Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 361
 

Das AALENER PROTOKOLL
vom 22. November 1749 (3)

Wir setzen den Bericht zum vor 1250 Jahren unterschriebenen sog. »AALENER PROTOKOLL« fort mit Auszügen aus der Rede von OStD. a. D. Volkmar Schrenk, durch die er den Vertrag und dessen Umfeld darstellte.

Lassen wir uns zunächst ganz einfach von der Sprache des Dokuments gefangen nehmen. Es beginnt so: »Zu wissen! Seit geraumer Zeit und Jahren haben sich sowohl in dem mit dem Herzoglichen Haus Württemberg gemeinschaftlichen Flecken OBERKOCHEN, als auch in anderen hier genannten Orten, vor allem an den beiderseitigen Forst und Jagdgrenzen herzoglich württembergischen Forstrechts halber mancherlei Streitigkeiten, Spannungen und Irrungen ergeben, welche von beiderseits gnädigsten Herrschaften in gutem Willen schon teils anno 1730 und 1749 geregelt worden waren. Nun sind bevollmächtigte Räte in der des Heiligen Römischen Reiches Stadt Aalen zusammengetreten, damit man zur Wiederherstellung des vorigen guten nachbarschaftlichen Vernehmens und aufrichtiger Freundschaft sich bei den in Zweifel gekommenen Materien miteinander vergleiche, und zwar nachfolgendermaßen so« mit dieser Beschreibung der aktuellen Situation und Nennung des angestrebten Zieles beginnt das »Aalener Protokoll« die Aufzeichnung der Verhandlungsgegenstände auf über 100 Seiten.

Leider ist die Quellenlage bezüglich der Verhandlungen und der ihnen zugrundeliegenden Taktik ziemlich dürftig. Da in Aalen Unterlagen aus jener Zeit nicht existieren, ist auch das Verhandlungslokal unbekannt. Nur über die Dauer der Verhandlungen besagt eine Urkunde »sie haben am 10. Oktober 1731 begonnen und wurden nach einer Unterbrechung am 22. November 1749 abgeschlossen«. Wer während dieser 18 Jahre württembergischerseits die Verhandlungen führte, ist nicht überliefert. Dagegen sind die ellwanger »Deputierten« Philipp Conrad von Liebenstein und Bernhard Emanuel Prümmer genannt und natürlich die beiden Hauptfiguren im politischen Schachspiel, die zwar persönlich nicht in Erscheinung traten, in der Präambel des Vertrages aber ausführlich genannt sind:

»Von Gottegnaden Wir CARL Herzog zu Württemberg und Teck, Graf zu Mömpelgardt, Herr zu Heidenheim, Ritter des Goldenen Vlieses und des löblichen schwäbischen Kreises Generalfeldmarschall beurkunden hiermit: Nachdem von Seiten unseres Herzogtums Württemberg mit dem Hochwürdigsten Fürsten, unserem besonders lieben Herrn und Freund, Herrn Franz Georgen, Erzbischof zur Trier, des Heiligen Römischen Reichs durch Gallien und das Königreich Arelaten Erzkanzler und Churfürst, Bischof zu Worms, Gefürsteter Probst und Herr zu Ellwangen, Administrator zu Prüm und dem fürstlichen Stift Ellwangen, sowohl wegen unserer Gemeinschaft zu Oberkochen, als auch anderer Umstände halber bisher in unterschiedlichen Stücken strittig gewesen waren, haben wir zur Stiftung vergnüglicher guter Nachbarschaft und einer dauerhaften gottgefälligen Einigkeit den Entschluss gefasst, zum Besten unserer beiderseitigen Lande und Untertanen solche Missstände durch gütliche Handlungen zu vergleichen«.

Herzog Carl ist unter seinem vollen Namen Carl Eugen bekannter, denn mit ihm verbinden sich Ereignisse wie die Flucht des herzoglichen Regimentsmedikus Friedrich Schiller 1782 ins Ausland nach Mannheim, nachdem er zuvor im Wald bei Sillenbuch Freunden Stücke aus seinem Erstlingsdrama »Die Räuber« vorgetragen hatte. Oder für Aalen wichtig, dass der zur Zeit des Protokollabschlusses als Zehnjähriger in Aalen lebende Christian Friedrich Daniel Schubart später durch Häscher des Herzogs von Ulm nach Blaubeuren gelockt, dort gefangen genommen für 10 Jahre auf Hohen Asperg schmoren musste. Oder Name und Person der Franziska von Hohenheim, die auf Betreiben des Herzogs sogar ins Kirchengebet aufgenommen werden sollte, was für überflüssig angesehen wurde, da sie dort schon vorkomme im »erlöse uns vom Bösen«.
Doch all dies geschah lange nach 1749.

