Serie „Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag“

 

Bericht 32
 

Es ist gerade gute 2 Jahre her, - genau war es am 5. Juli 1986, - als Kuno Gold bei uns zuhause war; es ging um Einzelheiten zu dem damals noch in Vorbereitung befindlichen Heimatbuch »Oberkochen - Geschichte, Landschaft, Alltag«. Herr Gold war so richtig ins Erzählen gekommen. Es ging, wie so oft, ums Dritte Reich, und um die Zeit danach. Seine Erzählungen waren immer spannend, meist etwas mit Humor gewürzt, und dennoch sachlich. Ich habe mir damals noch am gleichen Abend eine Reihe von Notizen zu diesem Gespräch gemacht, während dessen Verlauf Herr Gold folgende unglaubliche aber wahre Geschichte erzählte:

Die Geschichte mit den Pistolen vom Schmiedestein

Im Schmiedestein über der Kocherquelle befindet sich eine kleine Höhle, die schon in vorrömischer Zeit und in allen Epochen der Geschichte danach in unregelmäßigen Abständen immer wieder auch als Wohnhöhle gedient hat. Im Amtsblatt wurde schon verschiedentlich über diese interessante Höhle, die selbstverständlich unter Denkmalschutz steht, berichtet. Auch heute noch kommen ab und zu Jugendliche da hinauf, um dort »Räuber und Bolle« zu spielen, oder ein »Lägerle« einzurichten, wogegen absolut nichts einzuwenden ist.

Nun, - eben diese Höhle steht im Mittelpunkt dieser ungewöhnliche Geschichte, die sich in den letzten Kriegstagen zugetragen hat. - (auch unser letzter Bericht 31 handelte in dieser Zeit).

Kuno Gold und Wilhelm Braun hatten vereinbart, daß sie in den Wald gehen, wenn der »Ami« kommt. Kuno Gold schlug vor, mit Proviant für einen Tag in die Höhle am Schmiedestein zu gehen, die er als sein »Schlafzimmer« bezeichnete. Am 23. April 1945 begaben sich die beiden hinauf zum Schmiedestein, von wo aus man »herrlich« sehen konnte, wie sich die Amerikaner auf Oberkochen »einschossen«. Kuno Gold ging abends nochmal ins Dorf und sagte im Elternhaus: Ihr geht morgen früh um 5 Uhr in den Stollen vom Leitz (Bericht im Heimatbuch), - die Amis schießen sich auf Oberkochen ein, - morgen wird Oberkochen mit Sicherheit beschossen; - er selbst gehe wieder zurück zur Schmiedesteinhöhle - wie es dann auch geschah. Kuno Gold und Wilhelm Braun hatten selbstverständlich ihre Pistolen dabei. Am nächsten Tag lief alles wie vorhergesehen. Die beiden konnten vom Schmiedefelsen aus gut beobachten, wo die Granaten einschlugen, - wo Treffer waren, und wo's daneben ging. Kuno Gold konnte vom Versteck aus sein elterliches Haus gut einsehen; Wilhelm Braun dagegen, in der Volkmarsbergstraße zu Hause, konnte nicht ums Eck sehen. 100 Meter links vom Gold'schen Haus ging eine von vielen Granaten nieder. Auch wo das Tiefentalsträßle vom Haupttal abbiegt, auf der Höhe der B 19, ging eine Granate nieder; die beiden haben sich vor der Höhle einen Ast gelacht, weil die Amis so weit daneben geschossen haben.

Im Lauf des Tages wurde Wilhelm Braun unruhig, weil er nicht sehen konnte, ob nun bei ihm zu Hause etwas passiert sei oder nicht, und wollte partout runter und vor in den Ort, um zu sehen, ob zu Hause alles in Ordnung sei. Kuno Gold riet, besser bis zum Abend zu warten, da man sich bei Nacht besser ins inzwischen eingenommene Dorf schleichen könne. Fast hätte es Streit darüber gegeben; - letztlich setzte sich aber Wilhelm Braun durch - er war fast nicht mehr zu halten, so nervös und besorgt war er geworden. Also gab Kuno Gold nach, und sie brachen am hellichten Tag auf Richtung Oberkochen. Ihre beiden Pistolen versteckten sie oben in den Felsen beim Eingang der Höhle ehe sie aufbrachen.

