Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 331
 

Bohrermacher und Kettenschmiede

650 Jahre lang lagen Unter- und Oberkochen in »Fehde«. Nachdem Oberkochen in der Person von Peter Traub seit mehreren Jahren einen Unterkochener Bürgermeister hat, wurde 1997 anläßlich des Stadtfestes auf Initiative des Heimatvereins Oberkochen durch einen »Friedensvertrag« der Schlußstrich unter die bis nach dem 2. Weltkrieg munter gepflegten Boshaftigkeiten, die man sich jahrhundertelang gegenseitig angetan hatte, gezogen.

So konnte Heimatvereinsvorsitzender Dietrich Bantel zu einer gemeinsamen Vortragsveranstaltung im Schillerhaus am Donnerstag, 19. November 1998, nahezu 70 interessierte Besucher aus Oberkochen, Unterkochen, Aalen und Ebnat begrüßen, die das Thema des Oberkochen Unterkochener Doppelvertrags im Schillerhaus zum Thema
Oberkochener Bohrermacher und Unterkochener Kettenschmiede
angelockt hatte. ”Heute Abend seien nur »Kochemer« da”, stellte Bantel fest.

Im ersten Teil des Doppelvortrags stellte Dieter Schmidt, Vorsitzender der Kulturgemeinde Unterkochen, das in Unterkochen seit der Mitte des letzten Jahrhunderts heimisch gewordene Handwerk des Kettenschmieds vor. Ab ca. 1920 wurde das Handwerk industrialisiert. Der historische Rückblick ging von einer vorchristlichen bronzezeitlichen Kette aus.

In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte Schmidt einen Bericht über die Kettenschmiede von Josef Eisenbarth, Unterkochen, der in fundierter, aber auch anschaulicher und launiger Weise dieses harte Handwerk beschreibt. Je nach Stärke der zu fertigenden Kette nennt man die Schmiede Feinschmiede oder Starkschmiede, deren Arbeitszeit von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends ging. Hitze, Qualm, Schwerstarbeit - hauptsächlich bei den Starkschmieden. Mindestens einmal am Tag mußte das Hemd gewechselt werden.

Beim Fertigen kräftiger Ketten mußte man zu zweit sein, hauptsächlich, wenn mit Gesenken gearbeitet wurde: Während der eine Schmied das Gesenk in die richtige Stellung brachte, mußte ein zweiter, meist jüngerer, mit dem schweren Vorschlaghammer arbeiten und das eingehängte, noch offene Glied zusammenschlagen.

Größtenteils rauchten die Kettenschmiede Pfeife. Zum Anzünden nahmen sie einfach eine glühende Kohle aus dem Feuer, ohne einen Schmerz zu verspüren. »Es roch lediglich ein wenig nach angebranntem Horn; so große Schwielen hatten sie an den Händen, daß sie nichts mehr spürten.«

Der letzte bei der Firma RUD ausgebildete Kettenschmied, Josef Rektorik, war mit nach Oberkochen gekommen und trug mit saftigen Erklärungen zur Information, aber auch zur Erheiterung der Zuhörerschaft bei, während Arthur Grimm, Vorsitzender der Unterkochener Fotofreunde Braunenberg, die gezeigten Dias erklärte und die Ausführungen von Dieter Schmidt ergänzte. Die Unterkochener hatten eine ganze Sonderausstellung von Kettenbeispielen mitgebracht.

Im zweiten Teil der Vortragsveranstaltung berichtete Eugen Trittler, ein alter Oberkochener und ehemaliger »Leitzler« (heute Unterschneidheim), über die Entwicklung des in Oberkochen seit der Mitte des 18. Jahrhunderts heimischen Bohrermacherhandwerks. Auch er, als gelernter Bohrermacher, begann seine Ausführungen bei der Geschichte und stellte fest, daß davon auszugehen sei, daß das Bohrermacherhandwerk älter als das der Kettenschmiede sei. In der Steinzeit habe es bereits Holzbohrer gegeben, mit dem Steinbeile und Steinhämmer zur Anbringung des Stiels durchbohrt worden sind. Auch die sogenannte Kernbohrung mit Knochen war in der Steinzeit schon bekannt.

Johann Christoph Bäuerle, 1735 - 1796, stellte, so Trittler, in seiner Oberkochener Huf- und Waffenschmiede bereits vor weit über 200 Jahren die erste handgeschmiedeten Bohrer her. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Bohrermacherhandwerk durch dessen Urenkel Christoph Jakob Bäuerle industrialisiert. Alle weiteren Firmengründungen gehen auf die Gründung von Bäuerle zurück. Leitz und Grupp haben bei Bäuerle gelernt. Anhand von Dias zeigte Eugen Trittler klar und übersichtlich die Entwicklung von handgeschmiedeten über Gesenkgeschmiedete bis hin zu maschinell gefertigten Bohrern auf.

Bei den handgeschmiedeten Bohrern wurde die Grundform vom kleinen Handbohrer über 1 Meter lange Bohrschaber (Nabenbohrer) bis hin zu den 4 Meter langen Deichelbohrern, zu denen es noch Verlängerungsstücke gab, von Hand geschmiedet. Der sogenannte »Bohrerspitzer« hatte die Aufgabe, in die grob vorgeschmiedete Bohrerspitze ein messerscharfes spiralförmig sich aufweitendes Gewinde zu feilen, damit der Bohrer beim Ansatz »zieht«.

Eugen Trittler hatte eigens für den Vortrag einen über 300 Jahre alten Nabenbohrer mitgebracht, dessen Bohrdurchrnesser durch aufschraubbare Schneideplatten vergrößert werden kann.

Gleich wie bei den Kettenschmieden kam zum Ausdruck, daß das Bohrermacherhandwerk beim Handschmieden viel Geschick und bei den großen Bohrern zusätzlich auch viel Kraft verlangte, und ferner, daß es auch hierbei heiß und qualmig zuging.

Unser Foto zeigt Bohrermacher Josef Wingert (Stöpsel), der bei Bäuerle arbeitete.

Trotz herber Rückschlage ist Oberkochen heute mit der Firma Gebrüder Leitz und weiteren Oberkochener Betrieben weltführend in der Herstellung von Holzbearbeitungswerkzeugen und Holzbearbeitungswerkzeugmaschinen.

Der Doppelvortrag, dessen offizieller Teil programmgemäß nach 1½ Stunden vorüber war, war »bewirtschaftet« und verlängerte sich aus diesem Grund bis spät Richtung Mitternacht.

Dietrich Bantel

 
 
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