Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 339
 

Der Leitz-Stollen (1) -
Unterirdische Fertigungsanlage und Luftschutzstollen 1944/45

Die eigentlichen Wahrheiten einer Zeit liegen in ihren Träumen und in ihren nicht realisierten Plänen. Sofern die Ideen schon planerisch aufs Papier gefunden haben, ist ablesbar, was der Zeitgeist als Äußerstes gerne verwirklicht hätte - wenn, oder wenn nicht ...

Das ist so mit dem viele Quadratkilometer überplanenden 1. Entwurf zu Schloß Schönbrunn/Wien von Fischer von Erlach aus dem Jahr 1688 gewesen, der in seiner bombastischen Ausführung dem Sparstift der Vernunft zum Opfer fiel; das ist so mit den meisten Bauten der französischen Revolutionsarchitektur vor 200 Jahren gewesen, die so kühn sind, daß sie noch heute ihresgleichen suchen (z. B. eine ca. 150 m im Durchmesser messende Kugel zu mauern ... ) und das ist so mit vielen Planungen des III. Reiches vor »über 1000 Jahren« gewesen.

Es klingt sonderbar - aber ausgerechnet Oberkochen kann mit einem solchen für das damalige Dorf gewaltigen Planwerk aufwarten, das ansatzweise sogar verwirklicht wurde.

Diesem Werk bin ich seit 1980 auf der Spur. Damals war in Oberkochen das Höhlenfieber ausgebrochen und mir wurden als dessen Initiator eine Menge kurioser Botschaften zugetragen - vom unterirdischen Gang, der angeblich vom Griebigen Stein bis in den Klosterhof nach Königsbronn führt bis hin zu verworrenen Angaben zu einer angeblich gegen Kriegsende gebauten unterirdischen Fabrikanlage, in welcher vom Rüstungsbetrieb Fritz Leitz Flugzeugteile gefertigt worden sein sollen. (Bericht 311 v. 6. 2. 98). Beim Bau des Erschließungsstollens in die Brunnenhalde hinein sollen riesige Naturhöhlen angeschnitten worden sein.

Mein 1980 erfolgter Besuch bei der Firma Carl Zeiss, die sich in diesem Bereich nach dem 2. Weltkrieg angesiedelt hatte, ergab folgendes: Ein Herr Wiedemann, in der CZ-Bauabteilung damals für den Stollen zuständig, brachte mich mit einem Herrn Martin aus Königsbronn einst Mitglied im Wollenlochclub, zusammen, der mir eine von ihm gefertigte Skizze zum Stollengrundriß mit Datum vom 3. 1. 1977 vorlegte.

Auf ihr sind die angeblich großen Höhlenräume eingezeichnet. Durch später angebrachte schriftliche Notizen aus anderer Hand (Wiedemann) wurden diese Hohlräume jedoch durch Korrektur mit Datum vom 25.10.1978 als »Märchen« bezeichnet. Dieser mysteriöse Widerspruch ist bis heute ungelöst, genauso wie die Frage, ob seitens der Firma Carl Zeiss irgendwelches Interesse bestand, möglicherweise tatsächlich vorhandene Hohlräume hinwegzuwissen. Herr Martin sagte jedenfalls am 9.4.1980 mir gegenüber aus, daß das »Märchen« (genaugenommen wohl »sein Märchen«??) von den Höhlen im Brunnenberg noch immer in der Bevölkerung herumgeistert. Seltsam. Das Märchen dürfte auch im Zusammenhang mit der der Phantasie entsprungenen Höhle in unserem Bericht 311 stehen.

