Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 321
 

Bauerntrachten im Tal des Schwarzen Kochers - Teil 2

J. Mahler, Oberpostsekretär a.D. und Oberkochener Heimatpfleger in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts, veröffentlichte im »Spion von Aalen«, einer Beilage zur Aalener »Kocher Zeitung«, im Januar 1929 einen Artikel, der ein anschauliches Bild der Kleidung entwirft, die früher in Oberkochen getragen wurde. Der erste Teil seiner Darstellung wurde im vorhergehenden Bericht wiedergegeben. Dort war auch gesagt worden, daß als damals übliche Währungseinheit der Florentiner Gulden (= 1 fl.) in Gebrauch war. Hier ist nun der Schluß der Mahlerschen Abhandlung.

Vokmar Schrenk

J. Mahler, Oberkochen, 1929:
»Die Bauerntrachten im Tal des Schwarzen Kochers« - (Teil 2)
Burschentracht

Die Burschentracht war die gleiche wie die Männertracht. Statt der langen Kittel hatte jedoch der Bursch einen kurzen, nur bis zur Taille reichenden Kittel, das »Wammes«. Die Knaben trugen bis an das Knie reichende aus Zwilch *) gefertigte Hosen, sogenannte »Halbhosen« und zwilchene Wammes, die Reicheren blaugefärbte, die weniger Bemittelten naturfarbene, im Winter weiße, wollene Strümpfe und Halbschuhe. Im Frühjahr, Sommer und Herbst gingen Knaben und Mädchen, selbst ältere Leute barfuß und huldigten schon damals der Kneipperei.
*) Zwilch (oder Zwillich): Zweifach festgewebter Stoff.

Was Frauen trugen
Die Hauben
Bäuerinnen hatten meist drei Hauben, eine Sonntagshaube (15 fl.), eine Mittelfesthaube (15 fl.) und eine Hochfesthaube (20 fl.). Alle drei Hauben waren Bändelhauben, welche mit schönen, breiten, sehr langen, schimmernden, schwarzen Bändern unter dem Kinn festgebunden wurden. Der runde Boden dieser Hauben, das »Bödele«, war mit prächtigen Perlstickereien verziert. Es besaß einen 5 bis 8 cm hohen Rand, so daß die Stickerei in einer Vertiefung lag und von dort herausfunkelte. Am Rand waren mehrere (meist sechs) Seidenbänder verschiedener Länge angebracht, die einen wellenartigen Schimmer von sich gaben. Die kürzeren der Bänder reichten bis zur Taille, die längsten bis zu den Knien. Diese »Moarebänder« (vom Französischen »moiré«) wurden hergestellt, indem man zwei aufeinanderliegende, noch feuchte Bänder zusammen durch scharf pressende Walzen gehen ließ. Die starken, verschiedentlich übereinandergreifenden Kettenfäden preßten sich dann ungleich breit und erzeugten dadurch das wellenförmige Schimmern (= »gewässerter Zeuge«).

Das Gewand
Die Bäuerin trug ein von Silberfaden eingefaßtes, schwarzes Mieder, das mit einem roten silberverschnürten »Stecker« versehen war. Dieser »Stecker« war ein keilförmiges, ein wenig steifgemachtes Stück Tuch, das vorne in die Öffnung des Mieders gesteckt wurde, wodurch es möglich war, das Mieder enger oder weiter zu stellen. Das Mieder war meist mit Silberkettchen oder seltenen Silbermünzen behangen. Ein schönes, buntfarbiges, seidenes Brusttuch wurde um die Schulter geschlungen und die Enden in das Mieder gesteckt. Bei rauhem Winter wurde noch ein schwarzes, tuchenes, bis zur Taille reichendes Jäckchen angelegt, dessen enganschließende Ärmel um die Ellbogen rundum ausgepufft waren, ebenso wie der Ärmel oben an den Schultern ausgepufft war.

Die Fortsetzung des Mieders bildete ein rotwollener, fußfreier Faltenrock. Über dem Kleid wurde ein blau , später ein grünseidener Schurz getragen. Im Winter wurden wollene Schäle umgelegt.

Ein Mieder kostete 4 - 6 fl., ein seidenes Brusttuch 3 - 5 fl., ein wollener Faltenrock 15 - 20 fl., ein seidener Schurz 3 - 4 fl. und ein wollener Schal 8 - 10 fl. Im Sommer wie im Winter wurden weiße Strümpfe getragen. Kalblederne »Schliefschuhe« (= Halbschuhe) mit schönen silbernen Schnallen zierten den Fuß.

Um den Hals wurden zwei- oder dreimal geschlungene Silberketten getragen. Über der Brust hing an dieser Kette ein silbernes, seltener ein goldenes Kreuz. Die Bäuerinnen trugen am kleinen Finger kleine silberne Ringe. Eheringe und Damenuhren kannten die Bäuerinnen damals noch nicht.

Jungfrauenkleidung
Die Jungfrauen trugen die gleiche Tracht wie die Bäuerinnen, nur waren die Hauben kleiner und mit kurzen Bändern versehen. Die Kleider für die Mädchen wurden aus »reistenem« Tuch, d.i. grobe Leinwand, gefertigt. Sie bestanden aus einem einfachen Rock u. einem »Schöble« (= Jäckchen). Rock und Schöble waren meist blau, seltener rot gefärbt.

Trachten sind ausgestorben
Von der wirklich schmucken und stattlichen Männertracht verschwand leider nach und nach ein Stück um das andere, und in den sechziger und siebziger Jahren konnte man nur noch wenige Bauern sehen, welche aus alter Anhänglichkeit und mit berechtigtem Stolz ihre schöne Tracht noch trugen. Schneller noch als die Männertracht verschwand bereits in den Sechziger Jahren auch die Frauentracht, die wohl zu den schönsten und anmutigsten unseres Württemberger Landes gehörte. So sind mit den Trachten Volkstümlichkeit und manche Überlieferung, viele schöne Sitten und Gebräuche unserer Vorfahren verloren gegangen, ja man darf wohl sagen, ein Stück unserer Heimat ist mit den Trachten ins Grab gesunken.

Dietrich Bantel

 
 
Übersicht

[Home]