Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 332
 

Holländische Zwangsarbeiter

Weihnachten ist das Fest der Versöhnung. Ein besonders schönes Zeichen der Versöhnung ist folgende Begebenheit:

Mit Datum vom 28.06.98 erhielt der Heimatverein durch Vermittlung von Eugen Trittler/Unterschneidheim, dem ältesten Sohn von Frau Schlosser/Dreißentalstraße, einen Brief aus Hegelo/Holland, den wir heute, nachdem wir noch weitere Informationen haben, im Wortlaut veröffentlichen:

Betr.: Auskünfte Holländische Zwangsarbeiter in Oberkochen im 2. Weltkrieg
Sehr geehrter Herr/Frau, zuerst möchte ich mich an Ihnen vorstellen. Mein Name ist Henk Diele, Sohn von Bernard Diele, der von 1. Februar 1943 bis Mai 1945 als Zwangsarbeiter bei der Firma Leitz (Fritz Leitz - Rüstungsbetrieb) tätig war.

Ich, Henk Diele, war kürzlich zufälligerweise am Ende von den Ferien mit meiner Frau in Oberkochen. Ich war mit meinen Eltern in 1955 und in 1956 einigen Tagen bei Bekannten von meinen Eltern, die Fam. Schlosser. Bei der Fam. Günther Roll, wo Frau Gertrud Schlosser heutzutage wohnt, habe ich in Ihres Blatt »Bürger und Gemeinde« gelesen von Aktivitäten des Heimatvereins. Frau Roll, Eleonore Schlosser von Geburt, gab mir einigen Hefte mit nach zuhause um mein Vater die zu zeigen. Jetzt hat mein Vater mich die Geschichte von ihm und meine Mutter auseinandergesetzt und ich habe es für Ihnen auf Schrift gestellt.

So lautet der Bericht von Bernard Diele, den sein Sohn Henk Diele für den HVO niederschrieb:
Mein Vater, Bernard Diele, geb. am 10. Aug. 1919, ist im Frühjahr 1943 aufgetragen worden, in Deutschland Zwangsarbeit zu verrichten bei der Firma Leitz.
Er war mit etwa 30 Holländer in eine Baracke. Es waren auch Belgier und Franzosen dabei. Es war eine Baracke nebenan bei die Russen.

Der Verbindungsmann zur Stelle war eine Feuerbacher. Ein ganz geschickte Kerl. Sie (die Baracken) waren nicht umzäunt. Gegessen wurde in die Kantine von Fa. Leitz. Russen waren nicht bei.
Samstags gab es immer Eintopf.

Arbeiter, die bei die Fa. Bäuerle tätig waren, kamen am Samstag mitessen. Sonst hatten die es schlimmer als wir.
In September 1943 hat Vater seine Frau, sie waren am 23. August 1943 verheiratet, nach Oberkochen geholt. Durch Vermittlung des Pfarrers bekamen sie Wohnraum bei die Fam. Seitz.
Auf das Postamt arbeitete eine Dame, die die holländische Sprache beherrschte, was für die Jungs sehr bequem war.

Meine Mutter hatte auch arbeiten müssen bei Leitz. In Februar 1945, am 25., ist meine Schwester, Truus genannt (in Oberkochen) geboren. Es war eine Hebamme dabei. Zuvor war meine Mutter in ein Laden (kl. Lebensmittelladen von Hägeles) angesprochen von Frau Gertrud Schlosser, die ihr die Möglichkeit bot, die Geburt des Kindes in ihre Wohnung passieren zu lassen.

Das war bequemer weil die einen Keller hatten. Bei Alarm für Bomben brauchte meine Mutter das Haus nicht zu verlassen mit Kind. - Also geschah es auch.

Nach Beendung des Kriegs sind meine Eltern mit Kind ziemlich schnell nach die Niederlande zurückgekehrt.
Alles in allem hatten meine Eltern es so schlecht noch nicht gehabt in Oberkochen. Mein Vater wünscht es, noch einmal zu Oberkochen und die Bekannten zu reisen, insbesondere zu die Familie Schlosser und Verwandten.

