Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 355
 

Die Saurier sind wieder da

Für die Sonderausstellung »Saurierfunde aus dem Aalener Raum« im Urweltmuseum Aalen hatte das Heimatmuseum Oberkochen seine Saurierfossilien zur Verfügung gestellt. Nach Abschluss dieser Veranstaltung sind die Fossilien wieder in Oberkochen und am angestammten Platz (Eckvitrine 2 im Raum 1) ausgestellt.

Es handelt sich dabei durchweg um Teile von Fischechsen aus dem Lias epsilon (Oberer Schwarzjura), die bei Wasseralfingen und Dewangen gefunden wurden. Sie sind ca. 185 Mill. Jahre alt und entstammen denselben Schichten, die die wunderschön erhaltenen Holzmadener Funde lieferten. Da diese Schichten in der Gegend von Holzmaden/Bad Boll großflächig zur Schiefergewinnung erschlossen sind und abgebaut werden, sind dort ganze Exemplare dieser Fischechsen oder Ichthyosaurier erhalten geblieben. Ein Fossil der (kleinen) Fischechse Stenopterygius aus Holzmaden hängt im Treppenhaus des Oberkochener Gymnasiums. Die Körperumrisse, die bei diesem Exemplar hervorgehoben sind, sind hier nicht überliefert, sondern nach anderen Fundstücken, bei denen sie erhalten geblieben sind, rekonstruiert.

Fischechsen waren hochentwickelte Reptilien, die ins Meer zurückgekehrt waren und sich dem neuen Lebensraum hervorragend angepasst hatten. Ihre Vorder- und Hinterbeine waren zu Flossen geworden, eine zusätzliche Rückenrinne diente der Stabilisierung. Der Antrieb übernahm im wesentlichen der Echsenschwanz, der zu einem wirkungsvollen, breiten Ruder geworden war. Die Tiere waren lebendgebärend. - Die Fischsaurier (Reptilien) ähnelten sehr den heutigen Kleinwalen oder Delphinen (also Säugetieren). Kleinere Arten hatten die Größe der heutigen Schweinswale, größere erreichten die des größten heute lebenden Delphins, des Orca oder Mörderwals. Die Ichthyosaurier lebten während des Erdmittelalters, hatten im Jura ihre Hauptverbreitung und starben bereits in der Mittelkreide (vor ca. 100 Mill. J.) aus, also lange vor dem großen Sauriersterben am Ende der Kreidezeit.

Im Ostalbkreis wird der Schwarzjuraschiefer nicht gewerbsmäßig abgebaut, deshalb werden Fossilien nur in kleineren Platten geborgen. Dass auch diese wissenschaftlich interessant sein können, zeigte sich an unseren Belegstücken. Es sind hier mehrere Teile eines großen Fischsauriers (Leptopterygius) gefunden worden, die aus dem Schädel, der Brust»flosse« und der Wirbelsäule stammen. Das Tier muss etwa 7 m lang gewesen sein!

Zwei Platten waren zur Nachpräparation in Tübingen, um für die Aalener Ausstellung die fossilen Knochen noch deutlicher aus dem Gesteinsuntergrund hervortreten zu lassen. Dort wurden sie von Stuttgarter Wissenschaftlern genauer untersucht.

Dabei gab es eine kleine Überraschung:
Wie beim Menschen wurden auch bei den Ichthyosauriern die meisten Knochen als Knorpel angelegt, der im Laufe der Entwicklung durch Knochen ersetzt wird. Dabei kommt es häufig zu einer Verwachsung/Verschmelzung verschiedener Skelettteile.

Bei unserem Exemplar sind jetzt aber zwei Knochen, die bei Ichthyosauriern normalerweise verschmelzen, noch durch eine Knorpelfuge getrennt!

Das kann drei Ursachen haben:

  1. Bei unserem Exemplar handelt sich um ein Jungtier, bei dem die Verknöcherung noch nicht abgeschlossen ist. Das ist bei einer Körperlänge von ca. 7 m recht unwahrscheinlich!
  2. Es handelt sich um eine Eigentümlichkeit des Fund-Individiums. Das ist ebenfalls unwahrscheinlich und ließe sich durch eine Untersuchung anderer Exemplare derselben Form überprüfen.
  3. Leptopterygius ist eine altertümliche Art der Fischechsen. Diese Feststellung wäre aber sehr wichtig für die Aufklärung der verwandtschaftlich/stammesgeschichtlichen Zusammenhänge innerhalb dieser Gruppe.

Sie sehen also, auch kleine Fundstücke, Teile viel größerer Exemplare, können für die Wissenschaft sehr wertvoll sein.

Auf dem Tablar über den Leptopterygius-Funden haben wir verschiedene Teilfunde ausgestellt (rechts!), die ebenfalls von einem einzigen Ichthyosaurier-Schädel stammen. Sie können sich hier in die Arbeit eines Paläontologen, eines Fossilienkundlers, versetzen: Er muss erst einmal herausfinden, zu welcher Fossilienart die Teile gehören, dann, wo genau diese Teile im Skelett einzuordnen sind, und schließlich, ob diese Teile bisherige Befunde bestätigen, ergänzen oder unwahrscheinlich machen.

Wir sind froh, Ihnen diese Funde aus unserer Gegend zeigen zu können!

Horst Riegel

 
 
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