jahren mit dem Gemeinderat oder anlässlich eines Kollegiumsausfluges das Rosensteinmuseum besucht und dort tatsächlich irgend ein ausgestopftes Raubtier mit dem Vermerk »Oberkochen« entdeckt hatten. Also setzte ich mich mit Herrn OstD. i.R. Volkmar Schrenk in Verbindung, der die Alt-Aalener Kocher-Zeitung auf Aalener und Oberkochener heimatkundliche Nachrichten durchforstet hat. Herr Schrenk vollbrachte innerhalb kurzer Zeit eine archivarische Glanzleistung, indem er mir einen Artikel aus der Kocherzeitung vom 24.11.1881 besorgte, dem folgendes zu entnehmen ist:

Oberkochen, 24. Nov. (Corr.) Vorgestern wurde in der Jagd des 11. Revierförsters Fröhner hier eine Wildkatze von seltener Größe und Schönheit von Waldschütz Ebert erlegt. Sie misst von der Nase bis zum Schwanzende 96 cm, der Umfang des Kopfes beträgt fast 27 cm, der des Leibs über den dichten Pelz gemessen 55 cm. Die Farbe ist dunkelgrau mit bräunlich gemischt und theilweise gestreift. Der »Kuder« sieht wahrhaftig einem kleinen Tiger ähnlich. Das Thier wird der Naturaliensammlung in Stuttgart einverleibt, welche noch kein so ansehnliches Exemplar dieser seltenen Art besitzen soll.

Im Museumsarchiv wird der Kuder (männliche Wildkatze) als »15 Pfund schweres Männchen« beschrieben.
Nun war mir klar: Der letzte Oberkochener Wolf war eine Wildkatze. Die Meldung vom letzten Oberkochener Wolf beruhte auf einer kleinen Verwechslung. Herr Schrenk hat »unsere« Wildkatze im Zusammenhang mit den beiden Berichten »Oberförster Karl Fröhner - Oberkochens erster Ehrenbürger (1893)« (BuG-Berichte 169 v. 31.7.1992 und 170 vom 14.8.1992) sogar erwähnt und wusste, dass sie derzeit wohl nicht ausgestellt sei - man könne sie möglicherweise fürs Heimatmuseum bekommen.

Auf meinen entsprechenden Brief ans Rosensteinmuseum erhielt ich darin von Frau Dr. Mörike ein Schreiben, in welchem u.a. steht:

... Entgegen Ihrer Annahme ist die Wildkatze von Oberkochen - Präparat vom 22.11.1881 - aus dem Hagental bei Oberkochen - in der ständigen Ausstellung der Säugetiersystematik ausgestellt. Außerdem könnten wir dieses Präparat als Staatseigentum nicht abgeben und zudem ist dieses Exponat sehr wertvoll als »letztes seiner Art« und konnte außerdem auch vielleicht noch als Datenbank benutzt werden. Aus diesen Gründen kann dieses Präparat nicht einmal für eine Sonderaustellung kurzfristig ausgeliehen werden.

Gemäß meiner Umfrage bei verschiedenen Museumsangestellten wie Fotografin und Präparatoren liegt kein Bild dieses Kuders vor. Sie könnten dieses Exponat daher vielleicht selbst so ablichten, wie Sie es gerne hätten. Das Bild darf dann jedoch nicht zu gewerblichen Zwecken genutzt werden.

Es war klar, dass wir nach Stuttgart mussten, um das Oberkochener Luxusstück »wiederzuentdecken«. Näheres über es herauszufinden und es zum zweiten Mal »geschossen« - diesmal fotografisch - mit nach Hause zu bringen.

Unsere Wildkatze befindet sich unweit des »echten« letzten in Württemberg erlegten Wolfs, (erlegt am 10.3.1847 bei Kleebronn, nachdem er im Lauf der Zeit über 50 Schafe gerissen hatte). Die »Katz vom Hagental« (wer weiß schon, was ein Kuder ist ?) ist wirklich ein beeindruckend großes Tier - das Foto zeigt das nicht. Sie schaut auf einem Ast lauernd, ein wenig von oben herab auf den Betrachter, - so, wie ihn ein hervorragender Präparator vor nahezu 120 Jahren hergerichtet hat.