Person und Bedeutung von Carl Eugen nun zu würdigen, vor allem auch seinen Wandel zum bedeutenden württembergischen Herzog darzustellen, würde den Rahmen unseres Abends sprengen. Nur soviel sei gesagt, zur Zeit der Protokollabschlusses war der mit 16 Jahren zum Regenten gewordene Carl Eugen ein Jüngling von 19 Jahren, der durch jugendlichen Gestaltungswillen und absolutistischen Staatsideen immer wieder in Konflikt mit anderen staatlichen Kräften, wie z. B. den Landständen, geriet. So ist auch verständlich, dass er sich nicht einem Randproblem, wie es das kleine Oberkochen nun einmal war, nicht persönlich widmete. Deshalb trügt auch der Eindruck nicht, dass bei den Vertragsverhandlungen Ellwangen die aktivere Seite war, wenn auch dessen oberster Herr, Franz Georg Graf von Schönborn, ebenfalls ein vielbeschäftigter Mann war, wie die Liste seiner Titel im Protokoll zeigt.

Bischof zu Worms, 1729 Bischof zu Trier, war er 1732 auch Fürstpropst in Ellwangen geworden, wo er im Dezember jenes Jahres mit großem Pomp empfangen wurde. Obwohl er sich nur sporadisch in Ellwangen aufhielt - eine Quelle spricht von insgesamt nur drei Aufenthalten - drückte er der Stadt durch verschiedene Bauten, u. a. den barocken Umbau der romanischen Stiftskirche, den Stempel seiner Persönlichkeit auf. In seinem Dienst stand Arnold Friedrich Prahl, der Baumeister der Propstei, der im April 1755 auch das Oberkochener katholische Schulhaus inspizierte und es als baufällig einstufte, worauf nach einigem Hin und Her der Vorgänger des jetzigen Edith-Stein-Hauses gebaut wurde.

Franz Georg war jedoch kein kleiner Kirchenfürst, sondern ein Staats und Kirchenmann, von dem Friedrich der Große gesagt haben soll, in Europa gibt es nur drei Regierende, mich selbst, den Papst und Churfürst Franz Georgen von Trier, den Fürstpropst zu Ellwangen! Im Juli 1749 verließ Franz Georg Ellwangen, nachdem er dort wiederum mit einem großen Fest seinen 67. Geburtstag gefeiert hatte, womit er bei Vertragsunterzeichnung im November nicht anwesend war. Dies soll uns aber nun nicht davon abhalten, uns ein wenig mit dem Inhalt des Protokolls zu beschäftigen.

Um die gesamte Fülle der Gedanken, Bestimmungen und Vereinbarungen des Aalener Protokolls nun vor Ihnen, sehr verehrte Zuhörer, ausbreiten zu können, müssten wir mehr als diesen Abend einbringen. Ich habe deshalb die wesentlichen Punkte in einem STICHWORTVERZEICHNIS zusammengefasst, aus dem ich anschließend wesentliche Punkte herausgreifen möchte.

STICHWORTVERZEICHNIS

Armenfürsorge
Bettlerunwesen
Civilverbrechen
Dorfordnung
Ehen und Kindertaufen
Forstangelegenheiten
Gebühren
Hagelfeiertag, Kirchweih
Jagdbezirke
Krankenbesuche
Lagerbuch und Hirtenamt
Mittagsläuten
Nachtwächter
Obrigkeit
- landesfürstliche Obrigkeit
- hohe und niedere Obrigkeit
Pfarrer betreffend
Untertanen
Vieh-Haus auf der Bilz
Weinhandel
Zollwesen

Zur Armenfürsorge sagt Ziffer 1.16:
»und gleich wie es sein ungeändertes Verbleiben dabei hat, dass in das von beiderseitigen Kommunen in dasiger Gemeinde vormals gemeinschaftlich erbaute und bisher solcher gestalten im Bau erhaltene sogenannte Armen und Hirtenhaus daselbsten bei sich ergebenden Fällen die württembergischen armen Bürger und Hintersaßen des Orts ebensowohlen als die ellwangisehen ohne Unterschied der Religion unweigerlich aufgenommen werden sollen«.

Verehrte Zuhörer, da diese Sprache nicht mehr ganz die unsrige ist, möchte ich den großen Teil meiner Erklärungen in modernem Deutsch geben, aber an einzelnen Stellen auch den Urtext zitieren.

Um dem Bettlerunwesen zu steuern ist auswärtigen Bettlern und Landfahrern Betteln im Ort Oberkochen verboten. Dorf- und Bettelwachen sollen den Ort gegen dergleichen liederliches Gesindel schützen, wobei »alsfalsigen Zwangsmaßnahmen am Leib« möglich sind. (Ziff. 1.7).

