Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 343
 

Totenkranz aus Glasperlen

Frau Josl Kempf, geb. Grupp, (Hausnamen »Gruppabauer« oder »Kirchenbauer«, der Vater hieß Josef, der Großvater Michael stellte dem Heimatverein zur fotografischen Reproduktion ein seltenes Kleinod zur Verfügung. Es handelt sich um einen aus Glasperlen und Glasröhrchen über ein Drahtgestell gefertigten Totenkranz, wie er vor ca. 100 Jahren gebräuchlich war - ein kostbares Familienerbstück. Speziell dieser Kranz wurde in Oberkochen noch in den 30er-Jahren dieses Jahrhunderts benützt und zwar auf dem Grab eines nur wenige Wochen alt gewordenen Geschwisterchens von Frau Kempf. Sie erinnert sich, dass der Kranz nicht über längere Zeit auf dem Kindergrab im katholischen Friedhof lag, sondern speziell um Allerheiligen, also ab 1. November eines jeden Jahres, für wenige Tage. Frau Kempf erinnert sich auch, dass dieser Kranz damals nicht der einzige war, der an Allerheiligen verwendet wurde.

Der gearbeitete Grabschmuck besteht aus einem größeren unteren Draht-Oval (19/16 cm) und einem kleineren oberen Draht-Oval (14/12 cm), die mit Drähten räumlich so verbunden sind, dass sich die obere Ebene zentrisch in ca. 2,5 cm Abstand über der unteren Ebene befindet. Die Drähte sind durch die auf sie aufgereihten Perlen und Glasröhrchen verdeckt. Die räumliche Konstruktion erinnert im weitesten Sinn an eine Komposition ans chemischen Molekül- oder Atommodellen.

In radialer Erweiterung der Ovale sind über Draht sternförmig 14 Zacken angefügt. Die Zahl 14 ist sicher mit Bedacht gewählt, da sie den 14 Kreuzwegstationen zur Kreuzandacht entspricht. Im unteren Bereich des Kranzes ist ein Drahtbogen eingearbeitet, an dem 3 Perlenketten hängen. Die Glasröhrchen sind perlmuttfarben, die Glasperlen weiß und hellblau. In die obere Ebene ist ein ovales Medaillon (14/12 cm) eingearbeitet, das bilderrahmenähnlich von einer aus winzigen blauen Perlen bestehenden Perlenschnur spiralig umwickelt und eingefasst ist.

Das Bild stellt einen der beiden Putten aus Raffaels Gemälde »Die Sixtinische Madonna« von 1513 (Dresden, Gemäldegalerie) dar. Die Putte, also eine kleine kindliche Engelsgestalt, ist, wie Ende des letzten Jahrhunderts üblich, in lithographischer Drucktechnik (Steindruck) reproduziert, überraschenderweise spiegelverkehrt.

Das Bild befindet sich in hervorragendem Zustand, d.h., es muss witterungsbeständig in das Draht-Oval eingearbeitet sein. Unter dem Puttenmedaillon ist auf die Hauptform des Grabschmucks eine sechsblättrige Blume gesetzt, die ebenfalls in winzigen blauen Perlen um ein gelbes Zentrum gearbeitet ist.

Der Gedanke, einen dauerhaften und witterungsbeständigen Grabschmuck zu haben, ist demzufolge schon sehr alt. Bei den Franzosen sind heute keramische Blumen beliebt, in Irland findet man die fantastischsten Plastikblumen.

Leider kann heute ein so schöner, seltener und deshalb wertvoller Schmuck nicht mehr auf ein Grab gelegt werden, da er in Kürze seinen geistlosen kriminellen Liebhaber gefunden haben würde.

Sollten sich in Oberkochen weitere derartige Totenkränze bis auf den heutigen Tag erhalten haben, so bitten wir herzlich darum, sie uns zur fotografischen Dokumentation kurzzeitig zur Verfügung zu stellen. (Tel.: 7377).

Dietrich Bantel

 
 
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