Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 347
 

»Übersehen«
Fürbitte für Adolf Hitler

Im Januar dieses Jahres übersandte Sigrid Pahlke geb. Lübeck, Schorndorf, dem Heimatverein ein kleines Büchlein. In einem darin beigefügten Brief schrieb sie:

»Beim Durchstöbern eines alten Kartons aus meiner noch nicht allzulang vergangenen Kindheit entdeckte ich dieses alte Gebetsbüchlein Es handelt sich um ein »Erbstück« meiner Großmutter Pauline Burkhard, bis 1973 Hausmeisterin der Dreißentalschule Oberkochen. Sie selbst stammt von der Schreinerei Fischer ab, die sich in unmittelbarer Nähe des Schulhauses befunden haben soll. Aus welchem Jahr das Büchlein stammt, kann ich leider nicht sagen. (Der Text ist für mich unleserlich, doch ganz vorn steht etwas in »normaler« Schrift. Das Datum / die Jahreszahl ist leider überklebt). Ich hoffe, dass Ihnen das Büchlein von Nutzen sein kann. Jedenfalls mehr, als wenn es bei mir in der Schublade »versauert«.

Das trifft allemal zu.
In meinem Dankschreiben vorn 8. 2. 99 teilte ich Frau Pahlke mit, dass ich aufgrund der Schrift, in der das Büchlein gedruckt ist (Sütterlin), davon ausgehe, dass dasselbe erst Mitte der dreißiger Jahre gedruckt wurde, wenngleich es älter aussieht. Der Titel des Büchleins lautet:

Kindliche Gebete
Den lieben Kindern gewidmet
von Klara Wirtz
6. Auflage
Verlag von Jos. Thum Kevelaer

Kevelaer ist eine Stadt (Wallfahrtsort) in Nordrhein-Westfalen, im Niertal, nordwestlich von Geldern gelegen. Sie ist durch eine Gnadenkapelle aus dem 17. Jahrhundert und die mit ihr zusammenhängende Wallfahrt bekannt. Der Schwäbische Holzschneider HAP Grieshaber hat 1975 ein Werk »Die Wallfahrt nach Kevelaer« herausgegeben, das in 1500 Exemplaren gedruckt wurde.

Ich las ein paar der Gebete und schaute nur das Inhaltsverzeichnis des Büchleins an und gab es dann dem Verwalter unserer Schatztruhe, Martin Gold, weiter. Wenige Tage danach rief mich dieser an und fragte, ob ich das Büchlein auch gründlich gelesen habe, was ich verneinte.

Aus der Reaktion des Herrn Gold erkannte ich sofort, dass ihm meine Verneinung eine gewisse Genugtuung bereitete, denn es gibt ja bekanntlich nichts Schöneres, als wenn man einem alten Schulmeister eine Schludrigkeit nachweisen kann. Und dann sagte er: ”Des siehn i, - denn wenn Du des Büchle aufmerksam glesa hättascht, nao wär Dir auf Seite 54 abbes Interessants aufgfalla”.

Und dann las er nur auszugsweise vor:

Ich bitte Dich auch für
meine lieben Eltern. Segne
sie. Hilf ihnen hier auf Erden
u. schenke ihnen den Himmel.
Segne meine Verwandten, -
meine Lehrer und Lehrerinnen.
Segne auch den Papst,
unseren Bischof und alle Priester.
Segne den Führer und beschütze ihn.

Das Gebet ist nicht vollständig, da die Seiten 47 bis 52 fehlen. Natürlich ist der Text »Segne den Führer und beschütze ihn« im Original nicht fett gedruckt.

Diesen interessanten Passus hatte ich glatt, aber nicht vorsätzlich, übersehen. Mit über einem halben Jahr Abstand sehe ich dieses »Übersehen« in anderem Zusammenhang sehr symbolisch - wird die Tatsache, dass sich auch die Katholische Kirche anfänglich mit dem 3. Reich ganz ordentlich arrangiert hat, heute doch ganz gerne ebenfalls »übersehen«, allerdings wohl kaum versehentlich, sondern weil das nicht so ganz in das Bild der Kirche passt, wie es hier und da gerne gesehen wird. Wer gibt denn heute schon gerne zu, dass er als Kind für Hitlers Wohlergehen gebetet hat oder beten musste. Doch das ist Geschichte.

Der Hintergrund für diese Adolf-Hitler-Fürbitte, die auch in Oberkochen getätigt wurde, ist wohl in dem am 20. Juli 1933, also gerade ein Vierteljahr nach Hitlers Machtergreifung abgeschlossenen sogenannten Reichskonkordat zu sehen, das zwischen dem Heiligen Stuhl unter Papst Pius XII, Nuntius Pacelli und NS-Deutschland unter dem ursprünglich katholischen Adolf Hitler abgeschlossen worden war.

Dieses Konkordat hat Vorläufer in den zwanziger Jahren, hat völkerrechtlichen Charakter und gilt mit einer Reihe von Abwandlungen (z.B. Abschaffung der Konfessionsschule ...) noch heute: Seine Fortgeltung wurde am 26. März 1957 vom Bundesverfassungsgericht beschlossen.

Bei dem Konkordat handelt es sich um verbindliche Vereinbarungen von Rechten und Pflichten zwischen Katholischer Kirche und Staat.

Es ist gut, wenn man sich in einer kleinen Stadt wie Oberkochen, wo jeder jeden kannte, gelegentlich auch an solche weniger populären Sachverhalte zurückerinnert.

Dietrich Bantel

 
 
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