Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 34
 

Dorfgeschichten 1912: »Die Saubuam«

In BuG vom 25.2.1979 schrieb Frau Helma Braun, damalige Stadtbibliothekarin, über ein damals neu beschafftes Buch mit dem Titel »Die Saubuam« einleitend über den Verfasser Fritz Köhle:

»Fritz Köhle ist in Oberkochen kein Unbekannter. Wir haben ihm im Amtsblatt vom 10. Januar 1975 mit seinem »Bayrischen Schwankbuch« bereits vorgestellt. Geboren und aufgewachsen in München, verbrachte er seine Schulferien stets in Oberkochen, der Heimatgemeinde seiner Mutter und seines Großvaters Johann Hägele. (Die alten Oberkochener werden sich vielleicht noch an ihn erinnern?) daß das Fritzle ein Lausbua war, darüber besteht kein Zweifel, auch, daß er seine Streiche zum Großteil in Oberkochen verübt hat. Jetzt erinnert sich der inzwischen auch außerhalb der weißblauen Grenzpfähle bekannte und beliebte Schriftsteller, Musiker und Kulturhistoriker an seine Jugendzeit, seine Schul- und Studienjahre, die er in seiner Wahlheimat München verlebte. Sein fröhliches Opus »Saubuam« könnte man auch als die gesammelten Jugendstreiche des Fritz Köhle apostrophieren .... «

4 Jahre zuvor, in BuG vom 10.1.1975, stand unter Bücherei-Nachrichten: ». . . Brief von Fritz Köhle an Frau Helma Braun, den wir in Auszügen abdrucken, weil wir glauben, daß gerade die älteren Oberkochener gerne bereit sind, mit dem »Köhles Fritzle« einen Exkurs in die Vergangenheit zu unternehmen ... .«

Wir veröffentlichen heute diesen vom 30.8.1974 datierenden Brief von Fritz Köhle mit der freundlichen Erlaubnis von Frau Helma Braun, die alle Oberkochener, die sie noch kennen, herzlich grüßen läßt.

Herr Fritz Köhle, der in diesem Brief von sich als »kleiner Junge« schreibt, und dabei das Jahr 1912 erwähnt, lebt heute in Gräfelfing bei München. Er hatte eine Riesenfreude, vom »alten Oberkochen« zu hören und erklärte sich spontan bereit, uns hin und wieder von seinen zahlreichen Erinnerungen zu berichten. Am Telefon erinnerte er sich, daß einmal die Taschenuhr seines Vaters in den Ölweiher gefallen sei. Dieser habe sie gesucht, wie eine Stecknadel und nicht gefunden. Ein Jahr später habe er im Ölweiher was glitzern sehen, - und das war die Taschenuhr. Er hat sie rausgefischt, aufgezogen, und sie lief weiter als ob nichts passiert sei. Fritz Köhle besitzt die Uhr noch heute.

Übrigens werden die wenigsten Oberkochener bemerkt haben, daß der Ölweiher während der letzten Wochen leergepumpt und gereinigt worden ist. Soweit Berichtetes und die Erinnerung zurückreichen, weiß man nicht, daß dies je einmal geschehen ist. So fiel für den Heimatverein auch ein »Haufen« (im wahrsten Sinn) von recht ausgefallenen Fundgegenständen ab, - so zum Beispiel eine wohlerhaltene Original-Bierflasche der Hirsch-Brauerei Oberkochen mit erhaltenem Porzellanverschluß. Zum Vorschein kamen im Schlunz auch Scherben von mindestens 30 verschiedenen keramischen Gefäßen der Alt-Oberkochener Töpfer-Tradition, - zum Beispiel Einzelteile zu einem keramischen Sieb und irdenen Kochtöpfen. In nächster Zeit wird sich eine Schulklasse mit der Reinigung der Teile beschäftigen und versuchen, größere Stücke zusammenzusetzen. In diesem Zusammenhang erfuhren wir von Frau Brucklacher, geb. Stützel sehr bildhaft beschrieben, wie ihre Großmutter Leitz so hin und wieder, wenn irgend etwas Gekochtes nicht ihren Vorstellungen entsprochen hatte, den Topf samt Inhalt in großem Zorne in den Ölweiher »geschmissen« habe. Nun, - ein Teil der dieserart behandelten Gefäße ist wieder zutage getreten.

