Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 329
 

Kein kurzer Prozeß (1)

Im Jahr 1852 machte sich der Evangelische Kirchenkonvent große Mühe, Klarheit in einen nächtlichen Vorfall um den Oberkochener Polizeidiener Müller zu bringen. Das Protokoll der drei Tage in Anspruch nehmenden Verhandlungen von dem aus Pfarrer Dürr, Schultheiß Wingert und den Räten Widmann, Sapper, Wirth und Mek bestehende Gremium umfaßt 18 Seiten: Es war mitnichten ein »kurzer Prozeß«.

Damals machten in Oberkochen einige ledige Burschen Ärger. So hatten sie den Polizeidiener, der sie anzeigte, mit Steinen beworfen und auch gedroht, den Garten des Pfarrers zu verwüsten, und »in der Mainacht setzten sie dem Unfug durch wüstes Treiben die Krone auf«, so daß sich sogar der gemeinschaftliche evangelische und katholische Kirchenkonvent - ein solches »ökumenisches« Gremium gab es also damals! - am 27. Mai 1852 mit den Umtrieben beschäftigte.

Polizeidiener Müller
In derart aufgeheizter Atmosphäre tat nun Polizeidiener Müller Dienst. Am 21. Juni 1852 - es war ein Samstag - machte er seine Runde zur Polizeistunde durch die Oberkochener Gasthäuser. Nachdem er im »Hirsch«, »Ochsen«, »Pflug«, in der »Schell« und der »Grube« sein Sprüchlein aufgesagt und »abgeboten«, d. h. die Leute zum Heimgehen aufgefordert hatte, kam er auch zum »Lamm«. Dort saßen vor ihrem Bierkrug noch einige seiner »Bekannten« (die wir aber des Datenschutzes wegen nicht mit ihren richtigen Namen nennen), der Schmiedgeselle Melchior Grün, der Hafner Johann Georg Wildmeister und Johann Georg Itzelberger, ein Metzgersknecht. Obwohl sie bei seinem Eintreten die Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln anfingen, forderte er sie freundlich, aber bestimmt auf, nach spätestens einer halben Stunde das Lokal zu verlassen.

Die Zwischenzeit wollte Müller für einen Rundgang durch das Dorf nutzen. Plötzlich jedoch erblickte sein wachsames Auge etwas Ungewöhnliches: Die Scheuer im evangelischen Pfarrhof stand sperrangelweit offen und an der Haustüre brannte noch ein Licht. Da mußte er nach dem Rechten sehen. Er ging hinüber und traf Katharina, die Pfarrmagd, wie sie eben einen vollen Wasserkübel vom Brunnen geholt hatte und sich nun anschickte, in der Nacht noch die Treppe zu schrubben.

Müller kannte die Magd, hatte er doch wegen der »Verlassenschaft ihrer kürzlich verstorbenen Base Magdalena W« in letzter Zeit dienstlich mit ihr zu tun gehabt. Deshalb plauderte er ein wenig mit ihr, in allen Ehren, versteht sich. Doch als Müller wieder seiner eigentlichen Aufgabe nachgehen wollte, platzte plötzlich eine Männergestalt in die friedliche Szene mit »Geschrei und groben Reden voller Wut, so daß Müller gar noch tätliche Mißhandlungen befürchtete«.

»Gfondenes Fressele«
Wechseln wir nun den Schauplatz zum Trio der Zecher im »Lamm«. Nachdem Polizeidiener Müller das erste Mal abgeboten hatte, tranken die Burschen unwillig ihr Bier aus und machten sich auf den Heimweg. Als sie die Kirchgasse hinauftrotteten, kam plötzlich der Roßknecht des Hirschwirts Jonathan Honikel zu ihnen und flüsterte: »Eben ist einer im Rock in den Pfarrhof geschlichen, ich glaub, es war der Polizeidiener«. Das war für das Trio eine willkommene Gelegenheit, sozusagen »a gfondens Fressele«, um dem verhaßten Ordnungsdiener ein Bein zu stellen oder ihm eins auszuwischen.

Gesagt, getan. Melchior Grün schlich voraus, die anderen einige Schritte dahinter. Doch was mußte Grün vom Hinterhof des Hirschwirtshauses aus sehen? »Der Polizeidiener stand unten an der Stiege zur Pfarrwohnung und hatte die Magd ...« Da sah er rot, denn er hatte selbst ein Auge auf sie geworfen, sprang herzu mit Geschrei und schrie voller Wut und groben Reden auf den verdutzten und sich keiner Schuld bewußten Polizeidiener ein (womit wir wieder bei der Szene angelangt sind, die wir vorher verlassen haben).

»Liederliche Polizei«?
Um nun den weiteren Sachverhalt darzustellen, halten wir uns an das Kirchen-Konventprotokoll, das ausführlichst berichtet: Beim Verhör wiederholte Polizeidiener Müller zunächst, was wir schon wissen. Dann sagte er weiter: »Der Grün hat sich aufgeführt, wie wenn ich in Unehren mit dem Mädchen zusammengewesen wäre. Er schrie: »Das ist eine liederliche Polizei, die nachts den Mägden nachstellt«, wodurch er sich rächen wollte, weil ich ihn wegen des Mainachtsunfugs angezeigt hab«. Schließlich verließen Grün und Müller den Pfarrhof, wobei »der Grün mit vielen groben Reden voller Wut neben Müller herging und drohte, ihn zu mißhandeln«.

In flagranti ertappt?
Nun wurde Melchior Grün vom Kirchenkonvent »vorgefordert«. Er schilderte, wie er vom Hinterhof des »Hirsch« gesehen habe, wie der Polizeidiener an der Stiege stand und die Pfarrmagd Katharina im Arm hielt (und vielleicht sogar küssen wollte, wozu es aber nicht gekommen sei). Denn nun sei er (Grün) dazwischen gefahren, worauf die so in flagranti Ertappten angefangen hätten zu barmisieren und betteln, er solle dies doch nicht an die große Glocke hängen und sie in Unehren bringen (40 bis 60 mal hat Müller dies wiederholt, so sagt das Protokoll). Seine Meinung jedoch sei, man dürfe wohl wissen, auf welche Weise der Polizeidiener und die Magd sich getroffen hätten - »und dann sei er wieder ganz friedlich zum »Lamm« zurückgegangen«.

An dieser Stelle unterbrach Pfarrer Dürr die Verhandlung wegen der hereinbrechenden Nacht und »weil der Schultheiß noch eine »Aufstreichverhandlung« (Versteigerung) im »Ochsen« vorzunehmen hatte«. (Auch wir unterbrechen den Bericht, setzen ihn aber demnächst fort).

Volkmar Schrenk

 
 
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