Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 362
 

Das AALENER PROTOKOLL
vom 22. November 1749 (4)

Wir setzen den Bericht zum vor 1250 Jahren unterschriebenen sog. »AALENER PROTOKOLL« fort mit Auszügen aus der Rede von OStD. a. D. Volkmar Schrenk, die im folgenden einzelne Bestimmungen des Vertrags ansprechen.

Sodann werden die Gebühren für die Tätigkeit der Pfarrer bei Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen festgesetzt. Bemerkenswert dabei ist, wie die Ortspfarrer beider Couleur ihre Pfründe zu sichern suchen, denn falls eine kirchliche Handlung von einem fremden Geistlichen vollzogen wird, erhält außer diesem auch der Ortsgeistliche die Gebühr, womit diese doppelt zu bezahlen ist.

Und auch hier wieder eine soziale Ader:
- Falls Gebührenschuldner »in notorischer Armut leben«, sollen sich die Geistlichen bei den Gebühren bescheiden. (Ziff. 1.9)

Zum Hagelfeiertag
(dessen Ursprung unbekannt ist, der aber am 26. Juni begangen wird), wird gesagt, da er »von den evangelischen Untertanen zu Oberkochen mit dem katholischen Anteil daselbst aus guter Nachbarschaft mitgefeiert wird, soll dem evangelischen Pfarrer wegen der an diesem Tag zu haltenden Predigt ebenfalls gleich dem katholischen Geistlichen ein Gulden aus der Gemeindekasse ausbezahlt werden« (Ziff. 1.13).

Kirchweih war ein großes Volksfest, das mit Böllerschießen begann und nach dem Gottesdienst unter der Linde »mit Tanz und Pfeilbuden« fortgesetzt wurde. Jedoch schlugen die Oberkochener dabei über die Stränge, denn »es wurde missfällig wahrgenommen, dass dasige Untertanen oft ganze acht und mehr Tage gezecht und getanzt haben«. Deshalb wurden Kirchweihfestlustbarkeiten auf höchstens drei Tage reduziert, - und der ellwangische Schultheiß musste auf das ihm früher bei Festbeginn gespendete Maß Wein verzichten.

(Nebenbei, dieser Schultheiß war Jakob Gold, von dessen Grab die Platte an der katholischen Kirche heute noch erhalten ist, derzufolge er »ein Herz für Witwen und Waisen hatte, und zu jedermann gut war« - obwohl er auf seinen Kirchweihwein verzichten musste.)

Die Jagdbezirke von Ellwangen und Württemberg sollen ausgehend von Westerhofen über Reichenbach, Westhausen, Oberalfingen, Röthard bis zur Kocherfurt unterhalb des Birkhofs zunächst durch 14 Pfähle markiert werden, deren Position im Protokoll genau vermerkt ist. Die Pfähle sollen später »im Beisein beiderseitiger Forstbeamte auf gemeinschaftliche Kosten ersetzt werden durch Steine, die auf der linken Seite mit »WF« bezeichnet sind, auf der rechten Seite aber mit »EF«, nämlich Württembergischer Forst und Ellwangischer Forst« (Ziff. 6.1,6.2).

Krankenbesuche können sowohl katholische als auch evangelische Geistliche bei Kranken ihrer Religion machen, gleichgültig, ob sie sich im Haus katholischer oder evangelischer Untertanen befinden (Ziff. 1.3).

Dabei solle - und nun greifen wir wieder auf den Originaltext zurück - keiner der beiderlei Religionen zugewandter Geistlicher im Chorrock und mit Stolen, sondern allein in seinem ordinären Habit und auch mit keiner Prozession oder anderer bei jeder Religion herkömmlichen Zeremonie, nur in Begleitung seines Mesners, weder über die Gassen noch aus oder in die Häuser zu gehen befugt sein. Auch soll der katholische Geistliche das Allerheiligste nicht öffentlich, sondern verdeckt zu tragen schuldig sein. Nicht weniger solle ein jeder Geistlicher, welcher desgleichen heilige Handlung zu verrichten hat, solches jederzeit zuvor durch seinen Mesner dem anderen Geistlichen mitteilen lassen, dieser aber nicht befugt ist, solches Tun zu verweigern.

Zu Lagerbuch und Hirtenamt wird vereinbart, dass sämtliche den alten königsbronnischen Lagerbüchern zufolge an Ellwangen übergebenen Wiesen, Gärten, Mähder und Länder sollen bei ihre bisher wohlhergebrachten Zehentfreiheit beständig gelassen werden.

»Vermöge des Lagerbuchs von anno 1583 bleibt der Hirtenstab dem Kloster Königsbronn nach wie vor. Ein von der Gemeinde angenommener Hirt solle dem jeweiligen Inhaber des Fetzerischen Lehensgutes zu Oberkochen achtzehn Heller württembergischer Währung in einem ledernen Beutel reichen und daraufhin dem amtierenden Klosterverwalter zu Königsbronn angeloben, dass er sein anbefohlenes Hirtenamt gerne und fleißig versehen wolle.

Wegen des Mittagsläutens wurde »einander die verbindliche Zusage erteilt, dass das Mittagsläuten der Evangelischen zu Oberkochen in Zukunft eine Viertelstunde vor 12 Uhr geschehe, damit von den Evangelics daselbst nicht mehr zu jener Zeit gleichzeitig geläutet werde, wo von den Catholicis zum Mittagsgebet um 12 Uhr die Glocke gezogen wird« (Ziff. 1.12).

Die für den gemeinschaftlichen Nachtwächter zu Oberkochen vormals wegen des Zusatzes bei Ausrufung der Stunden unternommene Neuerung solle fernerhin abgestellt bleiben (Ziff. 1. 17).