Herr Wiedemann berichtete mir am 9.4.1980, daß er an jenem 25.10.1978 zusammen mit Herrn Martin eine »offizielle« Begehung des tatsächlich vorhandenen Stollens vorgenommen habe. Die Ergebnisse sind in den gemeinsam von Herrn Wiedemann und Herrn Martin gefertigten, jedoch von Herrn Martin nicht unterzeichneten Lageplan vom 25.10.1978 eingezeichnet, der mir ebenfalls in Kopie vorliegt. Die Bemerkungen an den entsprechenden Stellen in diesem »amtlich« überarbeiteten Märchen Stollengrundriß, der dem heutigen versiegelten »Ist-Befund« wohl ziemlich nahe kommt, lauten:

Stollenbegehung am 25.10.78. Wde (Wiedemann) und Martin
Stollensohle ca. 1.00 m unter OKF Bau XXVIIIa
1) Einsturzgeröll vom April 1971,
2) zubetonierter Stollen,
3) ausbetonierter Raum mit LS (Luftschutz) Tür ca. 2.00/5.00 m
4) Stollen noch in Betonschalung
5) mit Stollenverbau eingestürzter Verbau (?)
6) Massiver Fels ohne Einsturzgefahr
7) krankes Felsgestein - Einsturzgefahr
8) zugemauert
9) Gangende eingestürzt

Herr Wiedemann war damals bereit, mich in den Stollen, dessen einer Eingang sich mit einer Stahltür verschlossen im EG des heutigen Baus XIV Feinteilerei befand, hineinzulassen - es zeigte sich jedoch, daß vor der Tür ein physikalischer Langzeitversuch aufgebaut war, den abzubauen enorme Schwierigkeiten bedeutet hätte.

Zu einem späteren Zeitpunkt war mein ehemaliger Schüler Dipl. Geologe Dr. Hans Joachim Bayer in dem Stollen und bestätigte die korrigierten Angaben der Herren Wiedemann und Martin im wesentlichen. Herr Bayer berichtete seinerzeit allerdings auch von einem zubetonierten Stollengang. Ein solcher ist im ursprünglichen Plan von Herrn Martin (3.1.1977) eingezeichnet, dort von Herrn Wiedemann ausgestrichen und im Plan vom 25.10.1978 nicht mehr vorhanden. Für Spekulationen scheint mir hier aber nicht der richtige Ort zu sein.

 

Sechs Jahre später, 1986, stieß ich im Zusammenhang mit meinen Nachforschungen zum »Oberkochen des III. Reichs« fürs Heimatbuch erneut auf den ominösen Stollen. Herr Wiedemann war kurz zuvor verstorben und ich wurde seitens der Fa. CZ an Herrn Growe und Frau Blache (Referat Kießling, Bauwesen) verwiesen, die mir bereitwillig die gesamten Unterlagen zum Leitz-Stollen zur Einsicht vorlegten. Frau Blache lichtete mir auf meinen Wunsch die mir aus der damaligen Sicht interessantesten Unterlagen ab. Dies waren:

1) der faszinierende große ursprüngliche Plan für eine unterirdische Fertigungsanlage der Firma Fritz Leitz vom Mai 1944. Der linke Teil der Fertigungsstollen war übrigens laut Plan nicht für Fritz Leitz/Rüstungsbetrieb, sondern für die Firma Gebr. Leitz vorgesehen.
Wir werden den Plan in Bericht 340 am 16. April veröffentlichen.

2) einen Gesamtplan der reduzierten Anlage vom September 1944. Auch diesen Plan werden wir am 16. April veröffentlichen.

3) einen 55/67 cm großen detaillierten Plan zur reduzierten Anlage - ohne Datum, jedoch frühestens vom September 1944. Diesen Plan habe ich in vereinfachter Form im Heimatbuch auf Seite 195 veröffentlicht. Herr Architekt Kenntner war seinerzeit so freundlich gewesen, den Plan in einen 1986 gültigen Lageplan einzuzeichnen.
Auf diesen Plan möchte ich in zwei gesonderten Beiträgen (340 und 341) eingehen, da er tiefen Einblick in die Planungen des Rüstungsbetriebs Fritz Leitz gibt. (Veröffentlichung des Plans in Bericht 341 vom 30. April).

4) Die Kopie eines Schreibens der Fa. Fritz Leitz vom 21.6.44 (gez. Seyfried) an den Herrn Bevollmächtigten des Reichsministeriums Speer im Bezirk der Rüstungsinspektion V, in 14 Stuttgart N, Jägerstraße 15.
In diesem Schreiben wird um Genehmigung lediglich zum Bau eines Luftschutz Stollenbaus und um Bezugsscheine für wenigstens einen Teil des erforderlichen Materials ersucht. (ca. 15 Tonnen Zement, 5000 Backsteine, 50 cbm Rundholz).

