Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 326
 

Eine Schleie aus dem Steinheimer See

Der Doppelmeteorit, der mit seinem kleineren Teil das Steinheimer Becken schuf, mit dem größeren das Nördlinger Ries, hat für ganz Süddeutschland eine Katastrophe bedeutet, bei der beinahe alles Leben vernichtet wurde. Erstaunlich ist, wie rasch die Wiederbesiedlung erfolgte.

Dabei war in beiden Fällen die Auswirkung auf die Landschaft enorm, die bestehende Be- und Entwässerung war gestört. Beide Krater füllten sich mit Wasser, das sich erst eine ganze Weile später jeweils einen neuen Abfluß nach Süden schuf.

In beiden Seen kam es zu einer starken Abscheidung von Süßwasserkalken, die bei Steinheim den Steinhirt und im Ries u. a. den Goldberg und den Wallersteiner Felsen schufen.

Im Steinheimer Becken wurden zahlreiche Fossilien gefunden, die uns eine gute Vorstellung vermitteln von Fauna und Flora vor etwa 14,7 Mill. Jahren. Als Beispiele zeigen wir das Skelett einer Schleie (Tinea furcata), die sich mir wenig von der heutigen Schleie (Tinea tinca) unterscheidet, das gilt auch für die Pflanzenreste (als Beispiel: ein Schilfblatt). Bemerkenswert sind die Unmassen kleiner Schneckenschalen, die zu »Schneckensteine« zusammengekittet sind. Reste von Säugetieren, Schildkröten etc. zeigen eine Fauna, die auf ein etwas wärmeres Klima als heute hindeutet, das etwa dem der heutigen Subtropen entspricht.

Die Schnecken aus Steinheim hatten noch eine andere wissenschaftliche Bedeutung: Charles Darwin hatte 1858 in seinem »Ursprung der Arten« behauptet, daß sich Arten durch kleine Schritte weiterentwickelten und in andere Arten umwandelten. Doch den Beweis mußte er noch schuldig bleiben. In Steinheim fand man die Schalen verschiedener Schneckenarten in einer gut dokumentierten zeitlichen Aufeinanderfolge. Es ließ sich ein Stammbaum aufstellen, der der Darwinschen These genau entsprach.

Eine Schülerin des Gymnasiums Oberkochen, Katrin Böhning, hat diesen Stammbaum mit Originalschnecken aus Steinheim nachgebaut.

Was hat das jetzt mit Oberkochen zu tun? Wir kennen aus Oberkochen keine Fossilien aus dieser Zeit. Der Fund einer Spaltenfüllung vom Pulverturm ist etwa 3 Mill. Jahre älter; er enthält aber nur Kleinfossilien (Zähne etc.) von Kleinsäugern, Salamandern usf. Nur 3 Mill. Jahre älter? Im Raum 2 des Heimatmuseums ist ein Abguß des von Dr. Friedemann Schrenk in Malawi gefundenen Unterkiefers eines Homo rudolfensis ausgestellt. Homo rudolfensis (und Homo habilis?) sind die ältesten Urmenschen, also Angehörige der Gattung Homo, zu der auch der Jetztmensch (Homo sapiens) gehört.

Und dieser Unterkiefer ist 2,4 Mill. Jahre alt! Es ist unwahrscheinlich, daß noch wesentlich ältere Urmenschen gefunden werden. Selbst wenn wir die Vorläufer, die Vormenschen der Gattung Australopithecus mit einbeziehen, dann kommen wir auf etwas mehr als 4 Mill. Jahre. In weniger als 3 Mill. Jahren hat sich also die Entwicklung der echten Menschen vollzogen! Was sind schon 3 Mill. Jahre!?

Wegen der geringen Entfernung nach Steinheim dürfen wir annehmen, daß die dort nachgewiesenen Tiere auch in Oberkochen vorgekommen sind. Die Meteoriteneinschläge von Steinheim und Nördlingen haben gewiß auch in Oberkochen alles Leben vernichtet. Sie müssen aber auch erhebliche Mengen von Explosionsschutt hierher geschleudert haben. Dieser Schutt wird aber hauptsächlich aus Jurakalk bestanden haben, er läßt sich deshalb nur schwer nachweisen. Gesteinsbrocken aus dem Ries wurden bis in die Gegend von Augsburg geschleudert (Reutersche Blöcke).

Ein Stück Strahlenkalk aus Steinheim zeigt, wie sich der Meteoriteneinschlag direkt vor Ort auswirkte.

Horst Riegel

 
 
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