Nun aber den Brief, zu welchem wir ein Foto veröffentlichen, das den Ort des Geschehens zeigt, - ziemlich genau zur Zeit, als das »Bad im Dorfbrunnen«, an dessen Stelle später der Lindenbrunnen errichtet wurde, stattfand. Es muß sich bei der Musikkapelle, die den Festzug anführt (eines der Mädchen trägt ein Schild mit der Aufschrift »Fest-Damen«) um einen auswärtigen Verein handeln, da der Musikverein Oberkochen erst im Jahr 1927 gegründet wurde. Wer weiß, aus welchem Anlaß dieses Foto (R. Vogelg'sang-Fotograf) entstanden ist? (Tel. 7377)

Ihr netter Brief, liebe Frau Helma, bedeutete für mich eine Überraschung über die Maßen, als hätte mich ungeahnt mitten in den Hundstagen ein Frühlingslüfterl angeblasen. Ich muß mir darum noch unbedingt die Zeit abzwacken zu einer Replik, ehvor ich nächste Woche laut Vertrag mit Desch mich über d. »Münchner Künstlergeschichten« hermache zur Lust oder zum Verdruß meiner lb. Mitmenschen. Meine Entgegnung an Sie aber wird todsicher noch weit, weit mehr überrumpeln, als wahrscheinlich in den ganzen Stadtbüchereien des Kochertals jemand ahnen kann. Setzen Sie sich also lieber zuerst auf einen Stuhl, ehvor es Sie bei dieser Lektüre umhaut!

Also - ausgerechnet in Oberkochen, in einem von weichen Bergen umhüteten, anno 1912 noch winzigen Dörflein voll fleißiger, genügsamer und doch so fröhlicher Menschen, nistet dem Sommer Sigi seine Schwester als Bibliothekarin. Guck in in meinen Garten hinaus, steht da ein Mordstrumm Wacholder, den ich in den Dreißigerjahren als kleines Pflänzlein beim Aussichtsturm am »Vollmersberg« ausgrub. Damit ich an das liebe Oberkochen stets eine Erinnerung vor Augen habe.

Zum ersten Male brachte mich meine Mutter 1912 als kleines Büblein in ihre Geburtsgemeinde. Die ganze Einwohnerschaft kannte sie als »das Dorfbäsle«. Ihre Mutter war über 50 Jahre weit über Oberkochen hinaus die Hebamme, »die Kathrin«, geb. 10. Nov. 1835 als 7. Tochter des einzigen zwischen Heidenheim und Unterkochen, Johann Deininger. Er besaß einen Gehilfen, den Johann Hägele, von allen Hannes, der Ölknecht, genannt, der seine Kathrin heiratete. Getraut wurden sie im O. A. Aalen. Brachten 12 Kinder auf die Welt. Das erste und das letzte überlebten. Die Kathrin liegt seit dem 13. Sept. 1911 im Friedhof in Oberkochen. Ihr Hannes starb am 4. Dez. 1918 bei mir in München.

Als meine Mutter am 4. Juni 1881 zur Welt kam, war ihre Schwester Kathi schon längst von zu Hause weg und stand in München im Gasthaus zur Sonne als Köchin am Küchenherd. Die Kathrin war als Hebamme ständig unterwegs. Ihr Töchterl, die Luis, fühlte sich in jedem Haus des Dörferls heimisch. Sie wußte durch die Mutter, wo ein Kind weit um den Kocherursprung zur Welt kam und was sich sonst Neues zutrug. Sie ersetzte somit für Oberkochen die Tageszeitung. Die Mutter selbst kam auch in jedes Haus; denn die Oberkochener gerieten im Kindermachen nie aus der Übung. Das gab so halbverwandschaftliche Beziehungen zwischen Hebamme und Dörfler, und somit blieb meine Mutter bis zu ihrem Lebensende 1957 bei allen, die sie noch in Erinnerung hatten, das »Dorfbäsle«.