5) Die Kopie eines Schreibens der Fa. Fritz Leitz vom 28.6.44. (gez. Seyfried) an die Werkluftschutz-Bereichsstelle Württ.-Hohenz. der Reichsgruppe Industrie in Stuttgart N, Jägerstraße 64, aus welchem hervorgeht, daß der Firma Fritz Leitz mit Schr. v. 24. 6. mitgeteilt worden war, daß es z. Zt. nicht möglich ist, die erforderlichen Baustoffe zur Verfügung zu stellen. Die Firma will wissen, wie sie sich bezüglich des gesetzlich vorgeschriebenen Stollenbaus verhalten solle. Anmerkung DB: Inwieweit die Firma Fritz Leitz den Bau der unterirdischen Fabrikanlage durch den parallel dazu laufenden Bau des Luftschutzstollens kaschierte, war bis heute nicht zu klären. Ein wichtiger Zeitzeuge sagte lediglich aus, daß »diese ganze Bauerei auch für die Betriebsangehörigen völlig geheim gewesen sei, und daß er hierzu nichts aussagen könne«.

6) Die Kopie eines weiteren Schreibens der Firma Fritz Leitz mit Datum vom 11.12.44 an den Bürgermeister der Gemeinde Oberkochen, in welchem die Gemeinde gebeten wird, sich dafür zu verwenden, daß wenigstens so viel Zement bezogen werden kann, daß »die weniger überdeckten Anfangsstollen unterbaut werden können«.

Aus diesen Unterlagen und Schreiben ist dreierlei ersichtlich: Erstens, daß die Firma Fritz Leitz den Gedanken an die Erstellung der riesigen unterirdischen Fertigungsanlage spätestens gegen Ende des Jahres 1944 aufgeben mußte, und daß sie zweitens nur noch bemüht war, jedoch auch dies mit negativem Erfolg, den vorderen Bereich der geplanten bombensicheren Fabrik als Luftschutzstollen für Firmenangehörige auszubauen, wozu sie wie gesagt laut Gesetz verpflichtet war. Die Kosten sind mit Datum vom 25.10.1944 auf RM 19.500.- hochgerechnet, die für die zu dieser Zeit sicher schon utopisch gewordene reduzierte Fertigungsanlage auf RM 71.000,- .

Es kann drittens davon ausgegangen werden, daß in den ersten 4 Monaten des Jahres 1945 an dem Stollen nur noch Rohbauarbeiten getätigt wurden, sich jedoch den Ausbau betreffend nicht mehr viel, wahrscheinlich gar nichts mehr, getan hat, da schlicht und einfach kein Baumaterial mehr zu bekommen war, d.h., die »Träume« von der großen unterirdischen Fabrik in Oberkochen sind im Kriegsende verpufft. Was letztlich geblieben ist, das sind meine Kopien der Originalpläne und ein paar Rohbau-Stollen, ein Stück ausgebauter Stollen im Bereich des Luftschutzkellers und der Luftschutzkeller selbst. Es ist davon auszugehen, daß die Arbeiten von den russischen Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen getätigt wurden, die in Bericht 315 vom 3.4.1998 als in Lager 3 untergebracht bezeichnet wurden.

Leider ist der ganze Originalordner mit den Unterlagen zu der unterirdischen Fabrik der Firma Leitz bei der Firma Carl Zeiss mittlerweile nicht mehr auffindbar. Vermutlich sind die lokalgeschichtlich so wertvollen Unterlagen mit Ende der Ära Kießling sogar »entsorgt« worden - d. h., daß ich diesen und den nächsten Bericht möglicherweise nur der Tatsache verdanke, daß ich mir seinerzeit einige Unterlagen kopieren ließ.

Dem intensiven Bemühen von Herrn Prof. Ramming verdanken wir es, daß im Archiv von Carl Zeiss kürzlich eine Reihe von undatierten Fotos aufgespürt wurde, die den Stollen zeigen, ehe die Eingänge zugemauert wurden. (Aufnahmedatum ca. 1994/95). In den nächsten beiden Berichten werden wir einen Teil der Fotos veröffentlichen.

Dietrich Bantel

 
 
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