Wenn es klappt werden wir das noch dieses Jahr machen. Auch meine in Oberkochen geborene Schwester reist dann gerne mit.
Ich hoffe, die Auskünfte meiner Eltern helfen Ihnen bei der Vollendung Ihrer Arbeit und grüße Ihnen recht herzlich.
Henk Diele

September 1998
Bernard Diele und Familie in Oberkochen

Bernard Diele und seine Familie kamen tatsächlich nach Oberkochen. Am Sonntag, 27. September 1998, fanden sich bei HVO-Vorstandsmitglied Sepp Rosenberger auf der Heide neben Bernard Diele (79) fast die ganze Familie Diele ein, ferner Gertrud Schlosser, deren Sohn Hubert Schlosser und ihr Schwiegersohn Günther Roll sowie Dietrich Bantel vom Heimatverein.

Bernard Diele berichtete noch einmal persönlich von seinen Erinnerungen als Zwangsarbeiter in Oberkochen zwischen 1943 und 1945.
Die Niederlande waren 1940 von Hitler widerrechtlich besetzt worden.

Über die bereits von seinem Sohn geschilderten Informationen hinaus berichtete Herr Diele, der im nächsten Jahr 80 Jahre alt wird, sehr lebendig und mit Humor gewürzt, daß er seinerzeit in Holland, wo er in einer Fabrik arbeitete, bei der Abkommandierung nach Deutschland vor die Alternative gestellt worden war, entweder nach Köln zu gehen oder nach Oberkochen. Den Ausschlag für seine Entscheidung für Oberkochen hatte die Furcht vor Luftangriffen auf die Großstadt Köln gegeben - und tatsächlich, so Herr Diele - war er dann in Oberkochen bald besser aufgehoben als in seiner holländischen Heimatstadt. Nach Oberkochen folgten ihm 6 - 7 weitere Holländer. Herr Diele arbeitete in der Dreherei von Fritz Leitz.

Die Fritz Leitz'schen Baracken, die von Holländern, Belgiern, Franzosen und Kroaten ab 1943 bis zum Kriegsende bewohnt wurden, waren auch nach Aussage von Herrn Diele die »unten bei Brunnhuber«. Polen seien bei Leitz »weniger« gewesen. Damit ist erneut belegt, daß die Russen Baracken im Gelände »oben« ab heutiger Carl-Zeiss-Straße parallel zur Wacholdersteige standen. Kontakte zwischen den Russen u. den anderen Zwangsarbeitern haben nach den Aussagen von Herrn Diele praktisch nicht bestanden. Herr Diele betonte noch einmal, daß es die holländischen Zwangsarbeiter bei Fritz Leitz »ganz gut« gehabt haben. Sie konnten sogar erübrigte Lebensmittelkarten an Verwandte nach Hannover schicken. Herr Diele schwärmte nochmal von dem Eintopf, den es am Wochenende gab. Oft habe es Kartoffel und Fleisch gegeben, und abends Brot und Wurst. »Das hatten die in Holland nicht«, schmunzelte Herr Diele, worauf er von seinem Sohn liebevoll gerügt wurde - er solle nicht so arg übertreiben.

Nach einem halben Jahr Arbeit in Oberkochen fuhr Herr Diele im »Urlaub« nach Holland und heiratete dort. Seine Frau brachte er dann mit dem Argument »in Oberkochen hast Du's besser als in Holland« gleich mit nach Oberkochen. In der Tat spricht dies dafür, daß es in Oberkochen durchaus auszuhalten war.

Zuerst war ihm über Gemeinde und Pfarrer ein Wohnraum im Haus Seitz bei Günther und Schramm in der Heidenheimer Straße vermittelt worden. (von 1936 - 1948 wirkte in Oberkochen Pfarrer Jans.)

