Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 324
 

Neues vom Bilzhannes

Daß der Bilzhannes eine historische und keine sagenhafte Oberkochener Gestalt ist, habe ich schon mehrfach dargelegt. Ich habe auch nachgewiesen, daß sämtliche männlichen Nachfahren des Bilzhannes (Matthäus Wiedenhöfer, 1780 - 1840) nach USA ausgewandert oder ohne Nachkommen verstorben sind, es aber über weibliche Nachkommen bis auf den heutigen Tag direkte Nachfahren des Bilzhannes in Oberkochen gibt - eben mit anderem Namen.

Nun wird in einem Essinger Heimatbuch »Alte Geschichten aus Essingen und Lauterburg«, das 1976 im Einhorn-Verlag Schwäbisch Gmünd erschienen ist, von dessen Verfasser Georg Wiedmann auf den Seiten 49 und 50 die Geschichte vom Bilzhannes ohne Angabe von Quellen so erzählt, daß der Eindruck entsteht, der Bilzhannes sei ein Essinger gewesen.

Zitat:
»Zu dieser Zeit, also zu Anfang der 1800er Jahre, lebte auf der Bilz, einem Waldteil zwischen Essingen und Oberkochen, ein herzoglicher Jäger namens Hans Maier, den man den »Bilz-Hans« nannte. Er war ein ausgezeichneter Schütze, und er, sowie sein Sohn Leonhard waren immer bei den Jagden des Herzogs und späteren Königs Friedrich dabei. Hans Maier war eine sehr robuste Natur, der auch manchmal in einer Essinger Wirtschaft eins über den Durst trank. Wenn er dann in später Nacht wieder zur Bilz-Hütte emporstieg, habe er dann oben im Wald noch geschrien: »Teufel, komm raus, dr Bilzhans kommt!«

Er war zu Beginn unseres Jahrhunderts noch allgemein als sagenhafte Gestalt in Erinnerung und galt gewissermaßen als »Rübezahl« des Albuchs, der Schrecken eines Wanderers mit schlechtem Gewissen, aber auch der hilfreiche Geist der Armen oder der im Wald Verirrten.

Noch vor etwa 40 Jahren (D.B.: also unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg) lebte eine damals schon 80 jährige Frau in Essingen, deren Urgroßvater der Sohn Leonhard des Bilzhans war. Ihre Eltern hatten einst den Büchsenkasten (Gewehrschrank) des Hans von der Bilz hierherschaffen lassen und auch sein Pulverhorn soll damals noch vorhanden gewesen sein.«

Diese Darstellung ist ziemlich schief und weist mehrere Fehler auf.

1) Georg Wiedmann behauptet, daß Hans Maier »herzoglicher Jäger« gewesen sei. Dies trifft so nicht zu. Hans Maier war, laut Oberkochener »Todtenbuch«, »Bürger, Schuhmacher und Waldstreifer«. Richtig ist, daß Hans Maier, wie viele andere Waldschützen der Gegend desgleichen, zu den herzoglichen später königlichen (siehe 2). Treibjagden, die während einer Reihe von Wintern stattfanden, hinzugezogen wurde.

2) Einem weiteren Irrtum sitzt Georg Wiedmann darin auf, daß der Bilzhannes »herzoglicher Jäger« auch insofern nicht gewesen sein kann, als es infolge der napoleonischen Neuregelungen zur Zeit der berühmt gewordenen Treibjagd im Winter 1810/1811 in Württemberg keine Herzöge mehr gab. Der vormalige Herzog Friedrich I von Württemberg war bereits seit 1805 »König Friedrich I von Württemberg«. In dem Sagenbuch »Die Ostalb erzählt«, in welchem die Sage richtig erzählt wird, wird dieser Fehler nicht gemacht.

Der große Duden vermerkt: Friedrich I, geb. in Treptow a./Rega 1754, gest. in Stuttgart 1816. - Seit 1797 Großherzog. Gewann 1804 die Kur-, 1805 die Königswürde. Mitglied des Rheinbunds. 1810 große Gebietserweiterung. 1813 Anschluß an die antifranzösische Koalition. Vertreter des rücksichtlosen Absolutismus.

3) Georg Wiedmann unterschlägt, daß Hans Maier Oberkochener und keinesfalls Essinger Bürger war. Im Oberkochener »Todtenbuch« ist vermerkt, daß Hans Maier »Bürger, Schumacher und Waldstreifer« hier, also in Oberkochen, war.

4) Der flüchtige Leser gewinnt durch die Darstellung von Georg Wiedmann den Eindruck, daß die »Bilz«, womöglich ein Essinger Waldgebiet sei. Richtig ist, daß die Bilz kein Essinger, sondern ein Oberkochener Waldgebiet ist, in welchem ein Essinger Flurer nichts zu suchen hatte. Indessen wird innerhalb desselben zwischen vormals Ellwanger und vormals Königsbronner Bilz unterschieden - entsprechend der Besitzverhältnisse im Oberkochen vor dem Reichsdeputationshauptschluß im Jahre 1803.