Als mein Vater dann 1914 in den Krieg zog, hielt ich mich fast alle Jahre bis 1919 (Ausnahme 1917) die ganzen Sommerferien, ja sogar 2 x darüber hinaus, in Oberkochen auf. Kam ich nach München zurück, schwäbelte ich mehr als meinen Freunden lieb war. In Oberkochen aber galt das Fritzle vom Dorfbäsle als ein Treibauf ärgster Sorte und war bald als gevifter Großstadtbub der Anstifter und Anführer der Dorfbuben. Da gäbe es ein ganzes Buch darüber zu schreiben. Nur ein Fall:

Damals gab es in Oberkochen noch keine Wasserleitung mit Ausnahme beim Seitz und beim Grupp Wilhelm, sowie dem Hieschwitt (Hirschwirt). Es gab nur drei Dorfbrunnen, wo wir Kinder in Eimern das Wasser schöpften und aus denen zugleich die Kühe tranken, wenn wir sie abends nach Hause treiben mußten. Meine Mutter wohnte mit mir immer bei der Familie Schoch, dem Haus, dem ehemaligen, meines Großvaters. Das Haus befindet sich dem Dorfende nach Unterkochen zu in der Gasse neben dem heute noch existierenden Wirtshaus (Krone). Mein Großonkel lebte auch dort als Töpfer des Dorfes, und ebenso die Familie Deininger, die Gevattern, Neffen und Basen meiner Großmutter.

Erzählte nun meine Mutter den Weibsen um sie herum, was sich draußen in der Welt zutrug, hörte alles manchmal stundenlang zu. Kam ich mit irgend einem Wunsch bei dem Geratsche, gab sie meistens ihr Ja, ohne genau hinzuhören. Damals badete noch niemand im Kocher (ja, ich kann mich nicht erinnern, ob in dieser Zeit in Oberkochen irgend jemand wo anders badete). Ich aber spürte an so einem heißen Tag das Verlangen, zu baden; erklärte darum den andern Buben, daß ich meine Mutter fragen würde, wo wir baden könnten. Um Gotteswillen, sagten die Weibsen, als ich die Mutter bat, »dös Büable darf auf gar koim Fall em Kocher bade. Da könnt es leicht ersaufe«.

»Aber oba, bei der Mühl, da ischt dr Kocher doch gar it tief«, wandte ich ein. »Noi, noi, noi, dr Kocher ischt überall gfährlich.«

»Aba da oba wära doch sogar d'Säu en Kocha neitrieba!« »Eba! Eba! Wo se d'Säu bada, könna doch it d'Leut bada. Sell gaht doch it.«

»Dann eba a Stückle weida oba. Da, wo die Gold Anna ihren Mah, den Gold Eugen, mit'm Schubkarra neugeschmissa hätt, nachdem sie ihn bsoffa im Ochsa aufglada hätt. Da ka ma gwiß it dersaufa.«
»Noi, noi, sell gaht au it, Fritzle.«
»Bloß oi gotzigsmal, Muada!«
»Noi«, sagte die Mutter, »em Kocha tuat ma it bada.
»Dann im Ölweiher.«

Da ging ein Geschnatter an. Die Schochin rief: »Um Himmelswilla, im Ölweiher! Da kascht it amol in d'Näh alloi higeha. Da fischt doch der Wasserreiter drinn, und der ziagt de kleuina Büabla nunta bis auf'm Boda.«
»Aber i möcht halt gera hada.«
»Nix ischt's bei oos mit'm Bada«, erklärte eine Dritte. »De eunzig Ausnahm wär im Dorfbrunna; aba da saufa d'Küah.«
»Muada«, frug ich nach einigen Minuten als der Ratsch wieder Blasen trieb, »ka i a bitzele an Brunna hi.«
»Freili darfst zum Brunna. Kast glei eun Kübel Wassa hola.«

Schon war ich draußen. Zum Brunnen gings mit der Freunde Schar. Mädel war keins dabei. Die spielten in Oberkochen gesondert.

Ich zog Hemd und Hoserl aus. Hängte sie über den Brunnenspeier. Sprang splitternackt hinein in den hölzernen Trog. Laut forderte ich die Bande auf, ein gleiches zu tun. Aber keiner traute sich. Schließlich war das doch eine große Unkeuschheit, sich nackt zu zeigen.