Als erkennbar war, daß seine Frau schwanger war, wurde diese beim Einkaufen in einem Oberkochener Geschäft in der Heidenheimer Straße (Hägele) von der Oberkochenerin Frau Schlosser angesprochen, die ihr von sich aus anbot, sie könne bei ihnen wohnen - ihr Haus (Dreißentalstraße 59) habe im Gegensatz zu dem Gebäude Seitz einen Keller, so müsse sie bei Fliegeralarm nicht aus dem Haus. So geschah es dann auch. Frau Diele mußte bis 6 Wochen vor der Entbindung arbeiten. Das Kind, die Tochter Truus, wurde, wie bereits erwähnt, am 25. 2. 1945 bei Familie Schlosser geboren. Geburtshelferin war die Oberkochener Hebamme Holz - man nannte sie »d' Hefatl«. (Herr Diele entsinnt sich, daß Dr. Römer von Aalen, der zu dieser Zeit mit der ärztlichen Versorgung von Oberkochen betraut war, an diesem Tag nach Heilbronn gerufen worden war, um dort nach einem fürchterlichen Luftangriff auszuhelfen.) Das Wohnzimmer der Familie Schlosser war extra als Wöchnerinnenstube eingerichtet und beheizt worden. Von Frau Schlosser bekam Frau Diele auch die Babyausstattung und den Kinderwagen.

Der offizielle Geburtseintrag für Truus im Oberkochener Geburtenbuch, Jahrgang 1945, lautet am 25. Februar: Gertruida Henrika Diele.

Herr Diele baute der Familie Schlosser als Dank für die liebevolle Aufnahme in den Garten des Hauses Schlosser ein Gartenhaus, das bis vor ca. 20 Jahren dort stand.

Zum Schluß berichtete Herr Diele, daß sich die holländischen Zwangsarbeiter, die meisten von ihnen nach dem Krieg vor ihrer Rückreise in die Heimat, von einem Aalener Fotografen ablichten ließen, um Erinnerungsfotos auszutauschen. Bei zwei der Bilder ist auf der Rückseite noch ein verblaßter Stempel »phot. Oskar Baur, Aalen, Olgastraße l« zu erkennen.

12 dieser Fotos hatte Herr Diele zu unserem Treffen mitgebracht, 11 seiner ehemaligen Schicksalsbrüder kennt er noch mit Namen und konnte uns sogar noch den damaligen Wohnort und die Anschrift nennen.

Fotograf Stelzenmüller hat uns die Fotos reproduziert und auf eine Größe gebracht. Wir veröffentlichen die 12 Fotos samt den Namen und den Anschriften und bitten unsere Leser, sich an uns zu wenden, wenn »ein Bekannter« darunter ist, vor allem, wenn noch ein Kontakt bis heute besteht oder ein solcher herzustellen ist.

 

Ergänzung vom 08.02.2016

LUYTEN FRED
LZARESTRAAT 25
2110 WKJNEGEM
fredluyten@skynet.be

Sehr geehrte Herren,
Mein Nahme ist Fred Luyten, Sohn von Charles Luyten (23.07.1920) und Paula Kopp (05.05/1922). Paula war die Tocher von Emil Kopp und Maria Benz. Sie hatten ein Geschäft „Kopp Kolonialwaren“ in die Heidenheimerstrasse in Oberkochen. Mein Vater ist im Frühjahr 1943 aufgetragen worden, in Deutschland Zwangsarbeit zu verrichten bei der Firma Leitz.

In die Serie „Oberkochen – Geschichte, Landschaft, Alltag“ Bericht 332 steht einen Fehler. Von die 12 Zwangsarbeiter aus Lager 1 ist mein Vater das Bild Nr. 8. Der Nahme hinter Nr. 8 sollte Charles Luyten sein, (und nicht Nivelle Noele, wie falsch angegeben) angegeben. Mein Vater, jetzt 95 Jahre alt, wohnt noch immer mit meine Mutter, Paula Kopp, 93 Jahre alt, zusammen an die Adresse
Kasteellei, 74 – B-2110 Wijnegem / Belgien.

Mit herzlichem Dank im voraus um diese Information an zu passen.

Mit freundlichem Gruß,
Fred Luyten –
Lazarestraat, 25 2110
Wijnegem, Belgien

 

Dietrich Bantel

 
 
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