Die Frage der Obrigkeit oder Gerichtsbarkeit spielte ja schon beim Kirchbauprozess eine wichtige Rolle. Nun wird genau unterschieden zwischen privaten und öffentlichen Belangen:

Im privaten Bereich steht die hohe landesfürstliche und malefizische Obrigkeit (d. h. die Blutgerichtsbarkeit) jeder Herrschaft wie von Alters her zu. D. h. »alles was in den Besitztümern der Untertanen vor sich geht, unterliegt der jeweiligen staatlichen Obrigkeit.

Im öffentlichen Bereich Oberkochens - im Protokoll sind genannt: Gassen, Wege und Stege, gemeinsame Plätze, Allmenden, Weiden, Wälder, Hölzer und allem anderen, was dem gemeinsamen Flecken zugehört, zu Wasser und zu Lande - über all dieses steht dem hochfürstlichen Stift Ellwangen die hohe und niedere Obrigkeit zu. Für Württemberg gibt es aber zwei Trostpflaster, denn einerseits ist, wenn ein Bösewicht vom württembergischen Gebiet ins ellwangische stiften geht, den Württembergern »Nacheile« auch bewaffnet gestattet, und andererseits soll die Hälfte der von Ellwangen eingezogenen Strafgebühren an Württemberg abgeliefert werden.

Pfarrer betreffend soll beim Amtsantritt eines Geistlichen diesem die im Vertrag genannten weltlichen und kirchlichen Regularien ausführlich vorgestellt und deren genaue Befolgung durch Handschlag versichert werden (Ziff. 1.11). Und wenn beiderlei Geistliche die ausgehandelten Bedingungen nicht einhalten, steht jeder Herrschaft frei, diese ohnehin auf Toleranz angelegte Vereinbarung aufzuheben und zu kassieren (Ziff. 1.7).

Und nun weiter im Originaltext:
Dann, solle »auch den beiderseitigen Untertanen durch vorgesetzte Beamte ernstlich beditten (eingeschärft) werden, dass keiner sich gelüsten lasse, gegen die beiderseitigen Pfarrer zu Oberkochen mit ehrenrührigen oder bedrohlichen Reden, noch viel weniger aber mit Tagen selbsten vorzugehen oder sich zu vergreifen, widrigenfalls ein jeder, so dessen überführt würde, anderen zum Exempel mit schwerer Strafe bedacht werden solle«.

Bei Untertanen wird in Oberkochen unterschieden zwischen »der katholischen und evangelischen Konfession zugetanen Untertanen«. Diesen wird erlaubt »neben freiem Besuch auch benachbarter Kirchen und Schulen private Exerzitien in den Wohnhäusern zu haben« (Ziff. 1.3).

Das Vieh-Haus auf der Bilz, welches ein kloster-königsbronnischer Untertan unberechtigterweise erbaute, solle in 3 bis 4 Monaten wieder abgeschafft werden.

Beim Weinhandel soll für Wein, der außerhalb der Herrschaft Menge eines württembergischen Eimers wird kein Unterschied gemacht. Für größere Mengen muss aus- oder inländischer Zoll bezahlt werden, je nachdem der Käufer dem fürstlichen Stift Ellwangen oder der Herrschaft Württemberg unterliegt (Ziff. 5.11/12).

In diesem Zusammenhang darf erwähnt werden, dass wohl die Pfarrer (mindestens evangelischerseits) sehr viel mit Wein zu tun hatten, denn etwa 10 % ihrer Einkünfte bestanden aus der sog. »Weinbesoldung«, nach der dem Pfarrer jährlich 4 Eimer Wein, das sind etwa 250 Liter als Teil seines Gehalts zustanden. Der Pferdefuß daran für einen Oberkochener Pfarrer war (auch wenn es hier einen Weingarten gibt), dass er den Wein, sollte es kein allzu räser »Semsekrebsler« sein, auf eigene Kosten mindestens aus dem Remstal herbeitransportieren musste.

Zu guter Letzt wird zum Zollwesen gesagt:
- »Alles was zum Hausgebrauch an Früchten, Vieh und anderer Naturalien erkauft und nach Oberkochen von außen hereingeführt oder gebracht wird, ohne Unterschied woher es sei, soll von allem Zoll freigelassen werden.

- Treiben (sowohl ellwangische als auch Württembergische) Oberkochener Untertanen Handel mit württembergischen Landen, gilt inländischer Zolltarif, wogegen für Handel mit dem Ausland (wozu auch Ellwangen zählt) ausländischer Zoll zu bezahlen ist (Ziff. 2/3).

Und nun die Schlusspassage zur Zollverordnung im Original, das als anschauliches Beispiel die barocke Verspieltheit, man könnte auch sagen die ganze bürokratische Verschlungenheit, des Vertragstextes zeigt:

- »Damit aber hiermitten allen Schlichen möglichst vorgebogen werden möge, so ist damit zugleich festgestellt, dass derjenige, welcher solcherlei in Oberkochen selbst Erzeugtes und Gewachsenes, Vieh und Waren, aus Oberkochen zu dem Herzogtum Württemberg hinaus zollfrei führen will, solchenfalls jedesmalen von dem jeweiligen Schultheißen loci, unter dessen Stab er gesessen, ein von demselben unentgeltlich auszufertigendes unverdächtiges Attestat ohnfehlbar beibringe, in welchem bezeugt wird, dass die verkauften Waren im Ort Oberkochen selbst hergestellt und kein anderswo erkauftes Gut seien, das er sowohlen bei der ersteren als auch letzteren württembergischen Zollstatt originaliter vorweisen solle, als er ansonsten ohne dasselbe nicht zollfrei passiert werden würde« (Ziff. 5.7).

Volkmar Schrenk

 
 
Übersicht

[Home]