Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 365
 

Rätschen rätschen

Schaut man im Großen Duden unter »Rätsche« nach - Fehlanzeige. Erfolgreicher ist man unter »Ratsche«. Dort steht:
1. an Getriebeteilen (z. B. Autohandbremse) und Werkzeugen (z. B. Bohrgeräten) Zahnkranz mit Sperrvorrichtung, die Feststellen bzw. Führen in einer Richtung ermöglicht. (Aus Metall gefertigt)
2. Geräuschinstrument; an einer Stange befestigtes Zahnrad, gegen dessen Zähne beim Schwingen eine Holzzunge schlägt. (i. A. aus Holz gefertigt.)

Zu 1. fällt einem sofort das Einrast-Geräusch ein, das beim Anziehen der Autohandbremse entsteht,
Zu 2. fällt einem am ehesten die Ratsche ein, die Wein- und Obstbauern zum Vertreiben von Amseln und anderen diebischen Vögeln schwingen; aber auch die im Zeichen der Plastikzeit aus Kunststoff gefertigten kleinen Ratschen, die es auf Jahrmärkten gibt. Sie werden zum Ärgernis der Eltern gerne von Großeltern für die Enkel erworben.

Dass zwei große hölzerne Ratschen in der katholischen Kirche bis auf den heutigen Tag in der zweiten Hälfte der Karwoche als liturgische Instrumente dienen, ist nur den Katholiken, und bei weitem nicht allen, bekannt. Der Brauch erinnert Uneingeweihte fast an alte heidnische Bräuche.

Da auch in Oberkochen jedes Jahr die Ratschen vom Turm der Katholischen Kirche herunterratschen, haben wir Rudolf Heller, seit Jahrzehnten einer der Organisten an der katholischen Kirche, gebeten, dem Heimatverein einmal über den uralten Brauch des »Ratschens« (Rätschens) zu berichten. Herzlichen Dank für den folgenden anschaulichen Bericht.

Wir sind auch unserem Mitglied Rolf Stelzenmüller sehr dankbar für die beiden hervorragenden Rätschen Fotos, jenes vom Heimatmuseum, und dann das sehr eindrucksvolle Foto, das die riesigen Rätschen zeigt, die im Turm der Katholischen Kirche St. Peter und Paul neben den Schalllochöffnungen unter den Glocken aufgestellt sind.

Rochus Hug, Mesner der katholischen Kirche, war so freundlich, Rudolf Heller, Fotograf Rolf Stelzenmüller, Horst Riegel und Dietrich Bantel in der Kirche und in die hohen Regionen des Turms zu führen und die einzelnen Geräuschinstrumente vorzuführen und zu erklären.

Die größere der beiden Rätschen misst in der Länge fast 2 Meter. Ihr urgewaltiges trommelndes Geräusch kann man übers Tal die Hänge hinauf bis zum Waldrand vernehmen; es klingt, wie wenn man mit mehreren Hämmern in schneller Abfolge gegen einen großen leeren Schrank schlagen würde.

Dietrich Bantel

Rätschen rätschen
(Bericht von Rudolf Heller)

KKK KKKKKK KKKK KKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKK
- so ähnlich rätscht die Rätsche im Turm der Kirche St. Peter und Paul in Oberkochen von Gründonnerstag-Abend bis Karsamstag-Abend.
»Und die Glocken läuten nicht?« - »Nein«. - »Sind die etwa nach Rom geflogen?« -- So erzählte man früher den Kindern.

Das hat mit Realität natürlich nichts zu tun. Tatsache ist, dass die Glocken schweigen, ab dem »Gloria« am Gründonnerstag, bis zum »Gloria« in der Osternacht am Karsamstag. Dafür knarren die Rätschen vom Turm, und die Ministranten benützen statt ihrer Glöckchen hölzerne Klappern.

Was soll dieser Brauch, Rätschen statt Glocken?
Glocken klingen festlich, werden als zu feierlich empfunden in der Zeit der Leidenstage Jesu. Darum klingen vom Turm keine Glocken in dieser Zeit, sondern knarren die Rätschen; eine Form des Ausdrucks der Trauer über die Leiden Jesu.

Was versteht man unter einer Rätsche eigentlich?
Im Kleinen Duden steht kurz und bündig: Ratsche, Rassel, Klapper, - ein Holzinstrument mit Hämmern und Schallbrett, ersetzt von Gründonnerstag bis Karsamstag in Kath. Kirchen das Glockengeläute.

Mehr Auskunft gibt uns Meyers Enzyklopädisches Lexikon:
Ratsche, - Zahnkranz mit ein- und ausklinkbarer Sperrvorrichtung, z. B. zum Feststellen der Handbremse von Kraftwagen.
Knarre, - Geräuschinstrument, bei dem an einer Achse, die zugleich als Handgriff dient, ein beweglicher Rahmen mit Zunge und ein feststehendes Zahnrad angebracht sind; beim Schwenken schlägt die Zunge gegen die Radzähne. Verwendet zur Vogelabwehr, bei Silvester , Fastnachts- und Karwochebräuchen (z. B. bei der sog. Rumpel- oder Pumpermette), im Sinfonieorchester u. a. von Richard Strauß, M. Ravel, O. Respighi, D. Milhaud; auch Heischebräuche, - das sind Volksbräuche, die wesentlich mit dem Erbitten (dem Er- »heischen«) und Einsammeln von Gaben verbunden sind; überwiegend bei Umzügen mit Sprüchen, Liedern, Spiel- und Tanzszenen.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf regionale, ja nationale Unterschiede bei Volksbräuchen mit Ratschen oder Rätschen und Knarren einzugehen.