Bei Civilverbrechen behält sich Ellwangen vor, »Untersuchung und Bestrafung von Civilverbrechen« im Bereich der ganzen Gemeinde ohne Unterschied vorzunehmen (Ziff. 1.2), am Jahresende aber die Hälfte der Strafgelder dem Herzögl. württembergischen Klosteramt Königsbronn auszuliefern (Ziff. 1.3).

Die Dorfordnung besagt, »jede Herrschaft im Ort Oberkochen hat einen eigenen Schultheißen, auch Viererleute und den Gemeindeuntergang (13) in gleicher Zahl zu bestellen (Ziff. 4.1).

- Gemeindeangelegenheiten und »alles was für die Einwohner für gut und nützlich erachtet wird«, sollen gemeinsam geregelt werden, wobei »kein Teil oder dessen Untertanen ohne gegenseitiges Einvernehmen einseitige Beschlüsse tätigen darf (Ziff. 4.1).

Kommen wir zu den Ehen, Kindertaufen und Begräbnissen
Im Original lesen wir:

4) wird ferner aus ebenmäßig bloßer Toleranz erlaubt und zugelassen, dass neugeborene Kinder, wenn es keine Eile hat, entweder im Ort Oberkochen oder in eines jeder Religion zugetaner benachbarten Kirche getauft werden. Was ferner

5) die Einsetzung der Ehen und Begräbnis der Toten anbelangt, will man zwar aus gleichmäßiger Toleranz, jedoch unter Wahrung der territorialen, episcopalen und parochialen Interessen beider Herrschaften, ebenfalls die Bestimmungen des Westfälischen Friedens geschehen lassen, so dass jeder Geistliche zu Oberkochen seiner Religion anverwandten Ehen in seiner Kirche einsegnen und Personen desselben Glaubens dasselbst copulieren möge. Wenn aber die Eheleute diverser Religion sein sollten, könnte es mit dem Tauf und Copulationsakt wie bisher dabei gelassen werden, dass dieser in derjenigen Kirche verrichtet werden mögen, unter deren Herrschaft die Leute wohnhaft sind.

Bei Desgleichen will man auch tolerant und unter gleichmäßiger Wahrung vorgenannter herrschaftlicher Rechte geschehen lassen, dass die in katholischen oder evangelischen Häusern verstorbenen evangelischen und katholischen Bürger, Hausgenossen und Dienstboten ohne Unterschied des Geschlechts oder Alters auf dem Kirchhof begraben werden sollen, dessen Religion der Verstorbene in seinem Leben zugetan war.

Zuvor solle der Leichnam in aller Stille ohne christliche Bräuche, auch ohne Kreuz und Fahnen, auf denjenigen Kirchhof getragen und daselbst niedergelegt werden, dessen Religion der Verstorbene im Leben zugetan war. Erst alsdann soll er von des Verstorbenen religionsverwandtem Geistlichen übernommen und nach jeweiligem Religionsgebrauch beerdigt werden.

Forstangelegenheiten waren sehr wichtig, was sich auch an der dafür benötigten Zahl von 18 Seiten ablesen lässt:

- Einerseits werden Regeln für die Forstnutzung durch die Herrschaften aufgestellt. Andererseits Regeln für das Volk, dem »Einweiden, Grasen und Laubrechen« in Heiligen und Herrschaftswäldern erlaubt ist, jedoch »wird Grasen mit Sicheln, Sensen oder anderen schädlichen Werkzeugen in jungen Hauen gänzlich verboten« (Ziff. 6.5).

- Gemeindeleute dürfen nicht »nach ihrem eigen Gefallen fortfahren, zum Schaden der Öffentlichkeit noch immer sehr übel in den Wäldern zu hausen«, und auch nicht wie bisher bald aus diesem, bald aus jenem Holz nehmen, sondern nur forstmäßig gehauenes und klafterweise aufgesetztes«.

- Um »die vielen Mißbräuche und Schliche abzuwenden und zu verhindern, dass der Klafter oft viel größer als forstordnungsmäßig aufgemacht wird«. werden genaue Maße und Preise für einzelne Holzarten vorgeschrieben (Ziff. 4.4) und ein eigener Holzwart aufgestellt.

Und noch eine Anordnung ist zu nennen. Sie mutet recht modern an, denn sie zielt auf Gewerbeförderung und sagt:

Um Handwerksleute der Gemeinde bei ihrer Arbeit vor allen anderen zu fördern, hat die Gemeinde Holz gegen Bezahlung beider Herrschaften Untertanen ohne Unterschied verabfolgen zu lassen.

Volkmar Schrenk

 
 
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