Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 344
 

Getreidesorten im Heimatmuseum

Das Alt-Landwirt-Ehepaar Engelbert und Rita Grupp (Goldabauer) war so freundlich, dem Heimatmuseum zu Demonstrationszwecken die hierzulande sieben gängigsten Getreidesorten zu beschaffen. Diese sind im Treppenhaus in einer von der Firma Wannenwetsch freundlicherweise zur Verfügung gestellten kleinen Vitrine ausgestellt.

Vor allem die jüngeren Museumsbesucher sind immer wieder überrascht über die Unterschiede der einzelnen Getreidearten - die meisten kennen sie überhaupt nicht mehr. Aber auch »die Alten« geraten bei der Bestimmung in Schwierigkeiten, die aber durch eine klare Beschriftung in der Vitrine minimiert sind.
Hier sollen nach den Beschreibungen im großen Duden und Ergänzungen von StD i.R. Horst Riegel die wichtigsten Merkmale der ausgestellten Getreidesorten aufgeführt werden.

Zunächst scheint es wichtig, drei Begriffe, die in den Beschreibungen immer wieder auftauchen, zu definieren.

Granne = steife Borste auf dem Rücken oder an der Spitze von Deckspelzen bei Gräsern, zum Teil auch Bezeichnung für ähnliche Bildungen anderer Pflanzen, z. B. an den Früchten des Storchschnabels.

Spelzen = trockenhäutige zweiteilig angeordnete Hochblätter der Ährchen und Blüten der meisten Gräser - Getreide.

Spreu = der beim Dreschen von Getreide und Hülsenfrüchten entstandene Abfall - Samenschalen, Spelzen, Grannen, Stängelteilchen - dient meist als Futtermittel. Vor der Weiterverarbeitung des Weizens muss dieser von der unerwünschten Spreu getrennt werden. »Die Spreu vom Weizen trennen« bedeutete noch heute im übertragenen Sinn »Das Gute vom Schlechten trennen«.

Im Museum ist eine sogenannte Putzmühle zu sehen, die diese Trennung vermittelst eines von Hand betriebenen Windrades vornimmt.

Roggen (Vitrine: 1. v. links)
Süßgrasart. Wichtigste Getreidepflanze Nordeuropas bis Sibirien und allgemein im Gebirge, im Gefolge des Emmers als Unkraut aus Vorderasien eingeschleppt. Widerstand Klimaverschlechterung besser als andere Getreidearten und trat allmählich an deren Stelle. Seit der Hallstattzeit (ca. 800 - 500 v. Chr.) in Norddeutschland nachweisbar. Der 65 cm bis 2 m lange vierkantige Halm trägt eine 5 - 20 cm lange Ähre aus einzelnen zweiblütigen Ährchen mit langbegrannter, auf dem Rücken kammförmig bewimperter Deckspelze. Zahlreiche Zuchtsorten. Frucht 5 - 9 mm lang. Brot, Viehfutter, Düngung, Kornbranntwein, Matten, Papier, Zellstoff.

Früher wurde das lange Roggen-Stroh vorzugsweise zur Dachdeckung verwendet. Lange Halme sind heute nicht mehr gefragt. Der Anbau von Roggen ist zugunsten von ertragsreicheren Weizensorten stark zurückgegangen. Außerdem kommt er als billiges Futtergetreide z. B. von Frankreich.

Gerste (Vitrine: 2. v. links)
Gattung der Süßgräser mit rund 25 Arten. Ähre an jedem Knoten drei einblütige, lang begrannte Ähren nebeneinander tragend. Als Getreide angebaut. 2-zeilige, 4-zeilige und 6-zeilige Körnerreihen. In zahlreichen Sorten als Sommer- oder Winterfrucht angebaut. Im Gebirge (Alpen) bis 2000 m hoch. In Europa seit der Jungsteinzeit (ca. 5000 v. Chr.) angebaut. Brot, Grütze, Graupen, Malzkaffee, Bier- und Essigbereitung, Viehfutter.