Das 2. Foto zeigt im Vordergrund die etwa 12 Jahre alte, von Maurermeister Wingert sen. geschaffene Rätsche, und dahinter die kleinere alte Rätsche, jeweils mit Resonanzkasten. Sie sind heute noch in den Kartagen auf dem Turm der St. Peter- und Paul-Kirche in Funktion.

In unserer Gegend kennt man den volkstümlichen und unschönen Ausdruck »Pumpermette« nicht. Gemeint ist wohl die schon im 8. Jahrhundert als »matudinae tenebrarum« bezeugte Feier der Karfreitagsmette. Seit dem 13. Jhd. wurde diese Mette ausgestaltet: Die drei Klagelieder des Propheten Jeremia wurden vorgetragen. Bei uns in Oberkochen werden diese Klagelieder mit insgesamt 14 Versen von Solisten des Kath. Kirchenchors noch heute gesungen. Nach jedem Vers löscht der Mesner am »Stufenleuchter« eine der 14 Kerzen von unten nach oben. Die 15. in der Mitte oben bleibt brennen (nach Pfr. Scheuermann).

Im 15. Jhd. wurde lautstark gerätscht und auch mit anderen hölzernen Geräuschinstrumenten Lärm erzeugt, (lautmalerisch »gepumpert« oder »gerumpelt«), als sich in der Leidensgeschichte der Himmel verdunkelte und die Erde erbebte. - Später sah man in diesem Lärm die Empörung über den Verrat des Judas (der »Juden«), wobei es u. a. seit dem 15. Jhd. zu Ausschreitungen kam. Im 17. Jhd. »strenge Handhabung des Rituals der Karfreitagsmette« (nach Meyers Enzyklopädischem Lexikon).

Ratsch, ritsch, ratsch. Ratsche sagt man mehr in Österreich, Rätsche mehr in Süddeutschland.
Rätsche gilt umgangssprachlich auch für eine schwatzhafte Person, die fortlaufend rätscht oder tratscht, also über jemanden redet. Ganz Alt-Oberkochenerisch klingt das Wort für einen, der das »Maul gar nicht hat halten können«. »Sei doch ruhig mit deiner Karfreitagsrätsche!« - Das war kein Lob, nicht positiv gemeint, aber eben doch deutlich im Guten gesagt.

Und nun stellen Sie sich vor: Das Heimatmuseum hat in der »Bärenhöhle« (zuständig Martin Gold) einen Neuzugang bekommen: eine alte Rätsche aus der Katholischen Kirche. Das 3. Foto zeigt diese Rätsche. Der 6. Hammer ist abgebrochen und wurde bewusst noch nicht ergänzt.

Und woher kam denn diese Rätsche auf einmal? Da muss ich etwas weiter ausholen.
Vor der Kirchenrenovierung 1957 wurde die Kirche ausgeräumt und auch »entrümpelt«. Statuen, die Kreuzweg-Bildtafeln und andere Dinge verfrachtete man auf die Kirchenbühne. Weniges davon wurde nach der Renovierung wieder in den Kirchenraum zurückgebracht; das meiste davon blieb auf der Bühne liegen bis zur nächsten Renovierung 1980/81. - Übrigens diesmal eine gelungene Renovierung!

Jetzt wurden wertvolle Statuen und die einst gestifteten Kreuzwegstationen wieder aus ihrer Verbannung von der Kirchenbühne zurückgeholt und im Kirchenschiff verteilt. »Unbrauchbares« oder »Wertloses« wurde teils mitgenommen oder irgendwie entsorgt. Darunter war auch eine größere Rätsche. Diese hat der damalige Ministrant Bert Hausmann vor der Sperrmüllabfuhr in Sicherheit gebracht - sozusagen gerettet - und jetzt dem Heimatmuseum übergeben.
Ein nachahmenswertes Beispiel.

Falls irgendwo noch ähnliche alten Sachen von der Kirchenbühne (...) herumliegen: Heimatmuseum oder Kirche wären daran interessiert und für solch eine Stiftung dankbar.

Kartage sind Trauertage, eine Zeit des Nachdenkens über das Geheimnis Christi Leidens und Sterbens. Darauf folgt die Feier der Osternacht mit Osterfeuer, Osterkerze und Tauffeier. Beim Gloria in der Eucharistie - Feier der Osternacht - bricht schließlich die österliche Freude durch mit Glockenläuten, Orgelspiel und jubelnden Gesängen. Diese österliche Freude wird sieben Wochen lang gefeiert und am 50. Tag (Pfingsten) abgeschlossen.

Rudolf Heller

 
 
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