5) Georg Wiedmann erweckt den Eindruck, daß Hans Maier der Bilzhannes sei, der auch an der berühmt gewordenen königlichen Jagd im Winter 1810/1811 teilgenommen hat, der Jagd, anläßlich derer der König den Bilzhannes in seinem Haus in der Bilz besucht hat.

Mit »Bilzhannes« verbindet sich bei uns Oberkochenern automatisch der Besuch König Friedrichs I im Bilzhaus (Winter 1810/1811) und die Geschichte mit dem qualmenden Ofen. Ohne diesen Vorfall würde heute niemand mehr vom Bilzhannes sprechen.

Hans Maier ist aber nachweislich über ein Vierteljahr vor dieser Jagd, nämlich am 6. August des Jahres 1810, gestorben und hatte übrigens bereits ab Februar des Jahres 1810 das Amt des Oberkochener Flurers nicht mehr versehen können.

6) Georg Wiedmann behauptet in seiner Darstellung, Hans Maier sei von robuster Natur gewesen. Tatsache ist, daß im Oberkochener »Todtenbuch« vermerkt ist, daß Hans Maier an »Dörr- und Lungensucht« relativ jung, noch nicht einmal 40 Jahre alt (»40 Jahr weniger 2 Tag«) gestorben ist.

7) In dem Bericht wird ausgeführt, daß Hans Maier nach der Einkehr in Essingen »wieder zur Bilz-Hütte« emporstieg. Bei dieser »Bilz-Hütte« hat es sich nachweislich nicht um eine »Hütte«, sondern um das große, nach dem 30-jährigen Krieg von eingewanderten Österreichern, aus Stein errichtete, allerdings in schlechtem Zustand befindliche, 17.30 m auf 12.70 m große auf Oberkochener Markung stehende »Bilzhaus« am Schneckenburren in der Bilz gehandelt, das dem »Bilzhannes«, der seine Wohnung in Oberkochen hatte, als zeitweilige Unterkunft diente.

8) Wo sich der Bilzhannes seinen Rausch angetrunken hat, bleibt offen - diese Ehre könnten wir beruhigt der Gemeinde Essingen überlassen. Seinen Branntweinvorrat für seine Aufenthalte in der Bilz allerdings hat der Bilzhannes als guter Oberkochener, wie dem Sagenbuch »Die Ostalb erzählt« zu entnehmen ist, in Oberkochen und nicht in Essingen gekauft. So ist eigentlich davon auszugehen, daß er in Oberkochen Stammgast und in Essingen hin und wieder Gast gewesen ist.

9) Ob die alte Essinger Frau die Urgroßenkelin des Sohns von Hans Maier, Leonhard Maier, war, oder nicht, ist für die Geschichte des »Bilzhannes«, nicht von Interesse, denn der im Winter 1810/1811 berühmt gewordene Bilzhannes war keinesfalls der zum Zeitpunkt dieser Jagd bereits verstorbene Bilz-Hans Hans Maier, und noch viel weniger dessen Sohn Leopold Maier, sondern der für den wohl schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr dienstfähigen Hans Maier vom Oberkochener Gemeinderat laut Gemeinderatsprotokoll bereits am 17. Februar 1810 zum »Gemeindeflurer auf Wohlverhalten«, aufgestellte Mattes (Matthias) Wiedenhöfer (1780 - 1840) aus Oberkochen, damals ganze 30 Jahre alt. Über Matthias Wiedenhöfer habe ich mehrfach berichtet.

10) Durch Krankheit und Tod von »Bilz-Hans« Hans Maier, ferner durch die auf den Winter 1810/1811 angekündigte königliche Jagd und die dadurch erzwungene schnelle Neubesetzung des Postens des Oberkochener Flurers wurde, so muß geschlossen werden, der Name »Bilz-Hans« = Bilzhannes auf Hans Maiers Nachfolger Matthias Wiedenhofer übertragen. Möglicherweise lief der »Flurer aus Oberkochen« in den königlichen Akten noch als Hans Maier, obwohl dieser schon einige Zeit tot und inzwischen durch Matthias Wiedenhofer ersetzt war.

Beide Oberkochener Flurer, der Waldstreifer Hans Maier und der Gemeindeflurer Matthias Wiedenhöfer, waren übrigens evangelisch.

Aus den Punkten 1 - 10 geht hervor, daß Georg Wiedmanns Darstellung, die den Bilzhannes nach Essingen verbucht, in keiner Weise haltbar ist. Der »Bilzhannes« war und ist Oberkochener.

Dietrich Bantel

 
 
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