Hafer (Vitrine: 3. v. links)
Gattung der Gräser mit etwa 35 Arten in den gemäßigten Zonen. Blüten zwittrig zu zweit bis mehreren in meist locker ausgebreiteten Rispen bildenden, oft überhängenden Ährchen stehend. Deckspelzen zugespitzt, oft kurz 2-spaltig, am Rücken abgerundet und mit geknieter Granne (bei Kulturformen auch grannenlos). Frucht länglich, spindelförmig. 30 - 90 cm hoch. Eine Stammform des Hafers ist der Flughafer, der heute als höchst unerwünschtes Unkraut in anderen Getreidesorten vorkommt.

Dinkel (Vitrine 4. v. links)
(oberdeutsch) Spelz, Spelt. Schwabenkorn. Weizenart im alemannisch-schwäbischen Raum, mit schlanker, lockerer, grannenloser oder kurzbegrannter Ähre und zerbrechlicher Spindel. Früchte bleiben von den Spelzen umschlossen. Wird meist unreif geerntet und getrocknet (Grünkern).
Der Dinkelanbau ist in unserer Gegend bis in die 60er-Jahre ständig zurückgegangen. Müllermeister Hans Scheerer (Untere Mühle) ist durch die von ihm durchgeführte Renaissance im Dinkelanbau im Bühl über Oberkochen hinaus bekannt geworden.

Triticale (Angelweizen) (Vitrine: 3. v. rechts)
Mit der Bezeichnung »Triticale« unter der diese Einkreuzung des Roggens in Weizen in Oberkochen bekannt ist, wird der Bezug zu den lateinischen Namen des Weizens (Triticum) und des Roggens (Secale) hergestellt, ohne dass das so richtig bekannt ist. Das geht schon daraus hervor, dass nur der »Angelweizen« zunächst unter der verballhornten Bezeichnung »Trigitale« vorgestellt wurde. Die Mischform Triticale kommt erst ab den siebziger Jahren vor. Triticale ist als Futtergetreide ertragreicher und widerstandsfähiger als Weizen.

Flachs (Vitrine: 2. v. rechts)
Einjähriges, 30 bis 80 cm hohes Leingewächs mit lanzettförmigen Blättern und himmelblauen oder weißen, langgestielten, endständigen Blüten in schlaffen Wickeln. Als Faserpflanze nach etwa 100 Tagen reif. Faser gut bleichbar, aber schwer anfärbbar. Der Faserlein ist eine hohe Pflanze mit kleinen Samen. Als Ölpflanze (Öllein), für Speise- und Brennöl und zur Farbenbereitung (Leinöl). Öllein liefert auch den medizinisch verwendeten Leinsamen. Der Öllein ist eine niedere Pflanze mit großen Samen. Verwertung der 25 - 30 % Öl enthaltenden Samen aus 10-fächerigen Kapseln. Zwei Unterarten: Dreschlein - mit bei der Reife geschlossen bleibenden Kapseln, hauptsächlich angebaut: Springlein - Kapseln springen mit schwachem Klang auf.

Der Flachsanbau spielte in Oberkochen keine bemerkenswerte Rolle. Im 3. Reich musste Flachs angebaut werden. Ein gesonderter Bericht über den Flachsanbau in Oberkochen ist in Vorbereitung.

Weizen (Vitrine: 1. von rechts)
Gattung der Süßgräser mit 18 Arten. Ährchen zweizeilig. Zwei- bis mehrblütig. Als Getreide vorzugsweise in gemäßigten und subtropischen Gebieten angebaut. Nimmt unter den Kulturpflanzen den größten Raum ein. Die Weizenpflanze ist ein Selbstbestäuber und deshalb eine »sichere Getreidesorte«. Allerdings ist der Weizen anspruchsvoll an Boden und Klima. Die in jüngerer Zeit entwickelten Weizensorten sind anbausicherer.

Dinkel, Einkorn, Emmer, Gommer, Hartweizen, Rauhweizen, Saatweizen. Türkischer Weizen = Mais. Der Buchweizen, ein Knöterichgewächs, wurde früher gelegentlich als »Notgetreide« angebaut. Er gedeiht vorzugsweise auf sandigem Boden und wurde sukzessiv durch den Kartoffelanbau verdrängt.

Dietrich Bantel

 
 
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