Mädel kamen nun auch herbei. Schon fror es mich in dem kalten Wasser. Jetzt traute ich mich nicht mehr heraus wegen meiner Nacktheit. Die Mädels würden sich zu sehr entsetzen. Und nun kam auch die Deiningerin, auf den Brunnen zu, vor der hatte man Angst. Und schon hörte ich auch Kuhglocken. Ehvor ich weiter zum Überlegen kam, waren rings um mich lauter Kuhhörner und Kuhmäuler.«

»Den Fritzle fressa d'Küah! Den Fritzle fressa d'Küah!« schrien die Kinder. Aber sie fraßen mich natürlich nicht; jedoch ich kam vor lauter Kühen aus dem verfluchten Brunnen nicht mehr heraus. Bis der Bäck mit einem Stock aus dem Laden sprang und für meine Befreiung sorgte.

Gab das dann ein Nachspiel! Für die Buben aber war ich wieder einmal ein Held.
Ja, diese Kinderzeit in Oberkochen. Sie schenkten uns nichts, die großen Leute!

Sobald ein Kind mit dem ganzen Rudel mitlaufen konnte, ging es im Sommer hinauf auf den Rotstein zum Himbeerbrocken. Die irdenen Krüge mußten nicht nur bis zum Rand voll sein. Man baute noch mit dem Schneuztuch einen »Gupf« hinauf, dann erst konnte an den Heimweg gedacht werden. Hatten die Hausfrauen ihre Himbeermarmelade und den Himbeersaft auf Vorrat gekocht, wurde die tägliche Beerenernte zur Presse getragen. Dann gab es für den Saft einige Pfennige, die zu Hause abgeliefert werden mußten. Brombeeren wuchsen mehr auf der Volkmarsbergseite. Dazu kam dann die Wacholderbeerenzeit. Aus ihnen kochten die Hausfrauen das wunderbar schmeckende »Gselz«. Doch gab es keine Beeren mehr, ging es wieder tagtäglich hinauf auf den Rotstein um »Wella« zu holen. Langmächtige Bündel aus Buchenästen wurden zusammengeschnürt, auf den Kopf geladen und zu Tale getragen, daß man fast zusammenbrach.

Und trotz all der Aufgaben waren wir immer fröhlich und sangen Lieder ohne Zahl, von denen ich die meisten bis zum heutigen Tag nicht vergessen habe.

1924 kam ich dann als Studiosus in den Ferien nach Oberkochen mit einem Studienfreund und Bergkameraden. Da stiegen wir zu zweit ins große Wollenloch hinunter. Es kam ein fürchterliches Gewitter, daß wir nicht mehr den Rückweg antreten konnten. Und das Dorf betete über die zwei Vermessenen, die den Teufel im Wollenloch herausgefordert hatten.

Und immer wieder und immer wieder zog es mich nach Oberkochen. Manchmal nur für einen Tag. Meine Hochzeitsreise, meine »Flittertage«? Natürlich war ich dort, um meiner jungen Frau den lieblichen Kocherursprung zu zeigen, an dem ich so manches Gedicht reimte. Damals ließ ich das Kreuz am Grab meiner Großmutter erneuern und stieg hinauf auf den Rotstein zum Kreuz, das mein Vater als Schreiner vor dem Ersten Weltkrieg einst zimmerte. (Wurde inzwischen durch ein neues ersetzt).

Es gäbe hier soviel zu erzählen, liebe Frau Helma. Längst wollte ich darüber ein frohes Buch schreiben; aber immer wieder kam so viel dazwischen. Nun aber Schluß! Ich habe Ihre Zeit schon über Gebühr in Anspruch genommen. Ich endige mit einem Gedicht, das ich mit 15 Jahren am Kocherursprung schrieb:

Bächlein, Bächlein schwatzest
im gemessnem Schritt.
Flüsterst süße Weisen
Und ich singe mit.

Und ein Vogel singt mir
liebe Grüße zu.
Und das Bächlein murmelt
in beseelter Ruh.

Blümlein blühn am Rande.
Nicken in die Well,
Sonnenstrahlen glitzern
auf dem Wasser hell.

Trägt die holden Grüße
von dem grünen Strand.
Mit den Glitzerwellen,
fort ins weite Land.

Im gemessnem Schritt
flüsterst süße Weisen
Und ich singe mit.

Damit höre auch ich auf, zu schwatzen, und verbleibe
mit herzlichen Grüßen
Ihr Fritz Köhle

 
 
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