Selbstverständlich hatten die beiden keine große Chance, unbehelligt in den Ort zu kommen. Schon bei Oppold stand eine amerikanische Wache, die die beiden bereits aus der Ferne bemerkte und ihnen mit einem Jeep entgegenfuhr. Sie mußten sich auf Kotflügel bzw. Kühler setzen und mitkommen. In der Ziegelstraße (Wacholdersteige/Leitzstraße) wurden sie, Kuno Gold vor den Augen seiner späteren Frau, umgeladen und nach Wasseralfingen gebracht, - dann weiter nach Heilbronn, wo sie ein paar Monate gesessen haben, ehe sie wieder nach Oberkochen zurückkehren durften. Die Amis haben ihnen vor ihrer »Abreise« aus Oberkochen alles abgenommen, was sie hatten, bis auf's Maschenmesser das Kuno Gold noch rechtzeitig in seinen Stiefel gesteckt hatte, da er ohne Taschenmesser nicht leben konnte, . . . . kann, sagte mir Kuno Gold damals, und zog zum Beweis sein Taschenmesser aus der Hosentasche.

Nebenbei ergänzte er, nachdem er die Geschichte berichtet hatte, daß er während der ganzen Zeit, die er in Heilbronn eingesessen hatte, eine Schußverletzung mit sich herumschleppte, die er am 5.2.1945 im Krieg erlitten hatte. Kuno Gold hat sich damals geschworen, nie mehr in seinem ganzen Leben zu schießen.

Als die beiden irgendwann dann, wieder zurück in Oberkochen, ihre im Schmiedestein hinterlegten Pistolen holen wollten, waren sie verschwunden.

Soweit die Geschichte von Kuno Gold.

Einige Wochen später unterhielt ich mich mit einem anderen Alt-Oberkochener über diese Zeit. Die Sprache kam auch darauf, daß Oberkochener nicht nur in längst vergangenen Zeiten die Höhlen zum Schutz in bösen Zeiten aufgesucht haben, sondern auch noch gegen Kriegsende im 2. Weltkrieg. Dann erzählte er mir, daß auch sie als Jungen immer da oben am Schmiedestein, wo eine kleine Höhle sei, gespielt hätten. Nach dem Krieg hätte er da oben 2 versteckte Pistolen gefunden, - die seien dort sicher von Soldaten auf der Flucht hinterlegt worden. Er sei damals nach Hause und habe von seinem Fund berichtet. Als er anderntags wieder zur Höhle im Schmiedestein gekommen sei, seien die Pistolen weg gewesen. Da müsse jemand unheimlich schnell gewesen sein, und viele kämen da nicht in Frage, die ihm die beiden Pistolen vor der Nase weggeschnappt hätten, denn es hätten am Abend zuvor ja nur ganz wenige Leute davon erfahren - er habe da so seine Vermutungen . . . . Nun, sagte ich, - die Pistolen könne ich ihm auch nicht wiederbringen, - aber immerhin könne ich ihm sagen, wer die einstigen und rechtmäßigen Besitzer dieser Waffen gewesen waren . . . . So konnte zumindest diese Frage nach über 40 Jahren gelöst werden.

Dietrich Bantel

Der von Kuno Gold erwähnte »Leitzstollen« ist eine in den letzten Kriegsjahren geplante und bis Kriegsende teilweise fertiggestellte unterirdische Fertigungsanlage der ehemaligen Firma Fritz Leitz. Herr Architekt Kenntner hat aus den uns von der Firma Carl Zeiss zu diesem Zweck überlassenen Originalplänen für das Heimatbuch eine interessante Zusammenzeichnung angefertigt, die die Ausdehnung der Fertigungsanlagen veranschaulicht. Die kreuz-schraffierten Teile waren bis Kriegsende fertiggestellt worden. Näheres im Heimatbuch Seiten 194 und 195.
Vorstehender Beitrag Nr. 32 sollte ursprünglich letzte Woche in BuG abgedruckt werden. Er erscheint, durch ein Versehen bedingt, leider erst heute.

 
 
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