Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 328
 

Johann August Betzler, Metzger

Streiflichter von »damals«.
Aus dem Besitz der Familie Betzler erhielt der Heimatverein dieser Tage einen 160 auf 64 cm großen alten Leinensack. Die in schönen geschwungenen Lettern aufgemalte Beschriftung lautet:

Johannes Betzler
Metzger
Oberkochen

Johannes Betzler wurde am 22.2.1855 geboren und starb 85-jährig am 23.8.1940. Das Betzler'sche Haus stand in der Heidenheimer Straße zwischen dem ehemaligen »Rössle« (heute Kochertalapotheke Mögel) und dem »Alten Rathaus« (heute Oberkochener Bank). Ein Foto, das aus den späten Zwanzigern oder den frühen Dreißigern stammt, illustriert die Gesamtsituation dieses Teils der Heidenheimer Straße, die man damals noch »Langgass« nannte, an einem Fronleichnamstag.

Unser Foto stammt ursprünglich aus dem Besitz der Familie Roos und gelangte über Adolf Wunderle an die beiden Pioniere der Oberkochener Fotosammlung, Isidor Rettenmaier und Rolf Stelzenmüller und von dort ins Archiv des Heimatvereins Oberkochen, dessen Fotodokumentation mittlerweile aus weit über 800 Fotos von Alt-Oberkochen besteht.

Martha Gold beschreibt uns das Foto wie folgt:

0 Zaun des dem Haus des »Storchenbäcks« Widmann vorgelagerten Gartens.
Diese unüberbaute Fläche gibt es bis auf den heutigen Tag.
Zwischen Garten und »Altem Rathaus« führt das Gässle zur »Grube«.
 
1 Altes Rathaus
Über dem Eingang die Fahnenstange, vor dem Eingang ein uniformierter Mann, wahrscheinlich der »Büttel«. Hinter der großen Scheuerntür stand das Fahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr. Rechts daneben hängt der Aushang-Kasten für Bekanntmachungen. Im Giebel erkennt man den Ausleger, an welchem die Feuerwehrschläuche hochgezogen wurden.
 
2 Haus des »Hergottshäfners« Winter/Fischer
Dieses Gebäude wurde 1945 kurz vor Kriegsende am 11. April 1945 durch eine Bombe völlig zerstört. 8 Personen kamen ums Leben.
 
3 Der kleinere nördliche Teil des Doppelhauses gehörte Joseph Brunnhuber.
Auch dieses Haus wurde bei dem genannten Angriff zerstört.
 
4 Der größere südliche Teil des Doppelhauses war das Betzlersche Haus, um das es heute geht.
Schon der genannte Metzger Johannes Betzler, (1855 - 1940) wohnte darin. Später nannte man das Haus nach dessen Sohn das Haus vom Betzler Paul. Auch das Gebäude Betzler wurde von der Bombe weitgehend zerstört. Ein noch stehen gebliebener Teil stürzte im Sommer 1945 ein. (Gebäude 1, 2, 3, 4 und 5: »geschlossene Bauweise«)
 
5 »Das Rössle« Zweigstelle der Kreissparkasse Aalen. (Heute Kochertalapotheke Werner Mögel).
 
6 Jenseits der Einmündung der Dreißentalstraße erkennt man das Gebäude »Uhl«
 
7 Die bisher aufgeführten Gebäude stehen/standen alle mit dem Trauf zur Straße. Die beiden nun folgenden Gebäude stehen mit dem Giebel zur Straße. Zunächst das Gebäude Steinle/Trittenbach.
 
8 Das letzte links erkennbare Gebäude mit Krüppelwalmdach ist das Gebäude Speth/Welt/Brenner.
 

Zurück zu Johannes Betzler.
Im Betzler'schen Familienbesitz befindet sich ein sehr altes, sehr dickes und stark zerlesenes Buch von 1882, das im Jahr 1862 erstmalig und 1882 in der 24. Auflage erschien, und das den folgenden Titel trägt:

Das Buch hat 1330 Seiten, die in durchnummerierten 2660 Doppelspalten bedruckt sind und ist mit Holzstichen illustriert, wie es allgemein üblich war, ehe die fotografische Reproduktion sich richtig eingebürgert hatte.