Der Informationstext des Museums lautet: Wildkatze (Felis silvestris)

Mit verschiedenen Unterarten ist die Wildkatze über Südasien, Europa und Afrika verbreitet. Eine dieser Unterarten, die Falbkatze, (Felis silvestris libyca) aus Nordostafrika, gilt als Stammform der Hauskatze. Die hier ausgestellte Wildkatze wurde 1881 bei Oberkochen erlegt und war damit eine der letzten Württembergs. Erst in jüngster Zeit gibt es Hinweise auf eine Wiederbesiedelung unseres Landes.

Alle 36 Katzenarten (Felidae) mit Ausnahme des Gepards bewegen sich sehr leise auf samtweichen Pfoten. Nur zum Schlagen der Beute und zum Klettern werden die einziehbaren Krallen ausgestreckt.

Die 1881 im Hagental erlegte Wildkatze
Das Fotografieren war aus verschiedenen Gründen nicht einfach. Zum einen befindet sich unsere »Katz« in einer hermetisch staubfrei mit Silikon versiegelten Vitrine, man kann also nicht »an sie ran«, und zum anderen entstehen auf dem Glas störende Reflexe durch den Blitz.

Ein sehr hilfsbereiter Mitarbeiter des Rosensteinmuseums, Günter Stephan, der sich hervorragend aufs Fotografieren versteht, stellte uns auf Wunsch zur Sicherheit mit einer Spezialkamera eine Reihe von hervorragenden Fotos her, für die wir an dieser Stelle herzlichen Dank sagen.

Soviel zu unserer Oberkochener »Katz«

Der Zufall wollte es, dass wir im März d.J. eine Schrift des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. ins Haus bekamen, in welchem es um die Wildkatze in Deutschland geht und in dem vor allem der Satz »Erst in jüngster Zeit gibt es Hinweise auf eine Wiederbesiedelung unseres Landes« präzisiert wird. (Zitat auszugsweise)

Nur wenige Exemplare (der Wildkatze) haben im Schutz vor unzugänglichen Regionen einiger Mittelgebirge, etwa im Harz, der Eifel, dem Kyffhäuser oder dem Pfälzer Wald überlebt. Außerdem im mitunter fast urwaldähnlichen Hainich in Thüringen. - Das Waldgebiet des Hainich in Thüringen gehört mit seiner weitgehend unzerschnittenen Landschaft zu den letzten Überlebensinseln der Wildkatze, und anderer Wildtiere in unserer Heimat. Die Mitglieder des »Bunds« planen eine »Überlebensbrücke« u.a. für die Wildkatze. Sie soll vom Hainich über 20 km zersiedeltes Land in den Thüringer Wald führen. Tierfreunde werden um Unterstützung des Projekts gebeten.

Für 2001 plant der Heimatverein eine »Kleine Fahrt« (mit Bahn) ins Rosensteinmuseum, um unserer Oberkochener »Katz« die Reverenz zu erweisen. Natürlich gehts anschließend in die Wilhelma.

Dass eine der letzten Wildkatzen Württembergs ausgerechnet nahe der sagenumwobenen »Bilz« im Hagental, (das Tal, das zu den Essinger Nachbarn, die den Spitznamen »die Haoken« tragen) erlegt wurde, passt natürlich besonders gut in unsere lokale Geschichte, wenn auch der »Bilzhannes« im Jahre 1881 schon 41 Jahre tot war.

Interessant wäre, ob es heute noch Nachfahren des Waldschützen Ebert gibt, der den »Katz« vor 119 Jahren erlegt hat. Gegebenenfalls bitten wir um Mitteilung.

Dietrich Bantel

 
 
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