Johannes Betzler hat in dieses Familien-Buch eine Seite mit den wichtigsten Familiendaten und den Geburtsdaten seiner 10 Kinder eingelegt.

Hochzeit: 28. Juli 1885 mit Maria Katharina, geb. Fischer
Kinder:
Joseph Anton Betzler,
Johann Paul Betzler,
Hedwig Mathilde Betzler,
Paul Franz Betzler,
Maria Franziska Betzler,
Pauline Katharina Betzler,
Joseph Anton Betzler,
Anna Martha Betzler,
Katharina Cäzilia Betzler,
Josephine Betzler

Die 10 Kinder kamen im Verlauf von 16 Jahren zwischen 1886 und 1902 zur Welt. 2 von ihnen sind nicht alt geworden, - die anderen lebten teilweise bis fast in unsere Tage. Katharina Cäzilia Betzler (verh. Rettinger), geb. 1896, starb erst 1993 im Alter von 96 Jahren.

Ein weiterer Eintrag weist auf die »Goldene Hochzeit« im Jahre 1935 hin. Johann (Johannes) August Betzler vermerkte in säuberlich geschriebener deutscher Schrift:

Wir feierten am 29. Juli 1935 unsere Goldene Hochzeit im »Hirsch« unter Anteilnahme der ganzen Gemeinde. Zehn Tage nachher, am 7. August, starb die liebe Mutter unerwartet rasch. Johannes Betzler.

Auf die Rückseite des losen Blattes ist das Foto mit dem Jubelpaar geklebt. Die Aufnahme entstand vor der katholischen Kirche St. Peter und Paul.

Die Männer in Uniforrn sind von der »Kriegerkameradschaft«, (später Kyffhäuserbund). Auf der linken Fahne ist das damals erst 8 Jahre alte Gemeindewappen zu sehen.

In dem Buch gibt es nur noch einen einzigen Eintrag, der durch seine Einmaligkeit zeigt, welche Bedeutung dem beschriebenen Ereignis beigemessen wurde: Auf der letzten Seite des Buchs steht:

Im Jahre 1883, den 10. Juli, Nachmittag 1/2 2 Uhr, schlug das Hagelwetter das Sommer- und Winterfeld ganz zusammen.

Was sagen uns diese Notizen, vor allem die Jahreszahlen, heute?
Johannes Betzler, Metzger, ist 1855 geboren. Damals hatte Oberkochen nach den Angaben der von Dr. Christhard Schrenk fürs Heimatbuch zusammengestellten Chronik etwas über 800 Einwohner. 1888, bei der Geburt des 3. Kindes, hatte es schon 1132 und 1933, zwei Jahre vor der »Goldenen Hochzeit«, 1704 Einwohner. Als Johannes Betzler starb, hatte Oberkochen bereits über 2000 Einwohner - das heißt, die Einwohnerzahl von Oberkochen hatte sich verzweieinhalbfacht. Die wenigen Jahreszahlen, die Johannes Betzler notierte, gehen mit dieser Entwicklung einher - wir sollten sie uns gelegentlich vor Augen halten.

Dieses für die damalige Zeit enorme Bevölkerungswachstum ist in der zunehmenden Umstrukturierung des Dorfs vom Bauerndorf zum Industriedorf begründet, die 1860 mit der Einführung des Bohrermachergewerbes durch Christoph Jakob Bäuerle (1834 - 1891) ihren Lauf nahm. So war die kürzlich getroffene Entscheidung des Gemeinderats, den Namen Bäuerle in einem Oberkochener Straßennamen zu verankern, eine wichtige und eine richtige.

Es ist also keinesfalls so, daß das Dorf Oberkochen erst nach dem Krieg mit dem Zuzug der Firma Carl Zeiss zu wachsen begann.

Dietrich Bantel

 
 
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